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das blutrot in der Abendsonne glühte, lockend und an- mutig wie der blumengeschmückte Busen eines Weibes.
Gott, Gott, warum gabst du dies zu! Niemals sind Füße schneller geflogen, als damals die meinen, und gleichviel berechnete ich unaufhörlich jeden Atemzug, jeden Schritt.
Ich mußte ihn erreichen. Ich mußte!
Bis zum Rufstein war die Gefahr nicht so groß; bis dorthin hieß es bloß dem Wege folgen.
Endlich erblickte ich weit drüben einen Schatten, der wuchs und zusammenschrumpfte und drei bewegliche Arme hatte.
Er war es niit seinem hohen Stock.
Er ging so leicht, daß selbst das Schwankmoor unter seinem Fuße sicher schien.
Ich wagte nicht zu rufen, aus Furcht. . . Ein einziger falscher Schritt konnte ja genug sein. Das Moor glühte immer blutroter, und seine Tausende kleiner Wasserlachen begannen zu flimmern wie grausame, saugende Augen.
Wenn er nur beim Rufstein rechts abbog, wo der Weg eine große Kurve beschrieb, so war er gerettet. Aber just zur Linken breitete sich das Moor so lockend und schön aus — und der Fußsteig schien gerade dort so sicher und fest.
Nun bemerkte ich, daß das Kreuz sonst zur Warnung »^gestellt, umgeweht war — vielleicht schon seit lange. Hierher kam ja fast niemals jemand.
Ich hatte keine Zeit, dem Fade länger zu folgen; ich lief querem, lief auf den ausgestreckten Händen des Todes, Herr, allein ich war ihm zu schnell, viel zu schnell.
Sonnen-Hans war jetzt beim Rufstein. Er blieb stehen, zögerte. . .
Das Gebet hatte nicht Zeit, meine Lippen zu verlassen, aber es saß in meinem Herzen.
Stürzte der Himmel ein, fielen die Sterne herab, wurde die Erde zu Trümmern und flammendem Feuer?
So war es für mich, Herr. Er wich links ab.
Nun rief ich:
„Hans, Sonnen-Hans, Hilfe, Hilfe, der Alte stirbt! Hans, Hans, Hilfe!"
Niemals hat eine Menschenstimme verzweifeltere Rufe ausgestoßen, aber der weite Moorwind zerriß den Schall zu nichts. Der Angstschweiß auf meiner Stirn war kalter Todesschweiß geworden, und dennoch zwang ich mich, niederzuknien, um durch die Stille dem Laut größere Stärke zu geben.
Da sah ich, daß das Moor atmete. Gott helfe ihm. Es atmete, atmete nach Raub.
Ich legte die Hände an den Mund und schrie laut, kaum mehr menschlich:
„Hans, Sonnen-Hans, kehr' um! Der Me stirbt!"
Er hörte mich nicht, und das Moor atmete immer heftiger, die hellen Wasseraugen flimmerten immer gieriger, und das Rot vertiefte sich immer mehr und mehr zu Blut.
Ich warf das Ränzel fort, ich warf den Rock fort, ich riß das Hemd auf, — ich lief nicht mehr — ich sprang.
Schon konnte ich die Maiglöckchen auf seinem Ränzel unterscheiden und den sonnenhellen Nacken. Ich sah ihn, nicht bloß als eine Form, sondern ich sah ihn.
Da. . .
Gott, Gott, warum erlaubst du das! Warum erlaubst du das!
Der Schrei, den ich hörte, war nicht stark, nicht unschön, angstvoll heulend. Er glich am ehesten dem Springen einer Geigensaite.
Der Todesschweiß auf meiner Stirn wurde warm; jedweder Nerv spannte sich, nun, da es galt, ihn vor dem Sicheren zu retten.
„Rühr' dich nicht, mein Junge!" rief ich. „Rühr' dich nur nicht, Junge! Ich komme schon."
Er wandte das Haupt mir zu und lächelte, lächelte, Herr. Dann flog etwas Weiches und Grünes durch die Luft hinauf auf den Rufstein — es war seine Brieftasche, ,das Andenken", das er mir soeben gezeigt.
Der Rufstein gab mir festen Boden, und ich kämpfte uni ihn, Herr, kämpfte mit zehnfacher Mannesstärke und mit hundertfacher Mutterliebe.
Doch was vermögen Menschenkräste gegen all diese tausend saugenden Tobet
Zuerst war tief in seinem Auge das Dunkel, Verzweiflung wohnte darin, die ganze bebende Lebenssehnsucht der Jugend wohnte darin. Doch als er merkte, daß ich zu schwach sei, da dankte er mir, sah sich um mit einem weiten Blick, wandte das Haupt der Sonne zu, schloß die Augen, lächelte und legte sich zur Ruhe auf das wogende Schwankmoor, so getrost, als sei dies die Mutter, nach deren Liebe er so lange und so vergebens verlangt.
Eine ganze Minute flammte das Moor mit dieser wunderbaren Menschenblüte. . . Dann zog es jubelnd den Atem ein . . .
Einen ganzen Tag saß ich unbeweglich auf dem Steine und starrte hinab in das Moor, mehr tot als er, denn ich sah nicht einmal die Sonne.
Olof, der hinkam, wiewohl zu spät, blieb einige Stunden bei mir, dann ging er, um Hilfe herbeizuschaffen. Zuletzt führten sie mich mit Gewalt fort. Monatelang lag ich auf meinem Bette, tödlich getroffen am Geist.
Der Pfarrer hatte die Brieftasche gefunden und den Eltern geschrieben; aber erst im Spätsommer kamen sie hier herauf, „um die Stelle zu sehen."
Die Mutter, die nur eines ganz gekonnt: „einmal sechzehn Jahre gewesen zu sein", eine gewöhnliche Frau, wenngleich schön, war in einem langen Trauerschleier gehüllt und weinte Mtltagsthränen; der Stiefvater dagegen, ein fetter Mann ohne Erziehung, wenn man so will, war voll Feiertagsweinen.
Damals, Herr, kam mir der Wille, auszustehen. Ich bekam Lust, ihn dort hinaus zu begleiten. Sie durfte nicht mit, obschon sie darum bat, und der Weg nun zur Herbstzeit sicher genug war. Nein, sie durfte nicht, durfte nicht.
Und der Stiefvater erzählte, wie geliebt der Junge gewesen, wie die ganze Landsmannschaft ihnen geschrieben und ihre Teilnahme ausgedrückt — wie er geliebt war von allen, außer etwa von einer . . .
Hier brach er ab und hustete.
Nur von dem Jungen sprach er, welch herrlicher Mensch er gewesen, wie gut gegen die Geschwister, wie gut gegen alle und wie begabt. Immer Nummer Eins! Und er sprach und weinte, weinte und sprach, ich aber weinte nicht, ich, Herr . . . Mutterschmerz ist wohl bisweilen so!
Sie hatten ein Marmorkreuz mitgebracht, aber es verunglückte auf dem Wege hinaus. Sie schickten ein neues her, allein es erging ihm ebenso.
Ihm, Sonnen-Hans ein Kreuz!
Es hätte ihn nur beschwert.
Neige dich vor, Herr, weit, weit vor! Siehst du dort weit draußen auf dem Moor etwas Weißes glänzen unter dem schimmernden Gelbroten? Das sind Maiglöckchen, seine Maiglöckchen! Ich hab' sie hinausgetragen, Scholle um Scholle, und sie haben Wurzel geschlagen, Herr, bei ihm Wurzel geschlagen.
War es darum, daß sein junges Sonnenleben angezündet und verlöscht wurde — damit die Maiglöckchen draußen auf dem Moore gedeihen sollten? Oder war es, damit ich, der Einsame, einer Muttep Freude und Leid kennen lernen sollte? Oder war es, dam^die Dämmungen endlich zur Ausführung gelangten? Wer weiß, wer weiß es? Die Menschen leben bisweilen zu> -j wunderlich werng — und zu so wunderlich viel. Du kannst in den Zeitungen jenes Jahres von dem Ereignisse lesen.
Tie Rubrik ist: „Schrecklicher^Tod".
Aber war es schrecklich?
Durfte er nicht das Programm seines Lebens erfüllen, „ein Leben in Sonne, ein Tod in Sonne?" Wie vielen Menschen ist dies beschert?
Aber--! Hätte — ich — nur das nicht gesagt —i
das — von dem Wege!
Hätt' ich nur das nicht gesagt!
Wie strömendes Sonnenlicht am er mir dort entgegen auf dem Fußpfade, wie strömendes Sonnenlicht!
Sv jung, so schön, so . . .
Verzeih-' die Tränen, Herr. , Sie sind dreißig- Jahre unterwegs gewesen, ich hab' mich so sehr nach ihnen gesehnt, aber jetzt erst sind sie Hervorgeorochen.
Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r
Burenhel de«.
Redaktion: 6urt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'sche« UniverfitLU-Buch- und Cteindruckerei (Pietstb Erden) in Gieße«.


