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Nach dem Tode de§ Herodes kam die heilige Familie wieder nach Nazareth, und hier verlebte dann der Jesus- irrabe seine Jugend. Zur Sommerszeit spielte er draußen auf der Flur mit den bunten Blümlein, und wenn's im Winter keine mehr gab, war er bei dem h. Joseph "an der Hobelbank oder er schaute, an der Mutter Knie gelehnt, dieser bei der Arbeit zu. Die Gottesmutter gab ihrem Kinde kleine Sclmitzel Leinwand, die von ihrer Arbeit abfielen, zum Spielen. Auck ein Stückchen gelber Seide gab sie ihm, das sie noch vom Krönungsmantel Davids, ihres königlichen Ahnherrn, hatte. Das göttliche Kirid schnitt kleine Sternlein aus der Leinwand, und in die Mitte eines jeden Sternchens setzte es eine kleine Scheibe gelber Seide. Dann ging es hinaus vor die Türe der elterlichen Hütte und streute die Sterulein über die öden, blumenleeren Fluren von Nazareth. Der Wind trug die kleinen Blumensternchen über Berg und Tal, und seitdem blüht das Maßliebchen, Bellis perennis, zur Sommer- und Winterszeit. Das göttliche Kind aber hatte sich- beim Schneiden leicht am Finger geritzt, ein Tröpflein des kostbaren Blutes quoll hervor itnb färbte den Saum von einigen Sternlein rot, daher heute noch die roten Spitzen der weißen Blumenblättchen.
Fast alle Legenden bringen das Maßliebchen mit Maria in Verbindung, weshalb es auch Marienblümchen beißt. Nach einer verdankt es sogar seine Entstehung der Jungfrau Maria. Als die Gottesmutter noch ein Kind war, saß sie eines Tages auf der Wiese und schaute zum Himmel auf. Die vielen, lichten Sterulein hatten es ihr angetan uno entzückt rief das Kind : „O, wie schön, wären doch die Sternlein mein." Als das Kind Maria am fvl- getrden Morgen wieder zur Wiese kam:
Da blüh'n im Rasen, weiß und rein, Viel hunderttausend Sternelein.
Das Maßliebchen, unser einfaches Landkind, hat zwei vornehme Schwestern, die Aster und das Chrysanthemum, Mei Blumen, welche uns die Natur ebenfalls für karge Seiten bereit hält. Die Aster stammt aus dem Südosten siens, aus China und Japan. Das Chrysanthemum, die Niesenaster, ist erst seit dreißig Jahren bei uns heimisch!. Als die letzte Blume des Jahres zieren die Astern mit Immergrün und Epheu an Allerseelen die Gräber unserer Lieben. („Köln. Volksztg,")
Vermischte».
Die deutsche Gaunersprache. Der Student, der den Mangel an „Moos" konstatiert, der Kannegießer, der die „Schmuserei" seines politischen Gegners als „Kvhl" bewertet, der Kommis, der den störrischen Lehrling mit Hasser" tituliert, der junge Bursche, der Sonntags im neuen „Klüstchen" paradiert, — alle diese Leute ahnen wohl kaum, daß sie sich Ausdrücke der Gaunersprache bedienen. Dieses Moos, dieser Kvhl haben ebensowenig mit dem Pflanzeureiche etwas zu tun, als jener Kaffer mit Afrika oder jener Schuster mit Knieriem und Leisten. Die meisten der genannten Worte geben Zeugnis von den starken Einflüssen des Hebräischen auf das „Rotwelsch" der Gauner. Kaffer entstammt z. B. dem hebräischen Kafar; ein Kaffer ist ein dummer Bauer, das Kaff ein Bauerndorf. In früheren Zeiten schätzten die Gauner die Stadt Leipzig trotz seines starken Meßbetriebes nicht sonderlich höher als ein Kaff; sie nannten es verächtlich Naue, d. h. ein kleines Dörfchen und pflegten in Stötteritz ihr Standquartier aufzuschlagen. Wie lange hat das freundliche Stötteritz unter dem daraus entspringenden, nun endlich glücklich zum Guten verwandelten schlechten Rufe gelitten! —„Schuster" kommt vom hebräischen Schau- ter, „soter". „Klüstchen" oder „Kluft" für Stock, Anzug, heißt ungefähr „eingeklemmt sein", in diesem Falle in das Kleidungsstück. Das trifft ja bei Manchem zu, der in seinem Hochzeitsfracke 20 Jahre lang bei Festlichkeiten prangt.
Selbstredend sind dies nur etliche Vokabeln, die von Einigen für unseren nationalen Sprachschatz annektiert worden sind. Die eigentliche Gaunersprache, das „Rotwelsch" oder „Kochemer Loschen" läßt sich nur durch intensives Studium erlernen. Die Gelegenheit dazu ist für anständige Menschen nicht nahe; nicht alle Kriminalbeam
ten haben vein lichtscheuen Gesindel tn den Verbrecher- kellern das Idiom abgelauscht. Die Herren Gauner sind ferner sehr wählerisch bezüglich der Schüler. Wer nicht durch verbrecherisches Tun die Mitgliedschaft zur Zunft beweist, wird starkem Mißtrauen begegnen. Außerdem besitzen nicht sämtliche Gauner das Geheimnis ihrer Sprache. Der Verbrecher, der nie Geselligkeit mit den Kollegen gesucht und gepflegt hat, sozusagen als Solist arbeitet, weiß selbst nicht viel von dem holden Idiom Klamotten- Karls oder Harntonika-Fritzens, das die Vagabunden auf der Landstraße oder in den schuapAdunstigen Pennen der. Großstadt systematisch ausgebaut haben.
Ihr Frauen seid einzig! Schultzes wollten zum Theater, und Herr Schultze ging grollend und eine Zigarre rauchend im Korridor auf uud ab, wo er auf seine Gattin wartete, die er ermahnt hatte, sich zu beeilen; die Vorstellung würde sonst vorüber sein, wenn inan ankäme.
Endlich kam Frau Schultze eilends die Treppe herak und rief ihrem Gatten schon von oben zu:
„Ach, Heinrich, warte einen Moment, Du--"
»Was denn nun noch?" rief Schultze wütend. „Ihr Frauen seid doch einzig! Jetzt sind wir fünfzehn Jahre verheiratet und nicht ein Mal — nein, nicht ein einziges Mal in der ganzen Zeit ist es vorgekommen, daß Du nicht etwas vergessen hättest, und uns beide aufhältst, wenn es die höchste Zeit ist, fortzugehen. Entweder ist es Dein Taschentuch, oder das Opernglas, oder der Fächer, oder irgend etwas, das--"
„Aber Heinrich —--"
»Geh' schnell und hole, was Du vergessen hast, und steh' nicht ewig da, um Dich zu entschuldigen. Der erste Akt muß schon beinahe vorüber sein und Du stehst--'*-
»Aber um Gotteswillen, Heinrich, sei doch blos einmal still und---"
«Wie kann ich denn still sein, wenn Du mich so herausforderst? Ich stehe hier fertig angezogen seit einer halben Stunde und warte auf Dich, und Du kommst herunter, um mir zu erzählen, daß Du etwas vergessen hast, und —"
„Ich habe garnichts vergessen."
„Aber worauf warten wir denn?"
„Weil Du Dein Halstuch vergessen hast."
„Ich? Mein Halstuch?"
„Ja, Du hast keins um, und ich gehe so nicht mit Dir, denn —"
„Heiliges Donnerwetter, warum sagst Du mir denn nicht, daß ich kein Tuch um habe. Ihr Frauen seid wirklich einzig!"
Weitz zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt (Auflösung in nächster Nummer.)
8
7
6
5
4
3
2
1
(6+6)
Schachaufgabe.
Von Dr. E. Palkoska in Pardubitz. (Nachdruck verboten.)
a b c d e f g h Weiß.
a b c d
8 ■ ■
’■ Bi
6 ■ ■
5fl ■
4 g g
3 n ■
2 Jll U
Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.r Weiger, AUer, Lea, Zar, Etta, Raa.
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck usi Verlag der Brühl'schen Univerfitöts-Vuch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,


