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Gesicht seines Jugend- und Studienfreundes Ellivt, den er seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte'. Beide freuten sich herzlich des unerwarteten Wiedersehens, und Morgan willigte gern ein, den Freund nach Hanse zu begleiten, um dessen Gattin kennen zu lernen.
In gemütlichem Geplauder vergingen rasch einige Stunden. Georg Elliot frischte alte Jugenderinnerungen auf und erzählte dann, daß er seit nun sechs Jahren die Stelle eines Professors der englischen Sprache in einem Knabeninstitut bekleide und sich sehr wohl in seinen gegenwärtigen Verhältirissen fühle.
„Und Tu, alter Freund", schloß er seinen Bericht, „was hast Tu bisher getrieben? Ist es Dir gelungen, Dein Glück zu machen?"
„Mcht im geringsten", lachte der Andere. Mein Beruf als Ingenieur ist schlecht geeignet, Schätze zu sammeln."
„Also nicht verheiratet?"
„Bewahre, dazu wollte es bis jetzt nicht reichen. Im Augenblick bin ich ohne Stelle, und da ich keine besondere Lust verspürte, nach England zurückzukehren, kam ich in diese Gegend. Ich habe Empfehlungsbriefe an einen Herrn Colville hier, der mir vielleicht neue Arbeit zuweisen kann." „Also warst Du eine Zeit lang im Auslande?"
„Fünf Jahre in Holland. Tort giebt es ja in meiner Branche stets viel zu tun, wie Tu weißt. In letzter Zeit beschäftigten mich die neuen Pläne für die Zuyder See, und ich glaubte wirklich, einmal etwas von Tauer gefunden zu haben."
(Fortsetzung folgt.)
Draga.
Von Felix Salten.
Sie mag einmal in Belgrad recht beliebt gewesen fein, Draginja, die kleine Wtwe. Wir sind ja allzumal fündige Menschen, nicht wahr? Dabei sind wir auch nicht ungerecht und sogar vernünftig. Und wir begreifen es, wenn die hübsche Draga sich zu Helsen suchte, so gut es eben ging. Besonders da der verstorbene Herr Ingenieur sie unversorgt zurückließ. Was soll denn die arme Frau anfangen? Tas sehen alle Leute ein Md nehmen ihr nichts übel. Denn auch in Belgrad weiß man zu leben, sehr flott zu leben, sogar, wie berichtet wird.
Dann aber Lyn die Geschichte mit dem Wnig. Im Anfang freilich war auch das nicht weiter schlimm. Jin Gegenteil: vielleicht paßt dies betuliche Weibchen, dessen amüsante Zärtlichkeit von den Herren Offizieren so gerühmt wird, gerade für den scheuen, mit verschüchterten Trieben in sich gekehrten Jüngling. Sie wirb ihm' schon zeigen, wie Nett die Liebe sein kann. Draginja, die Gute, ist tüchtig und versteht sich darauf. Und sie wird diesen sonderbaren Mexander auf den richtigen Weg führen. Es ist, genau betrachtet, eine höchst natürliche Situation: der König hat eine Geliebte. Nun also! So ein Wnig muß beizeiten beweisen, daß er auch ein Mann ist. Das schadet niemandem. Höchstens, daß ein paar Herren vom Stab! sich ungemütlich fühlen bei dem Gedanken, die kleine Draginja werde nun 'Einfluß auf den König gewinnen, und für manche schnöde Behandlung Revanche suchen. Nicht jeder Mann benimmt sich nämlich in so kleinen Episoden durchaus liebenswürdig. Wer soll denn auch voraussehen, daß diese Draga.. .
Sia hatte so eine Art Pompadour werden können. Allmächtige Favoritin. Erklärte Maitresse Seiner Majestät. KönigMevchen. Aber sie wurde mehr. Sie bestieg den Thron, gegen den Mderstand der Minister, trotz dem Un- tvtllen der Armee. Trug die Krone, unbekümmert um all Hw Wut im Lande. Ward Königin, sie, die vorher eine flotte tletne Witwe gewesen, Jngenieurswitwe. Das ist schon eine ganz beträchtliche Leistung, und da steckt doch ine Kraft einer wirklichen Lebendigkeit drin. Man wird sagm.: dieser junge König Mexander war ja ganz närrisch WU ihr. Aber es hat schon viele junge Könige gegeben. Und viele dazugehörige hübsche Frauen, geübt in allen Künsten der Liebe. Und die jungen Könige sind ganz Narrisch gewesen, aber die hübschen Frauen hatten doch nicht die Courage, zu fordern: heirate mich. Sie dachten nicht daran, ihre Hand nach der Krone auszustrecken. Ihren: Ehrgeiz war die Maitressen-Karriere genug. Draga aber hatte die Bravour, und sie hatte den Mut, und sie hatte den höheren Ehrgeiz, und sie dachte: warum nicht?
Daran sieht man doch, daß sie eine merkwürdige FraU war.
Als Favoritin hätte sie es nämlich auch viel bequemer gehabt. Sie hätte diesen König, der so toll in sie verliebt war, am Hellen Tage plündern können. Brachte sie dann sein gutes Geld recht flott unter die Leute, dann wäre man sogar mit ihr zufrieden gewesen. An Macht hätte es auch nicht gefehlt. Die Minister hätten sich hinter die gescheite Draga gesteckt. Die Hofschranzen, die Offiziere, die ihr Avancement betreiben wollen. Im Salon der munteren Draga zu verkehren, das hätte einfach mit zur Karriere gehört. Sie hätte alle Streber des Landes um sich versammelt. Und wie man weiß, ist das eine Macht. In aller Bequemlichkeit hätte sie Serbien regiert, bei sich zu Haufe, in ihren: Empfangszimmer, im Privatkabinett. Man kennt ja die Hofhaltung solcher Favoritinnen. Dabei wäre ihr Konto bei der Bank von England immer größer geworden. Für die alten Tage. Und alle Welt hätte die kluge Frau bewundert. Vielleicht wäre sie eines Nachts eingeladen worden, das Land in aller Stille zu verlassen. Denn die Jntrigue hätte natiirlich nüitmcr gerastet. Vielleicht auch wäre eines Tages ein riesiges Skandal entstanden; man hätte das übermütig gewordene Königsliebchen arretiert und über die Grenze befördert. Keinesfalls aber läge fie jetzt ermordet und zerfleischt im Grabe; noch im Tode bespuckt, beschimpft und verflucht.
Die sittliche Entrüstung erwachte ja erst, als Frau Draga Königin wurde. Da erst sagte die Tugend, es habe sich nun das Laster zu Tische gesetzt, ging hin und benahm sich allerorten, wie es das Sprichwort für solche Mahlzeiten verlangt. Nun erst war alles unverzeihlich, was einst der hübschen Draginja gern verziehen wurde. Nun glaubte aus einmal jede Frau, sie sei besser als Draga, während die Keine Witwe vordem, weiß Gott, nicht die schlechteste gewesen. Die königlichen Ehren, die man ihr als der Geliebten Mexanders unter der Hand willig erwiesen hätte, man weigerte sie der ehemaligen Jngenienrsgattin jetzt, da sie sich wirklich Mr Königin emporgeschwuugen hatte.
Es ist ja mit den Königinnen eine eigene Sache, und die Geschichte der Draga wäre lehrreich auch ohne diesen fürchterlichen Schluß. So ein unschuldiges Prinzeßchen entpuppt sich ja oftmals als flotte Lebedame, wenn, es unter die gekrönte Haube gekommen. Man hat Beispiele und Exempel. Das ab'er schadet Ihrer Majestät nicht im geringsten. Weder bei Hof, noch im Volke. Wir haben Königinnen gesehen, großzügige, gewaltige Naturen, die ihre Männer vom Throne gestoßen, die Herrschermacht an sich gerissen haben, und die dann in aller Weisheit und Galanterie regierten. Die Ordnung der Dinge ward durch sie verkehrt. Mcht hübsche Frauen kokettierten an solchen HöfeU mit dem gekrönten Haupt, sondern hübsche Männer. Nicht verführte Mädchentugend, sondern Männerwürde ließ sich herbei zu Allerhöchst Plaisier. Dann wieder kennt die Geschichte Königinnen/ die sich's am munteren Ehebruch genügen lassen, ohne weiteren Ehrgeiz.
Und niemand denkt daran, ihnen diese kleinen, liebenswürdigen Schwächen Übelzunehmen. Man beugt sich s.- tief vor ihnen, als seien sie der Inbegriff aller irdsick Vollkommenheit. Die adeligen Damen küssen ohne Widerstreben die caressante Hand der königlichen Buhlerin, i n fremden Botschaftern fällt es nicht ein, sittliche Entrüstung zu markieren, und 'ihre Frauen vom Hofe fernzühalten. Jeder stellt sich blind ünd sieht nicht, was er nicht sehen soll. Wir find allesamt sündige Menschen. Wer will also den ersten Stein heben?
Wir sind aber auch allesamt recht heuchlerische Menschen. Und die gesellschaftliche Tartüsferie betreibt man als einen bequemen, wohlfeilen Spork. Sonst wäre doch der Widersinn nicht möglich, daß wir gegen die abgeschlossene, tote Vergangenheit strenger sind, als gegen die lebendige, immer noch tätige Gegenwart. Wir brauchen gar nicht das Beispiel nachlässig verheirateter Königinnen. Die ganze übrige Gesellschaft, die wir in einer merkwürdigen Verkennung des Wortes die „gute" nennen, gibt uns Beispiele genug. Wie gefestigt und sicher ist die Stellung einer Frau, die als unbescholtenes Mädchen in die Ehe tritt! Mag sie noch so viele Liebhaber erfreuen, mag die ganze Stadt ihre Passionen und Aventüren kennen, sie bleibt doch immer die Frau Gräfin so und so, die Baronin N. N., wird überall empfangen und ausgesucht, wohlgelitten, angesehen, manchmal sogar bewundert. Wem


