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vls ich ihr erzählte, d aß Jem Stickels gedroht hätte, es der Polrzet anzuzeigen, so kühl - sie schien nicht im geringsten daran beteiligt zu sein. Wie konnte ich annehmen, daß es nur deshelb war, wert sie ihn aus dem Wege zu räumen Udachte? O rch kann es selbst jetzt noch nicht glauben — ich kann nicht — ich kann nicht! Warum sollte sie es getan haben, wenn sre nicht wahnsinnig wäre? Und es ließ sich an chr doch nre eine Spur von Wahnsinn bemerken. Ich hielt sre rmmer für sehr klug." !
(Fortsetzung folgt.)
Der Frühlings-Enzian.
Eine botanische Frühjahrsplauderei.
(Nachdruck verboten.)
Wer hätte nicht hier in Gießen zur Frühlingszeit den Ruf gehört, dem sich ein Naturfreund dem andern, freudig über den nun endlich erwachten Frühling zuruft: „Der Enzian blüht, heute wurden die ersten Sträußchen in der Stadt verkauft." Das konnte man vor einigen Wochen oft genug hören. Und wahrhaftig, es wäre entschieden eine Versäumnis zu nennen, hier in Gießen zu wohnen, hier m Gießen zu studieren und nicht dieses wunderbare kleine azurblaue Blümchen kennen gelernt zu Haber,. Auf jeden Fall gehören die Enzianwiesen bei Rödgen zu den bedeutendsten Sehenswürdrgkeiten Gießens.
Was ist aber das Bedeutungsvolle in dem Workommen dreser kleinen Pflanzen mit ihren prächtig leuchtenden Blutensternen? Wie kommt der Enzian nach Rädchen, da er doch in der ganzen Provinz Oberhessen nicht mehr an- getrosfen wird? Auf diese Fragen, die in den letzten Tagen mehr als ernmal an mich gerichtet wurden, möchte ich hier, soweit es der Raum und der Redakteur der Zeitung gestattet, eingehen.
■£'er azurblaue Frühlingsenzian (Gentiana Verna L.) ist zwar für uns eine große Rarität, für uns hier in Gießen, tit Hessen und noch über die Grenzen unseres engeren Waterlandes. Noch viel mehr: Gießen ist der einzige Fundort in Mitteldeutschland; in ganz Norddeutschland würde man den Enzian vergebens suchen. Dagegen ist er jedem Alpenwanderer ein alter, lieber Bekannter, der ihn schon oft bis hinauf zu den hohen Bergriesen an die Grenze des ewigen Schnees begleitet hat. Also im ganzen Alpengebiete von Südfrankreich bis nach Ungarn ist unser Enzian sehr verbreitet, und die Botaniker nennen das, ohne ihm übel zu wollen, gemein. Mer auch die oberschwäbischen Alpweiden, die Moore und Torfwiesen des bayerischen Hochlandes werden von ihm besiedelt. Nördlich von allen diesen angegebenen Standorten kommt er einzig und allein bei Gießen vor — gewiß eine sonderbare Tatsache, für die es aber eine ganz plausibele Erklärung gibt.
Zunächst drängt sich wohl jedem die naheliegende Ber- mutung auf, der Enzian ist durch Menschenhand auf die Wiesen von Rödgen verpflanzt worden. Irgend ein Naturfreund hat ihn in den Alpen gesammelt und die Umgebung Gießens mit dieser seltenen Pflanze beglückt. Daß dem jedoch nicht so ist, beweist einfach die enorme Menge und die weite Werbreitung des Enzians in innerer Umgebung. Der Werbreitungsbezirk beschränkt sich nämlich nicht auf die paar Wiesen in der Nabe des Bahnüberganges be, Rodgen, sondern geht von Wieseck über Rödgen nach Annerod und Steinbach und nördlich bis nach Homberg a. d. Ohm. Ter Wersasser muß es sich allerdings versagen, an dieser Stelle genauer auf die Beschreibung der Standorte einzugehen, um einer etwaigen Ausrottung dieser seltenen Pflanze durch Touristen vorzubeugen. Botanikern und Naturfreunden ist er dagegen bereit, darüber Auskunft zu geben. — Also es ist rein unmöglich, daß bei einem so großen Areal die menschliche Hand die Werbreitung besorgt hätte. Auch spricht die Schwierigkeit, die mit der Verpflanzung des Enzians verbunden ist, gegen eine solche Annahme. Wer es je von den Lesern versucht hat — und es sind gewiß nicht wenige — dem ist es nicht gelungen, den Enzian im Garten zu kultivieren. Selbst hier im botanischen Garten, wo man sich schon seit langen Jahren abmüht, diesen widerspenstigen Gartenflüchtling möglichst unter den natürlichen Bedingungen weiterzupflanzen, schlagen alle diese Kulturversuche fehl. Auch nützte es nichts, die Pflanzen mit dem sie umgebenden moosigen Rasen auszustechen und einzupflanzen; sie kränkelten, blühten von
Jahr zu Jahr spärlicher, um dann schließlich ganz und gar ~ der sorgfältigsten Pflege — einzugehen. Also der .Nensch hat den Enzian nicht nach Rödgen gebracht!
dielleicht das Tier und besonders die Wögel? $te, konnten rm Frühjahr die Samen vom Süden nach Norden gebracht und hier bei Gießen etwa mit ihren ^krementen deponiert haben, ihnen zur Erleichterung, uns als lahrliches Fruhlingsgefchenk! Indessen für Wogelfutter taugen die winzig kleinen Enziansamen auf keinen Fall
Jojft uicht anzunehmen, daß die Vögel auf ein so nahrstoffarmes Futter sich kaprizieren dürften.
. Nun bleibt dem denkenden Menschen nur noch der Werbreitungsmittel; er besorgt ja so vieles, vielleicht hat er auch den Enzian den Gießenern aus dem
Lüden herangepustet. Tas wäre aber für den Herrn „Wind" ein böses Stück Arbeit, die kleinen Enziansamen aus ihren Kapseln herauszublajen, sie zwischen den größeren Wiesengrasern und -Stauden emporzuheben, um sie dann auf seinem breiten Rücken von der oberbayerischen Ebene bss nach Gießen zu tragen, um sie dann hier auf einmal alle fallen zu lassen und auch nicht eines noch weiter nach Norden zu blasen. Und nun gar: Unterwegs dürfte er nicht ein einziges Samenkorn verloren haben — denn zwischen hier und Oberbayern ist der Frühlingsenzian noch Nicht gefunden worden. Also diese gewaltige Leistung eines mehrere 100 Km. langen Transportes ohne jeden Verlust ist dem Winde nun doch nicht zuzutrauen. Also der Wind war es auch nicht.
Jetzt scheinen wir auf der Suche nach dem Enzian- Verbreiter zu Ende zu sein; das Rätsel seines Vorkommens scheint uns unlöslich, Vielleicht versuchen wir es einmal mit der Geschichte! Ist uns nicht in irgend einem alten Pflanzenbuche etwas über den Enzian berichtet? Stimmt! — und zwar hat der alte Botaniker Dillenius in seinem „Catalogus plantarum sponte eiria Gissam naseentium" aus dem Jahre 1719 auch von unserem Enzian erzählt. Zwar verwechselt er den Frühlingsenzian mit dem im September blühenden deutschen Enzian (Gentiana germanica Willd.) und mengt beide durcheinander; aber sämtliche Standorte stimmen mit den heutigen überein, so „circa pagum Anne- rodt und Schiffenberg, ante silvam Gissensem, in Prato Schiffenbergensi et Post silvam Hangestein. Also schon damals kam der Enzian auf einem recht ausgedehnten Gebiete vor — wieder ein neuer Beweis, daß der Mensch damals nicht im Spiele gewesen sein kann.
Wielmchr waren es ganz elementare Naturkräfte, die das besorgt haben, was alle oben genannten und vermuteten Faktoren zu leisten nicht imstande waren. Lassen wir nun ganz die vom Menschen dokumentierten historischen Zeitalter beiseite und schlagen das gewaltige Buch der Erdgeschichte auf und blättern zurück bis zu der viele Zehntausende von Jahren hinter uns liegeiiden Epoche, die die Geologen mit dem Woxte Diluvialzeit zu bezeichnen pflegen. In jener Zeit, als die Verteilung von Wasser und Land in Europa wesentlich anders war als jetzt, war das Klima Mitteleuropas anfangs von der vorhergegangenen Tertiärzeit her wärmer, als heutzutage. Aber da brachen furchtbare Naturereignisse über dieses Gebiet herein, die mit dem Namen „Eis-Zeit" genug bekannt sein dürften. Kalte ©türme, brausten über Europa, Eis und Schnee fiel im Norden wie im Alpengebiete in großen Massen nieder. Das Klima hatte fidj bedeutend verändert, es war damals dem heute iu Grönland und dem nördlichen europäischen und asiatischen Kontinent herrschenden Klima ähnlich geworden. Gewaltige Gletschermassen erhoben sich im Laufe von mehreren tausend Jahren von Norden und von Süden, den Alpen aus, gegen den schmalen unvereisten Teil des mittleren Deutschland. Zu dieser falten, für Tier und Pflanze gleich schädlichen Zeit war alles Lebende auf diesen schmalen etwas wärmeren Teil zusammengedrängt. Es waren also die Pflanzen des hohen Nordens sowohl, wie die Pflanzen, die den Alpenstock bedeckt hatten, allmälig von ihren alten Wohnsitzen verdrängt worden und waren in die Ebene gestiegen, wo ihnen noch zur Not die ausreichenden Lebensbedingungen geboten wurden. So kam auch damals der Enzian mit noch vielen anderen sogenannten Eiszeit- .(Glacial-)pflanzen nach seinem heutigen Standort gewandert und hatte sich hier angesiedelt. Gekommen ist er unzweifelhaft vom Süden, also von Oberbayern, und nicht etwa vom Norden, wo er heute gar nicht zu finden ist. Zwar folgte der ersten Wer-


