Ausgabe 
18.7.1903
 
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Wir werden doch nicht tragisch werden", sagte sie kalt. Sie baten mich, Ihre Frau zu werden, warum> das weiß ich nicht. Der Grund wird wahrscheinlich später zutage treten. Ich weiß diese Ehre zu schätzen, aber ich lehne sie dankend ab. Et voila tout."

Verzeihen Sie, das ist noch nicht alles", verbessert« er mit gefährlicher Sanftmut.Ich erkenne das Vorrecht Ihres Geschlechtes an, das letzte Wort bei allem zu behalten; in dieser Angelegenheit bin ich jedoch geneigt, es dem Indi­viduum abzusprechen."

Etta Beaumont lächelte. Sie lehnte, das Kinn auf die zierlichen Finger gestützt, am Kamm, zuckte die Achseln und wartete.

Herr von Chauxville war eitel, aber klug genug, seine Eitelkeit zu verbergen; er war verletzt, aber Mann genug, das nicht sehen zu lassen. Unter der Passivität, die ihm von Natur aus und durch lange Uebung eigen war, hatte er gelernt, rasch zu denken. Nun aber befand er sich im Nachteile. Seine Liebe für Etta, der Anblick Ettas, wie sie so kühn, so verwegen schön vor ihm stand, der Gedanke, daß sie nie sein werden würde, entnervte ihn.

(Fortsetzung folgt.)

Mutterauge und Mutterliebe.

Kennst Du jenes Ange, das gleich einem ztveiten Schuh­geiste mit wachsamen Blicken das Kind vor vielen Fähr­nissen hütet, dessen seelenvolle Teilnahme all Würden und Bürden unseres Erdendaseins gleich einem lieblichen Stern verklärt, und das noch nach seinem Erlöschen tvie ein sanftes Abendrot hineinstrahlt in das Dunkel des Lebens das Mutterauge? Es übertrifft an Milde und Schärfe alle übrigen und dringt bis in die tiefsten Tiefen der Seele, sodaß, wenn alle irren, das Mutterauge sich so leicht nicht irrt. Schauen wir hinein in unsere deutsche Literatur. Der Wanderbursche, der mit bestaubtem Haar und sonnver­branntem Antlitz aus der Fremde und Ferne heimkehstt, von wem wird er zuerst erkannt? Nicht von dem Zöllner, feinem Jugendfreunde, bei dem er so manche frohe Stunde bei Sang und Becherklang verlebte, selbst nicht von seiner Braut, mit der er doch früher so manchen Augengruß ge­wechselt, die vor seiner Wanderung so oft durch die beiden Hevzensfenster seiner froh leuchtenden Augen in seiner Seele gelesen hatte: Ich bin dir gut, ich bleib' dir treu, sondern:

Wie sehr auch die Sonne sein Antlitz verbrannt, Das Mutter äug' hat ihn doch gleich erkannt. Selbst die entstellenden Spuren des Todes vermögen das Mutterauge nicht zu täuschen. Dieses bezeugt uns im Liede Meißners jene böhmische Mutter, die nach der Schlacht an der Moldau in den Hussitenkriegen am User dieses Flusses harrt und die dichte Schar der Leichen an ihrem suchenden Auge vorbeitreiben läßt. Als in diesem dichten Knäuel auch ihr Sohn naht, da ist sie keinen Augenblick im Zweifel. Mit einem den Tod verachtenden Mute sucht sie die teuere Leiche den Fluten zu entreißen; aber ver­gebens :

Die böhmische Mutter, der böhmische Sohn, Sie treiben auf jagenden Wellen davon, Im Krampfe verflochten die Hände.

Eine ähnliche Schilderung von der physischen und psycho­logischen Schärfe des Mntterblickes gibt uns Robert Prutz in dem Gedichte: Die Mutter des Kosaken. Auch hier kauert m dunkeler Nacht eilte Mutter am Ufer des reißenden Stromes, der das Schlachtfeld bespült, und läßt das Auge schweifen,das heller flammt, als aller Sterne Glut!". Auch hier irrt das MNtterauge sich nicht, denn:

Dort, plötzlich dort! Ihr Herz hat nicht gelogen. Dorthin, o schau'! Ihr Auge kennt ihn schon: ~^r s.chchs ^ k°rt, das Haupt zurückgebogen, Allmacht'ger Himmel, ja, es ist ihr Sohn!

Sehr schön ist auch in der h. Schrift die Schilderung von der Heimkehr des jungen Dobias. Die Eltern hatten iWn einzigen Sohn, den Stab ihres Alters, in die Fremde geschickt, und da er länger ausblieb, fingen sie über die Maßen zu trauern an. Jeden Dag saß feine Mutter am Wege auf dem Gipfel eines Berges und ließ den Blick

schweifen, da sie vermeinte, ihn gleichsam herbeischauen zu müssen. Endlich sah sie den geliebten Sohn von ferne und erkannte ihn augenblicklich. Und ihr von der Fülle der Jahre wohl schon getrübtes Ange hat sie in diesem Falle, wo es sich um die Erkennung ihres Kindes handelte, nicht getäuscht, denn nach einer kurzen Weile traf er ein.

Und was ist es, was das Mutterauge so hell und klar, so sicher macht? Es ist die Mutterliebe, jene starke Macht, die, stärker als der Tod, um des Kindes willen alles wagt, alles duldet, alles trägt. Sie ist jene belebende Sonne, unter deren warmem Strahle die junge Menschen­knospe sich entfaltet wie eine Mairose im Lenze. Darum werden auch ihre Spenden an das kindliche Gemüt am längsten und vollkommensten bewahrt,denn alles, was bekränzt von den Blumen der Liebe auf den Altar des Herzens niedergelegt wird, besitzt eine wunderbare Zauber­kraft, das Böse fernzuhalten".

Aus diesem Grunde erblicken wir auch in unseren von Sturm und Drang durchwehten Zeitverhältnissen in den christlichen Müttern die vorzüglichen Pioniere, welche mit dazu berufen sind, dem verderblichen Strome unserer vielen Zeitiibel einen festen Damm entgegenzufetzen. Sie können wirksam dazu beitragen, manche brennende Zeitfrage auf friedliche Weise ohne Schwert und Blut lösen zu helfen- indem sie als Hüterinnen der Religion, guter Sitte und praktischer Tüchtigkeit vor den gähnenden Abgrund treten, der sich vor uns aufgetau. Dieses Ziel können sie dadurch erreichen, daß sie hie Familie wieder zu einem Heiligtum machen, indem die heiligsten Güter der Menschheit ihre Altäre haben, ferner daß sie der Erziehung der ihnen von Gott geschenkten Kindern jene Sorgfalt und Pflichttreue zuwenden, welche diesem wichtigen Geschäfte gebührt. Auf der Stirne der Jugend dämmert nämlich die Morgenröte einer besseren Zukunft. Die Mütter aber nicht di« Schule ist die erste Lehrerin und Erzieherin des Kindes und dieses in einer Zeit, wo die Herzen am empfänglichsten, die Eindrücke am wirksamsten und dauerhaftesten sind.

Und wenn daher auch später das eine oder andere Schäslein im Strudel des Lebens vom rechten Pfade abirren und in den Wogen der Versuchungen Schiffbruch leiden sollte, so ist doch seine Rückkehr nicht ausgeschlossen, denn die Saatkörner, die üt der Jugendzeit in die sruchjtver- heißendeu Herzensfurchen ausgestreut werden, verlieren sobald ihre Keimkraft nicht, und gerade in den Stunden der Gefahr reifen sie die schönsten Früchte. Wie oft hören und lesen wir, daß Menschen, die schon vollständig Sklaven der Sünde waren, in denen jeder Funke edler Gefühl« vollständig erloschen schien, durch den Hinweis ans ihre schuldlose Jugendzeit und das Wort und Beispiel ihrer vielleicht schon längst verklärten Mütter wieder höheren Regungen zugänglich wurden, wie in ihnen ein sehnsuchts­volles Heimweh erwachte nach den Stunden, wo Unschuld, Glaube und Gottesfrieden nocyZin ihren Herzen wohnten.

Wie ein schöner Frühling dem Jahr ein freundliches Gepräge, ein sonniger Morgen dem Tage seinen Eindruck gibt, so wirkt auch eine gute Erziehung durch eine innig fromme Mutter durchs ganze Leben hindurch, und die Rück­erinnerung an ihr verklärtes Bild wird dem Schwankenden ein Stab, dem Gefallenen aber zum Rettungsanker.Die Kraft edler Jugendeindrücke", sagt K. Stoy,wie sie ein christliches Mutterherz geben kann, überwindet vieles Böse, und nach vielen Jahren strahlt mitten aus dem Dunkel der erste Schein der Liebe wieder und nur herrlicher hervor. Oder hat jemals ein edler Sohn der edlen Mutter ver­gessen? Wie oft mag schon an dem Hügel, unter dem ein treues Mutterherz schlummert, die Träne der Reue geflossen und der Schwur der Besserung erneut worden sein. Und so, wie die Mutter unter Tränen und Augst den mit den Wogen des Lebens kämpfenden Jüngling voin Ufer aus mit dem sehnenden Auge ohne Unterlaß sucht, so verliert das Kindesauge der Mutter Antlitz aus allen seinen Wanderungen durchs Leben nimmer atiS dem Ge­sichte. Ja, am Mend des Lebens, wenn das matte Auge sich zu den blauen Bergen der Kinderzeit zurückwendet, da steigt hernieder von den Höhen die verklärte Gestalt dep Mutter ihm entgegen, und es labt sich an den lieben, teuren Zügen!"