Freitag den 19. Juni.
Är. 89.
1903.
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sich die furchtbare- Aufregung nicht zu erklären vermochte. Ein Schauder ging« durch den Körper der Sterbenden, Totenblässe bedeckte ihre verfallenen Züge und tiefe Bewußtlosigkeit umfing ihre Sinne. So verging eine Stunde und dann kam das Ende eines Lebens, das sich lange trnb und freud? los dahingeschleppt, hart 'und stolz seinen Kummer vor gemeiner Neugierde verborgen und auch teilnehmender Freundschaft kerne Rechte zugestanden hatte.
Tie Nachricht, die Dr. Wilson ferner angstlrch harrenden Gattin brachte, wirkte sehr niederschmetternd auf dre gute, Dame: aber nachdem sie die halbe Nacht wach gelegen hatte, fügte sie sich in das Unabänderliche und beruhigte sich end- li ch mit dem festen Entschluß, ihre Enttäuschung niemanden merken zrr lassen. Anch Karoline Bassett verbrachte erng schlaflose Nackt. So plötzlich ihre schönsten Plane durch- kreuzt zu sehen, brachte ihr Blut rü stürmische Wallung. Tausenderlei Gedanken wälzten sich irr ihrem Hrrn; aber ehe sie mit Tagesanbruch ihr Lager aufsuchte, betrachtete sre lächelnd ihr fahles Gesicht im Spiegel und warf den Kopf zurück mit einer Geberde, die deutlich verriet, daß sre über eine schwierige Sache mit sich ins Reine gekommen ser „Also sei es so", nrurmelte sie vor sich hin. „Es blerbt mrr immer noch viele Hoffnung. Ich will warten, brs Ellmor Graham hierherkommt."
2. Kapitel.
Während Bridgehain mit neugierigem Staunen die Kunde von den Vorgängen in Westfields und dessen neuer Besitzerin vernahm, bahnte sich, weit entfernt von dem kleinen englischen Dörfchen, eine Bekanntschaft zwischen zwer Personen an, deren beiderseitige Zukunft durch Frau Grahams letzten Willen seltsam beeinflußt werden sollte, so wenig sie auch davon ahnten. ..
Es war Samst-agnachmittag. Ein plötzlicher Herbststurm fand den früh erleuchteten Salon des Kötels Louise tn Brüssel mit einer zahlreichen Gesellschaft gefüllt, dre hier vor dem strömenden Regen Schutz, aber zugleich auch für den langen Abend Unterhaltung suchte.
An einem der hohen Fenster saß ein junger Engländer, der gerade erst angekommen ivar. Aus der Tiefe seines Lehnsessels in der Ecke warf er gelegentlich halb erstaunte, halb geärgerte Blicke auf eine große Familie von Reisenden, die jeden arideren verfügbaren Sitz ut dem geräumigen Gemach ungeniert mit Beschlag belegt lstcktem Bon der Anwesenheit des einzelnen Herrn tu W Fensternische nahmen sie nicht die geringste Notiz. Sre verlangten gebieterisch hellere Beleuchtung, befahlen, daß der große Ofen augenblicklich geheizt werde Nicht geberdeten sich überhaupt wie Leute, die sich, auf ihren Geldsack pochend, überall als Herren der Situation fühleir. ,
Ihr kohlschwarzes Haar und ihre dunkle Hautfarbe kennzeichneten sie als Südländer, und ihre laute Unterhaltung wurde in einem Sprachgemisch geführt, das sehr wenig europäisch klang. Ter jugendliche Test der Familie ver-
(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Englischen von Clarä Rh ein au.
(Fortsetzung.)
Ter Doktor erfüllte ihren Wunsch. Großes Staunen malte sich in seinen Zügerr, während sein Auge die Zeilen dieses Testaments, korrekt in der Form bis zu seiner letzten Silbe, rasch überflog. Fräulein Bassett stand neben ihm, und aus ihrem dunklen, häßlichen Gesicht sprach die lebhafteste Neugier. , ., ,
„Eine Feder, bitte", sagte der Doktor, einen schwachen Laut der Kranken richtig deutend. Tie Feder war augenblicklich zur Hand, und mit einer letzten gewaltigen Anstrengung setzte Frau Graham ihren Namen unter das Dokument, ihrer Gesellschafterin und Dienerin diirch ein Zeichen bedeutend, das Gleiche zu tun.
In dem einen Augenblicke, da das Testament vor ihr lag, erfaßte Fräulein Bassetts scharfes Auge dessen Inhalt, und es war mehr als bloße Enttäuschung, es war Zorn, ja Bosheit, was sich in ihren Zügen ausdrückte. Sie wandte rasch ihr Gesicht zur Seite, es sollte nicht zum Verräter an ihr werdeti.
Ter Doktor bat jetzt die Jungfer, einen Augenblick in das Nebenzimmer zu treten und sagte dann zu Fräulein Bassett: „Bitte, richten Sie die Dame ein wenig auf, ich möchte, wenn möglich, ein Wort der Erklärung von ihr hören — langsam, langsam", fügte er hastig bei, als die Gesellschafterin in seltsam schroffer Weise die kleine Dienstleistung vollzog.
„Ohne Zweifel", redete er dann langsam und deutlich seine sterbende Patientin an, „ist Ihnen alles so klar, daß es des fehlenden Wortes nicht bedarf. Aber es ist notwendig, daß ich, dein sie ihr Vertrauen schenken, aufs Genaueste unterrichtet bin. Also Sie hinterlasen Westfields und Ihr ganzes Persönliches Besitztum Ihrer Enkelin: Ihrer Namensgefährtin Ellinor t— El—linor?" Fragend hielt der Doktor inne. Die Sterbende suchte etwas zu sagen, aber vergeblich. Ter schwache Atem entrang sich nur noch stockend der keuchenden Brust.
■■ „Ellinor — —?" wiederholte Tr. Wilson langsam.
Zu spät, die Stimme versagte. Tie Augen, die sonst >fo stolz und selbstbewußt geblickt hatten, erhoben , sich flehend zu der Gesellschafterin, der Vertrauten so vieler Jahre.
„Graham", ergänzte diese mit eigentümlicher Betonung, und ihre ohnehin schon abstoßenden Züge nahmen einen harten, ja grausamen Ausdruck an.
Tie fast leblose Gestalt in ihren Armen zitterte und machte eine verzweifelte Anstrengung, sich umzuwenden.
„Pst! kein Wort mehr!" flüsterte hastig der Doktor, der


