Ausgabe 
18.11.1903
 
Einzelbild herunterladen

886

Schleppe hatte Sir Harry's Fuß berührt, sie drehte den Kopf, und die kalten, blauen Augen ruhten auf Jane's entzückendem, blassen Gesicht.

Jane!" rief sie überrascht,Du hier? Wie hätte ich denken können, Dich hier zu treffen!"

Jane, mit einem Gesicht so farblos wie ihr Kleid, hatte sich erhoben und antwortete mit fast unnatürlicher Ruhe: Ich habe Dich schon seit einigen Minuten gesehen."

O, dann warst Du es also, gegen die wir rannten", sagte Julia lachend.Mir erschien das Gesicht der Dame bekannt, aber an Dich, dachte ich nicht, sehr natürlich; denn ich konnte nicht erwarten, Dich hier zu finden. Aber wie kommst Du hierher? Wo hältst Du Dich auf?" fuhr sie mit einem fragenden Blick auf Sir Harry fort, welcher an Miß Grattons Seite getreten war, wohl bemerkend, daß die Begegnung keine angenehme für Jane war.

Ich bin zu Besuch in Pates-Hall!" war die ruhige Antwort.Geht es Dir gut, Julia?"

In Pates-Hall! Ist es möglich! und"

Sind alle wohl, Julia, ist Mary auch hier?" fragte Jane in einem Tone, in dem sich Schmerz und Furcht mischten, und der den jungen Mann an ihrer Seite mit Sorge erfüllte.

Nein, Mary ist nicht hier, ich bin mit Mrs. Brown befreundet und einige Tage hier Gast." Mit scharfen Worten fügte sie hinzu:Ich dächte, Tu müßtest besser wissen als ich, wie es uns allen geht, Willy schreibt Dir ja täglich. Er weiß natürlich, daß Du hier bist?"

Ja, natürlich!" hauchte Jane.

Jane, willst Du mich nicht Deinen Freunden vor­stellen?" fiel hier Sir .Harrys Stimme ein, des jungen Mädchens Herz schmerzlich berührend.

Ruhig und fvrmgemäß vollzog sich diese Vorstellung, obgleich sie sich über sich selbst wunderte, woher sie hierzu die Kraft nahm; es war wie eine Art Verzweiflung.

Julia lächelte beglückt, als Sir Harry sie um einen Tanz bat, und sagte ihm den nächsten zu. Der" junge, schöne Gentleman war ihr längst ausgefallen und es war ihr ein erfüllter Wunsche mit ihm zu tanzen. In diesein Augen­blick kam ein junger Herr zu Jane:Endlich bin ich an der Reihe, Miß Gratton, ich bin glücklich, daß ich Sie ge­funden habe."

Mit diesen Worten führte er sie aus dem Gewächs­haus nach dem Saal, in welchem der Tanz bereits in vollem Gange war. Zurückblickend gewahrte Jane noch wie Sir Harry seine Dame zu dem von ihr verlassenen Sitz führte und sich selbst neben derselben niederließ.

Wie Jane diesen Tanz beendet und durchgeführt hatte, wußte sie niemals später. Sie hatte das unklare Bewußt­sein, daß sie geplaudert und zugehört, daß sie sogar ab und zu gelächelt hatte. Die Musik erschien ihr taktlos und unruhig, ihre Augen schmerzten von dem Hellen Licht, ihr Kopf schwindelte und tat ihr weh. Und vor einer halben Stunde noch war sie so glücklich und froh gewesen; nun konnte sie es nie mehr sein. Trotzdem bemerkte sie mit dem ersten Blick die Veränderung in Sir Harrys Gesicht, als dieser nun auch seine Dame wieder in den Ballsaal führte. Er war heiter wie zuvor und plauderte munter mit Miß Smith, nur das scharfe Auge der Liebe konnte tief im Hintergründe der glänzenden, grauen Augen jenen Aus­druck von Härte und Starrheit wahrnehmen, jene feinen Falten um den schöngeformten Mund, die vorher nicht dort waren, jetzt aber dem Antlitz einen Zug von unend­licher Verachtung verliehen. Mit Bleischwere siel der Ge­danke in Janes gequältes Herz: er weiß alles!

Die Musik verstummte nun zur großen Pause; Jaues Herr führte sie zu einem Sitz und sagte:Wir werden um 12 Uhr speisen, es ist bald so weit; für mich ist wohl wenig Hoffnung, Sie zu Tisch zu geleiten, Miß Gratton? Sie sehen leidend aus! Dennoch hoffe ich Lady Pates wird nicht so früh fahren!" Dann zu Sir Harry gewendet, der herangetreten war:Sir, Miß Gratton ist ermüdet, sie sieht aus, als könye sie keine Anstrengung mehr ertragen."

Es ist zu warm im Saal; ich wollte Sie eben fragen, Jane, ob Sie etwas frische Luft atmen möchten, auf der Terrasse ist es angenehm, ich hole Ihren Mantel."

Zustimmend neigte Jane das Haupt, und Sir Harry hüllte sie sehr höflich,, aber sehr'kalt in ihren Mantel, bot ihr den Arm und führtk! sie durch das Gewächshaus hinaus.

4. Kapitel.

Der Mond stand klar am Himmel, sein Silberlicht fiel auf die Terrasse mit dem breiten Steingeländer, welches in den Garten hinabführte. Die Anlagen waren mäßig, aber das zauberische Mondlicht verlieh ihnen eine Vornehm­heit, welche sie am Tage nicht besaßen. Das Haus sah stattlicher aus als sonst, die Bäume warfen wunderliche Figuren, bald schienen es Riesen, bald Zwerge, die von den Schatten gezeichnet wurden. Das Mondlicht verändert und verschönt alles.

Als das Paar hinaustrat, schloß Sir Harry die Tür, ließ Janes Arm los und bot ihr den seinen nicht wieder. Stumm schritten beide bis an das Geländer, gegen welches sie nun lehnten, Jane war einer Ohnmacht nahe und vermochte sich kaum aufrecht zu erhalten. Aus den Fenstern des Hauses kamen Ströme des warmen, goldenen Lichtes, einen scharfen Gegensatz bildend zu dem bleichen Schein des Mon­des; es war hier außen totenstill, leise und gedämpft er­klangen die süßen Töne der Musik, welche während des Soupers Mozarts und Verdis schönste Weisen spielte. Nein, nein, es war unmöglich! Und doch, weshalb war sie erblaßt und zitterte sie bei dem Anblick von Julia Smith? Da wußte sie, daß ihr Betrug offenbar wurde, daß ihre Lüge verraten war.

Jane, wie konntest Du mir das autun, wie mich so betrügen!" Es war ein Ton des bittersten Schmerzes, der das Leid verriet, welches in seinem Herzen wühlte. Doch gleich darauf erzwang sich der junge Mann seine äußerliche Ruhe zurück, seine gewohnte, kühle Vornehmheit, nur die Stimme klang heiser von Aufregung und sein Gesicht sah verzerrt aus in dem kalten Mvndlicht.

Noch vor einer Stunde hätte ich mein Leben gegeben für Ihre Treue und Wahrhaftigkeit! Jetzt habe ich nur die Frage: Warum diese Lüge, warum? Verlobt mit einem andern, der Ihnen wahrscheinlich auch vertraut, der arme Narr! versprachen Sie, mein Weib zu sein. Wissen Sie nicht, daß die einfachste Sitte wenigstens oie Rücksicht verlangt, der alten Liebe Lebewohl zu sagen, ehe man die neue beginnt?" Kalt und verächtlich blickten seine Augen dabei auf das Mädchen, welches erschauernd und wankend vor ihm am Geländer lehnte.

Ich habe unüberlegt, besinnungslos gehandelt", flüsterte sie tonlos.

Unüberlegt! leichte Ausrede! man nimmt den reicheren Mann für den ärmeren. Meinen Sie, ich glaube noch an Ihre Liebe?"

Wie verwundet zuckte Jane bei diesen höhnischen Worten zusammen, entsetzt heftete sie ihre Augen auf ihn.Sie glauben, daß ich daß Ihr Geld es war?"

Was weiter? Doch fürchten Sie nichts! Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen/ keine Erklärung verlangen, nur Antwort will ich haben auf die Frage: Hat Julia Smith ein Recht zu sagen. Sie seien mit ihrem Bruder Willy verlobt? Aber die Wahrheit diesmal!

Ja."

,',Unb als Sie mir sagten, er sei nur ein Freund von Robert und von Ihnen, haben Sie gelogen, wissentlich gelogen?"

Ja."

Während einiger Minuten herrschte eine Totenstille zwischen den beiden, in welcher man nur das heftige Atmen Sir Harrys hörte. Dann ermannte er sich und sagte: Wir wollen ins Haus zurück, es ist kalt. Wollen Sie Ihrem Verlobten mein Bedauern melden, daß ich ihn aus kurze Zeit unwissentlich verdrängt hatte."

Halt!" schrie das Mädchen mit einer Stimme, welche kaum noch Aehnlichkeit mit den sonst so sanften Tönen hatte,halt. Sie müssen mich hören! Denken Sie, ivie groß die Versuchung war, ich liebte Sie, ich fürchtete"

Ich will und brauche nichts weiter zu hören", rief er zornig,Sie haben mich belogen, betrogen. Keine Liebe, keine Ergebung vermag das zu entschuldigen. Uebrigens gestatten Sie mir, eine Liebe zu bezweifeln, die zu solchem Betrüge fähig ist."

Verzweifelnd seinen Arm ergreifend, rref sie: ,,^cy liebe Dich, Du weißt es; ich liebe Dich, nur Dich allein! Ja, ich bin schlecht, ich habe gelogen! Aber ich sprach die Lüge nur, weil ich Tim so grenzenlos liebe! Ich brn mit Willy Smith verlobt auf den dringenden Wunsch meines Bruders; idj mochte chn gern, er war sehr gut zu mir, und"