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Brust, und in der Hand hielt er einen Strauß derselben Blumen, noch mit der Erde um die Wurzeln.

Sein Schritt war leicht, und hie und da strich er die Wange gegen die rechte Schulter, als trüge er da unter dem Rocke einen versteckten Schatz.

Der Anzug war der eines Touristen, und er rief mich an, um zu erfahren, ob es noch weit bis ins Dorf sei.

Ich dürstete just so sehr nach einer Menschenstimme ich hatte mich müde geträumt und müde gedacht und war so gierig, lieben zu dürfen und er war so herrlich! Der Sonnengott selbst!

Nie vorher hatte es mein Herz so zu einem Fremd­ling gezogen nie! Ich brachte es ganz einfach nicht über mich, ihn sofort ziehen zu lassen, und so sagte ich fast bittend:

Tie Sonne sinkt bereits, Herr willst du nicht bei mir ausruhen? Zum Dorfe ist noch ein bergiger und mühseliger Weg. Du bist wohl müde?"

Müde?"

Tu hättest sein Lachen hören sollen, Herr! Es brach hervor wie ein tanzender Bach, wie eine jubelnde Jugend­hymne. Tann winkte er und setzte den Weg fort.

Ich versichere dir, mir war's> als habe alles Glück der Welt vor meiner Hütte gestanden und sich geweigert, einzutreten. Ich schäme mich, es zu sagen, aber ich folgte ihm von weitem, folgte ihm, wie man dem Lichte folgt.

Meine langen kniebeugenden Waldwandrerschritte fielen wie schwere Steine in seinen leichten rhythmischen Gang. Ich hörte es, blieb aber doch nicht stehen.

Plötzlich wandte er sich um.

Warum folgst du mir, Mer?" fragte er.

Alter! Ich, der ich in vollster Manneskraft war! Aber von ihm verletzte das Wort mich nicht. Im Gegen­teil, ich senkte schuldbewußt den Kopf. Ich hatte ja kein Recht, ihm zu folgen.

Nun lachte er wieder, diesmal aber das feine, ver­ständnisvolle, etwas stegesstolze Lachen eines Weibes. Dann nickte er, und ich sprang an seine Seite, und in zwei Minuten marschierte ich ebenso jung und keck wie er.

Ich erfuhr, daß er Student sei, und Hans heiße. Wie er sonst hieß, gab ich mir keine Mühe, mir zu merken. Für mich war er schon damalsSonnen-Haus", undSonnen-Hans" steht aus dem Denkmal, das in meinem Herzen errichtet ist.

Er sprach rasch und ein wenig abgebrochen, während er unaufhörlich den Kopf herumwarf, um rechts und links alles des Ansehens Werte einzuschlürfen.

Er hatte die Gabe, Wunder zu entdecken, Herr, das merkte ich sogleich, und sie zu verstehen. Die Stirn war die des Denkers, der Blick zuinnerst der des Träumers, der Mund aber eines Mädchens ungepflückte Rose.

Fürchtest du dich nicht, einsam und allein hier in den Einödwäldern umherzuwandern?" fragte ich endlich, so ängstlich schon um ihn, wie eine Mutter um ihren spätgeborenen Liebling.

Fürchten?" Er lachte.Mrchtest du dich, Mer?"

Ja", entgegnete ich demütig.Man wird hier furcht­sam, weil man immer der Geringste ist!"

Seine schönen Mädchenlippen kräuselten sich im Trotze, und dann beschleunigte er die Schritte, verstärkte sie zu einer Art wiegenden Rhythmus, der mich fast trunken machte von Jugendgefühl und Jugendmut.

Auch unglücklich gewesen? Sag' Alter?" flog die Frage aus der uns umschwirreuden Luft.

Ja", erwiderte ich ebenso demütig.Wie hätte ich sonst das Glück kennen gelernt?"

Ter schöne Lippenbogen spannte sich wiederum in blut­rotem Trotze.

Freilich, freilich", sagte ich.Wer hätte es wohl zuwege gebracht, dir Kummer zu machen?"

Er zuckte zusammen, und starrte vor sich hin. Mir fchren's, als fiele Dunkelheit aus den blauen Augen hinaus ut das Sonnenlicht um ihn herum. Doch nur einen einzigen kurzen Augenblick währte der Schatten. Dann lachte er wieder und plauderte sorglos.

Mutter war sechzehn Jahre, Vater einundzwanzig, tcy geboren wurde. Aus so etwas wird Freude, ver­stehst du, Alter? Wer doch bin ich gehaßt worden. Und weißt du, wer mich gehaßt hat? Mutter ja sie, die nur eines ganz konnte einmal sechzehn Jahre ge­wesen zu sein!"

Er hielt plötzlich inne, und preßte die Maiglöckchen

in der Hand so gewaltsam, daß sie in Todesangst erbebten.

Tu thust ihnen weh", sagte ich einfach. Augenblicklich tauchte er die verletzten Blumen in den Bach und legte sie hierauf zärtlich und -behutsam auf den flachen Oberrand des Touristenränzels.

Tu mußt nicht glauben, Mer, daß ich zu bedauern war. Oh nein! Tie Freude hat niemand aus mir heraus­reißen können, und der Stiefvater, das von den Eltern angeschaffte Namensschild, er hat mich lieb gehabt, tausend­mal mehr als seine eigene zahme Alltagsbrut!"

Es waren Mränen in seiner Stimme für den, der gut hörte. Diese Gedanken hatten wohl lange in ihm geschwärt und geschmerzt meine Sympathie wurde die Lanzette. Dann aber . . . Wie strahlend glücklich war er doch, wie schön, wie liebenswert! Er sprach von der Natur, von Upsala, von den Kameraden, von seiner Ar­beitsfreude und seinem Arbeitsziel.In der Sonne leben und in der Sonne sterben dadurch, daß man das Leben für andere lebt."

Der Schatten schnitt immer tiefere Zacken in die Waldwipsel. Ich wußte, daß ich ihn verlassen sollte, und dennoch folgte ich ihm, feig in meiner Furcht, ihn viel­leicht niemals wiederzusehen.

Ter Weg war ermüdend, endlose Sümpfe und himmel­hohe Berge. Zuletzt verlor er die Geduld.

Giebt es keinen kürzeren Weg?" fragte er ungedul­dig. Tie Jugend in ihm war schon desewigen Einer­lei" müde.

Ja", erwiderte ich ruhig.Es giebt einen kürzeren Weg, aber der ist ungangbar, denn der Frühlingsnebel liegt noch, und auch sonst ist er kaum zu benutzen."

Jetzt fürchtest du dich, Alter!" lachte er.

So ist es", antwortete ich.Ich fürchte mich für zwei oder vielleicht für zehn!"

Sein Händedruck, Herr, als ich es endlich über mich gewann, mich von ihm zu trennen, wärmte bis ins Herz hinein. Sonnblut giebt andere Wärme als gewöhnliches Blut.

Ich weiß, du wirst mich nie vergessen, Mer!" rief er mir nach mit seiner frischen, ein wenig siegesgewissen Stimme. Er kannte seine Macht. Nun, war das zum Wundern?

Ich winkte mit der Hand eine Bekräftigung seiner Worte. Da lief er zurück, umarmte mich und drückte mir den einen Strauß Maiglöckchen in die Hand.

Dann setzte er seinen Weg im Sonnenschein fort, und ich bog in den Wald ab, wiederum ein einsamer und kinder­loser Mann.

Ich weiß nicht, wie lange ich gegangen war, vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht mehr, als meine Füße plötz­lich wie vor einem gähnenden Abgrunde innehielten und eiskalter Schweiß mir aus der Stirn brrach. Ich war zu alt, um nicht auf dergleichen zu achten. Doch wem galt das Vorzeichen?

Gefahr, Gefahr!" scholl es in der Luft um mich her. Gefahr, Gefahr!"

Gott im Himmel, wem galt das Vorzeichen?

Hastig wandte ich mich um, und sing an zu laufen, ohne zu wissen, warum und wohin. Da aber kam die Gewißheit wie ein mitten ins Herz geschleuderter Speer.

Hans, dem Sonnen-Hans, einsam draußen aus dem Todesmoor, ihm galt das Omen!

Gott im Himmel, warum sagte ich, daß ein kürzerer Weg da sei!

Nun aber hieß es denken, schnell denken. Und ich dachte damals schneller als der Gedanke selbst. Bog ein durchschritt eine Rodung und fing an zu laufen, ruhig und berechnend, denn ich wußte, mit wem ich wettlief.

Wie ich auf die Landstraße herauskomme, sehe ich Olof vom Sjö dastehen und gaffen, den Kopf dem Todes­moore zugewendet.

Es bedurfte weiter nichts, um zu begreifen. Olof war ein Schwachkopf, einer, der immer mit dem wenigst Wichtigen begannn. Wenn er etwas berichten sollte. Natür­lich hatte er angefangen, zu beschreiben, wo der Weg ginge, statt zu sagen, daß er zum Tode führe für jeden, der nicht jedes Hügelchen, jeden Halm, jede Schattierung kannte.

Doch jetzt war keine Zeit, sich zu härmen!

Ich rief Olof zu, er möge sich beim Häusler KarI Stricke verschaffen, dannn stürzte ich auf das Moor tzinausy