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sichtbar, doch waren die neuem Ankömmlinge nahe genug, Um an der Stimme erkannt zu werden.
„Laßt mich los, laßt mich los, oder beim —"
Ehe er noch mehr als dieses gehört hatte, strengte Clifford voll Interesse und Erregung die Augen an, um das Dunkel zu durchdringen.
„Aber gewiß!" fchpie er, „das ist George Clarisens Stimme!"
Tie beiden Männer waren jetzt nahe genug, daß Clifford den Mann deutlich sehen konnte, der seinen Begleiter zurückhielt, und in dem er Hemming erkannte. Der zweite Konstabler eilte, als das miteinander ringende Paar in das Gartentor trat, d-em Geheimpolizisten zu Hilfe. In demselben Augenblick fuhr Oberst Bostal wie um sich zu stützen, mit der Hand unter Clisfords Arm. Der junge Mann be- inerkte kaum diese Datsache, s!o völlig war er von dem Problem in Anspruch genommen, das sich ihm beim Anblick der beiden Ringenden aufdrängte. Denn der Mann den der Konstabler und Hemming festhielten, war in der Tat kein anderer als George Claris, wilden Blickes, grimmig und wahnsinnig aussehend, mit wildem Bart und unge- kamrntem Haar.
Und er schrie noch immer mit aller Kraft seiner Lungen: A sie? wo ist sie? Laßt mich hin zu ihr, sag ich! Laßt mich sie sehen!"
_ "Ach, der arme Mann glaubt, daß Sie seine Nichte hier ^ben !" rief Cliftord, der jetzt augenblicklich das Geheimnis der nächtlichen Storungen, über die sich der Oberst und seine Tochter beklagt hatten, zu dilrchschauen glaubte.
. Oberst Bostal gab keine Antwort, warf jedoch einen raschen^Blick hinter sich». Clifford folgte unwillkürlich diesem Beischel und em Ausruf entfuhr unbewußt seinen Lippen.
Tenn Miß Theodora war — verschwunden.
22. Kapitel.
Nells Geständnis.
Sir Neville d achte nicht daran, Nell Claris, seiner Be- wmlderung ihres schönen Gesichts wegen, vor den Schrecken eines überaus strengen Verhörs zu bewahren. Nachdem sie das Zugeständnis gemacht hatte, um das die ganze Sacha sich drehte, und darüber in Dränen zus cumn en geb rochen war, ließ er ihr sehr wenig Zeit, die Fassung zurückzugewinnen, ehe er mit lauter pomphafter Stimme fortfuhr: „Und so gestehen Sie zu, daß zurzeit, da Mr. King beraubt wurde, eine Person im Hause war, von deren Gegenwart niemand außer Jhiien daselbst etwas wußte. Welches war nun der Name dieser Person?"
Nell blickte ihn vorwurfsvoll an. Er wußte ja, wer es war, und er hätte ihr also den Schwerz ersparen können, es selbst noch, namhaft zu machen. Da er jedoch wartete, so Zagte sie int starken Gegensatz zu dem Don des Friedensrichters ganz leise: „Miß Theodora."
„Miß Theodora Bostal?"
„Jv.
„Und wie kam es, daß sie sich dort ohne Wissen aller andern befand?"
. Aell, die einsah, dcch es hier keine Rettung gab, i^ocknete sich die Augen und stattete gefaßt folgenden Be-
, ?jlß Bostal hatte seit einigen Monaten die Gewohnheit gehabt, Nell von Zeit zu Zeit zu bitten, sie nachts bei sich schlafen zu lassen, unter dem Borwand, daß der Oberst
Siroan bsiebe und sie sich fürchtete, ganz allein in Shingle End M schlafen. Sie hatte Nell ersucht, die Sache gegen niemand, selbst nicht gegen ihren Onkel zu erwähnen, vorgebend, daß, wenn es bekannt werde, daß ihres Katers Haus manchmal ganz ohne Schatz wäre, man sicher dort einbrechen wurde. Nell hatte darin nichts Ungewöhnliches gefunden und ihrer Freundin bei mehreren Gelegenheiten bereitwillia Unterkunft gegeben.
„Ich glaube, daß Sie die Gewohnheit hatten, jeden Morgen »nd Abend nach Shingle End zu gehen, frag' Sie M vertrautem Fuße mit ihrem Vater und ihr statlden, und ereignete?'1 Ü6er altc§ plauderten, was sich im Gasthof
„Ja", sagte Nell.
"llud ist es Tatsache, daß die Diebereien im „Blauen ^wen allemal stattfanden, sobald Miß Bostal unter dessen Dach schlief?" "
‘ ..Nur im Anfanges, sagte Nell ernst. „Das letzte Mal,
wurde ®Hef' toar die Nacht, in der Mr. King beraubt „ „ "Wie kam es, daß Sie bei dieser Gelegenheit Ihrem Onkel nicht sagten, daß sie bei Ihnen geschlafen hätte?"
„Wie konnte ich das? Doch dachte ich wirklich daran, es gegen ihn zu erwähnen und enthielt mich dessen nur, weil es ausgesehen haben würde, als ob ich Verdacht auf meine bafte Freundin würfe."
„Ihre beste Freundin?"
„Ja, Sir. Sie ist gegen mich sehr gütig gewesen. Sie! war es, die nt einen Onkel bewog, mich in eine so gute. Schule zn schicken."
„Aha! Ick), sehe. Durch und durch abgeseimt. Sieht Nicht eben nach Verrücktheit aus", murmelte Sir Nevilltz für sich. Und er setzte das Verhör weiter fort. „Und er- regte die Tatsache, daß die Räubereien stets stattfanden/ sobald sie dort war, nicht Ihren Verdacht?"
„Nein, — v nein! Ich habe nie an so was gedacht"/ Beteuerte das junge Mädchen ernstlich
„Sie sagen, Miß Bostal war, soviel Sie wissen, bei den spätereil Raubversuchen nicht in dem Hause?"
„Sie schlief nicht in dem Hatlse, Sir", antwortete Nell/ zu Boden blickend.
„Nun, meine liebe Miß Claris, seien Sie atlfrichtig, und sagen Sie mir alles, was Sie davon wissen."
Nell gehorchte mit einem Seufzer. Sie gab zu, daß an dem Morgen, an dem ihr Onkel in einem wahnsinnigen Zustande gefunden wurde, sie eine sorgfältige Untersuchung des Hauses vorgenommen und einen Umstand entdeckt hatte, der ihrer Aufmerksamkeit bisher entgangen war, nämlich daß ein Reserveschlüssel zur Hititertür, der früher an einem Nagel im Gange gehangeil hatte, verschwunden war.
„Me kam es, daß Sie das früher nicht' bemerkt hatten?'« fragte Sir Neville fast streng.
„Ich hatte gar nicht mehr an den Schlüssel gedacht, der nie benutzt wurde, bis wir das Haus, meines armen Onkels! wegen, verlassen mußten. Tann ging ich alle Schlüssel zu den verschiedenen Türen nach einem alten Verzeichnis durch das uns votl dem Manne zurückgelassen worden war, der den Ort vor meinem Onkel innegehabt hatte. Erst jetzt vermißte ich also den Schlüssel und erinnerte mich, daß ich ihn schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte."
Sir Neville machte sich einige Notizen, ehe er fortfuhrr „Bevor Sie den Schlüssel vermißten, hatten Sie aber natürlich schon Verdacht?"
Nell neigte zustimmend den Kopf.
„Sie brauchen nicht zu glauben", sagte der Friederisrichter streiig, „daß ein freies Geständnis Ihres Verdachts der Dame irgend welchen Schaden bringt. Wir würden auch sonst zur Wahrheit gelangen, dessen dürfen Sie sicher fein.'«
„Ich sage Ihnen alles, ivas ich weiß", sagte Nell schlicht.
Sie erkannte selbst, daß keine Verheimlichung länger möglich war. Und sicher mußte Miß Bostal, wenn sie wirklich solcher ihr so unähnlichen Verbrechen schuldig befunden werden sollte, wahnsinnig gewesen sein, um sie zu begehen.
„Wann kam Ihnen zum ersten Male der Gedanke in den Sinn, daß Miß Bostal die Diebereien begangen hätte?"
Selbst jetzt versuchte die Erinnerung des furchtbaren Gefühls, das sie bei dieser unvergeßlichen Gelegenheit erfahren hatte, ein schmerzliches, peinvolles Zusammenziehen! der schönen GesichtHüge Nells.
„Jem Stickels — der Fischer, — der —" Sie hielt inne.
„Ter gemordet wurde. Ja, ja."
„Er sagte mir — er — er hätte den Dieb gesehen."
„Ja, das ergab sich schon bei der Untersticheng. Nun?"
„Er sagte mir — der Dieb sei — Miß Bostal. . . daß er sie aus dem Gasthof hätte komnien sehen, in der Nacht, in der der Versuch, Hemming zu berauben, gemacht wurde!'«
„Wann sagte er Ihnen das?"
„Am Nachmittage des nächsten Tages."
„Warum haben Sie das nicht bei der Untersuchung gesagt? Warum ließen Sie glauben, daß er Sie selber gesehen hätte?"
„Ich war in einer sehr schwierigen Sage. Ich wußte elbst dann noch nicht, was ich denken sollte. Ich hatte Miß Theodora immer für so gut gehalten und außerdem war sie so gütig gegen mich, daß ich nicht wußte, was ich glauben sollte. Es war so furchtbar, und üch fragte mich, weshalb sie solche Tinge getan haben könnte. Auch war ihr Wesen,


