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Herr von Chauxville betrachtete mit einem wunderlichen Lächeln die Tür, die sich hinter Fräulein Nelly schloß. Dann drehte er sich plötzlich auf dem .Absatz um und blickte Frau Etta an.
„Ihre Kousine ist der Typus einer Engländerin, sie verbirgt ihre Liebe", sagte er.
„Zu Ihnen?" fragte Frau Etta.
Der Baron zuckte die Achseln.
„Möglich; das weiß man ja nicht. Auf jeden Fall verbirgt sie sie, wenn sie existiert, sehr gut. Es läßt mich jedoch gleichgiltig. Die Tugend des Veilchens ist vielleicht ihr eigener Lohn, denn die Rose trägt immer den Sieg davon."
Er schritt durch das Zimmer auf Frau Etta zu, die neben dem Kamin stand. Ihre linke Hand hing müßig an der Seite herab. Er ergriff die weißen Finger und führte sie galant an die Lippen. Wer ehe sie noch diesen Quell der Wahrheit und Weisheit erreicht hatten, riß sie ihre Hand fort.
Herr von Chauxville lachte in jener ruhigen und sicheren -Weise, wie ein Mann lacht, der weiß, daß der Kühne jedes Weib gewinnen kann.
„Ich merke, daß die Rose Dornen hat", sagte er. „Noch ein Grund mehr, warum das Veilchen hors con- cours ist."
Etta kachelte beinahe versöhnt. Sie war vor ihrer eigenen Eitelkeit nie ganz sicher.
„Mir scheint, das Veilchen zeigt wenig Lust, mitzu- konkurrreren", sagte sie.
„Weil es weiß, daß das Rennen nicht immer, aber doch gewöhnlich von dem Schnellsten gewonnen wird", entgegnete Herr von Chauxville. „Bitte, stehen Sie doch nicht. Es erweckt den Gedanken, daß Sie mein Gehen oder das Kommen eines anderen abwarten."
„Keins von beiden."
„Dann beweisen Sie es, indem Sie sich auf diesen Stuhl setzen. So, nahe beim Feuer, denn es ist ziemlich kühl. Ein Fußschemel? Jst's erlaubt, Ihre Pantöffelchen — oder was von ihnen sichtbar ist — zu bewundern? Jetzt scheine ich es Ihnen recht bequem gemacht zu haben."
Er sorgte für ihre Bedürfnisse, erriet sie und rief sie vielleicht selbst mit vollendeter Anmut und allzu großem Verständnis hervor. Als Ritter des Parketts war er tadellos, und Etta mußte an Paul denken, der nichts von diesen Dingen verstand oder verstehen wollte, an Paul, der sie nie wie eine Puppe behandelte.
„Wollen Sie nicht auch Platz nehmen?" sagte sie, auf einen Stuhl deutend, den er nicht nahm. Er wählte einen, der näher bei ihr stand.
„Nichts wäre mir erwünschter."
„Als was?" fragte sie. Ihre Eitelkeit war wie ein hungriger Fisch; sie schnappte nach allem.
„Als ein Stuhl in diesem Zimmer."
„Das ist ein bescheidener Wunsch. J'st das wirklich alles, was Sie auf dieser Welt wünschen?"
„Nein", antwortete er, indem er sie anblickte.
Sie brach in ein leises Lachen aus und machte eine etwas hastige Bewegung.
„Ich wollte schon sagen, daß Sie dies Glück zu gewissen, bestimmten Zeiten haben könnten, so oft ich Nicht zu Hause bin."
„Es freut mich, daß Sie das nicht sagten."
„Warum?"
„Weil ich mich dann auf Erklärungen hätte einlassen Müssen. Ich habe Ihnen nichr alles gesagt."
Frau Etta blickte in das Feuer und hörte ihm nur halb zu. Zwischen diesen beiden war stets etwas wie ein Duell. Jeder von ihnen dachte mehr an das nächste Parieren, als an den gegenwärtigen Hieb.
„Sagen Sie denn je alles, Herr von Chauxville?" fragte sie.
Der Baron lachte. Vielleicht wär er eitel auf seinen Rus, denn dieser Mann galt für einen vollendeten Diplomaten. Ein vollendeter Diplomat ist ein Mensch, der ein gefährlicher Feind und ein unverläßlicher Freund ist.
„Wenn man es genau bedenkt", fuhr die kluge Frau fort,-der das Schjveigen des klugen Mannes nicht gefiel; »Wen« man es bedenkt, wäre jemand, der alles sagt, unerträglich."
„W giebt gewisse Dinge, qui vont sans dire", sagte Herr von Chauxville.
„Wirklich?" murmelte sie, indem sie lässig über die Schultern zu ihm hinüberblickte.
Er war vorsichtig, denn er kämpfte jetzt auf einem Felde, das Frauen mit Recht als ihr eigenes beanspruchen können. Er liebte Etta wirklich und bemühte sich, die Bedeutung; einer leichten Veränderung in ihrenr Tone gegen ihn abzuschätzen, — einer so geringfügigen Veränderung, daß wenige Männer sie herausgefühlt hätten. Aber Claude von Chauxville, ein erfahrener Steuermann in den Untiefen der menschlichen Natur, besonders in jenen Untiefen, die sich Weltdamen nennen, Claude von Chauxville kannte den Wert der geringsten Veränderung im Benehmen, wenn diese Veränderung sich mehr als einmal zeigte.
Jener gleichgiltige Klang in Ettas Stimme war ihm zuerst am vorhergehenden Abend aufgefallen, und der Attache ließ sich nicht täuschen.
„Manche Dinge", fuhr er mit einer Stimme fort, die sie noch nie von ihm gehört hatte, denn dieser Mann war von Natur aus künstlich, „manche Dinge, die eine Frau gewöhnlich weiß, ehe sie gesagt werden."
„Was für Dinge sind das, Herr Baron?"
Er brach in leises Lachen aus. Er war so selten aufrichtig, daß er ordentlich schüchtern und verlegen wurde; seine eigene Aufrichtigkeit überraschte ihn.
„Daß ich Sie liebe, — das wissen Sie schon längst."
Das Gesicht, das er nicht sehen konnte, war nicht gerade das Gesicht einer guten Frau. Etta lächelte vor sich hin.
„Nein", antwortete sie beinahe im Flüstertöne.
„Ich glaubte wenigstens, daß Sie es wüßten", vei> besserte er sich sanft. „Wollen Sie mir die Ehre erweisen, meine Gattin zu werden?"
Die Sache war in ganz korrekter Weise vor sich gegangen. Claude von Chauxville hatte seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen und vermochte wieder an die Reichtümer zu denken, die sie offenbar besaß: aber trotz aller dieser Gedanken liebte er die Frau wirklich.
Die Dame senkte ein wenig den Federfächer, den fiel zwischen ihr Gesicht und das Feuer hielt, und studierte, ohne an die Gefahr zu denken, in die sie ihren Teint versetzte, ein paar Augenblicke die glühenden Kohlen. Offenbar wog sie etwas oder jemanden im> Geiste ab.
„Nein, mein Freund", antwortete sie endlich auf Französisch.
Das Gesicht des Barons wurde blaß und verzerrt.
Unter seinem zierlichen schwarzen Schnurrbart blitzten, während er sich in die Lippen biß, einen Augenblick die scharfen weißen Zähne auf.
Er trat näher an sie heran, legte seine Hand auf die Rücklehne des Stuhles und blickte aus sie hinab. Er vermochte nur das schön geordnete Haar und das rein geschnittene Profil zu sehen, denn, obwohl sie die Hand dicht neben ihrer Schulter fühlte, fuhr fie fort, ins Feuer zu blicken.
„Nein, mein Freund", wiederholte sie. „Wir kennen einander zu genau; es würde zu nichts Gutem führen." „Aber ich sage Ihnen ja, daß ich Sie liebe", antwortete er ruhig, mit vollkommen beherrschter Stimme.
„Ich wußte nicht, daß das Wort sich in Ihrem Wörterbuch befindet. Sie — ein Diplomat!"
„Und ein Mann — Etta!"
Der Fächer wurde euren Augenblick abwehrend erhoben; wahrscheinlich, um gegen die Anwendung ihres Vornamens zu protestieren.
Er wartete, — Passivität war eine seiner stärksten Seiten. Er hatte damit schon viele eingeschüchtert. Plötzlich drehte sie sich mit einer arrmutigen Bewegung im Sessel um, schaute zu ihm auf und brach in ein fröhliches Gelächter aus.
„Mir scheint. Sie nehmen es wirklich ernst?" rief sre.
Er blickte ruhig auf ihr Gesicht hinab, ohne daß ihr Stimmungswechsel einen Muskel an ihm zucken ließ.
„Sehr klug", sagte er.
„Was?" fragte sie, noch immer lachend.
„Die Haltung, die Stimme, alles. Sie wußten me ganze Zeit über, daß ich es ernst meinte, Sie wußten es seit dem letzten halben Jahre. Haben Sie mich,doch osr genug gesehen, wenn ich — nun, wenn ich es nicht ernit meinte."
Etta erhob sich rasch. Irgend ein Blitz weiblichen Instinkts bewog sie dazu. In aufrechter Stellung war sre größer als Herr von Chauxville.


