Ausgabe 
18.4.1903
 
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der Detektiv, der scharfsinnig schloß, daß Nell nicht eher zurückkehren würde, als bis er abgereist wäre, einen Knaben mit seinem Gepäck aus einem Karren nach Stroan, bezahlte seine Rechnung und reiste ab.

Er ging aber nicht allzuweit. Er holte den Knaben ein, hieß ihn sein Gepäck im Bahnhof zu Strvan abgeben und sobald der Bursche ihm dort aus dem Gesichte war, ließ er es nach einem der Gasthöfe des Orts bringen.

Nachdem dies geschehen war, nahm er sein Gabelfrüh­stück ein und kehrte nach demBlauen Löwen" zurück.

Er wünschte aber nicht, sich dort eher sehen zu lassen, als bis er wußte, daß Miß Nell von ihrem Besuche bei ihren Freunden zurückgekehrt wäre. Es war jedoch für den Gasthof eine tote Tageszeit und niemand zeigte sich, den er hätte befragen können. Es gelang ihm, im Vorübergehen einen Blick in die Schenkstube zu werfen; es war aber niemand vor oder hinter dem Schenktisch darin. Als er sich einige Zeit so Herumgetrieben, sich dabei so viel wie möglich hütend, gesehen zu werden, wurde er die vier­schrötige Gestalt Megs an der Seitentür gewahr. Sie schüt­telte ein Kleid aus und fuhr bei seinem Anblick mit einem kleinen Aufschrei zurück.

Ei", sagte er, indem er durch eine geschickte Bewegung zwischen sie und die Tür gelangte,was ist denn geschehen? Eie sind ja ganz erschrocken bei meinem Anblick."

Nun, ich verlange auch nicht danach. Ihnen weiter Rede zu stehen, das ist ein Faktotum" erwiderte Meg entschieden, die Hände in die Hüften gestemmt.Mir scheint, daß Sie nichts weiter als so 'n Detektiv sind, der hierher­gekommen ist, uns auszuhorchen und üns alle ins Ver­derben zu bringen. Hu! Ich schäme mich, daß man mich mit Ihnen sprechen sieht."

Aber sehen Sie denn nicht ein, daß die Aufklärung dieser Sache zu Ihrer aller Besten ist und daß es ans Licht kommen sollte, wer es denn ist, der dieses Haus in Verruf gebracht?" sagte er überredend.Ich bin überzeugt, daß Ihr Damen zum Tode erschrecken würdet, wenn Ihr die Tinge hörtet, die man sich sagt. Es wird damit enden, daß Ihr noch alle den Ort verlaßt, wie Miß Nell schon ge­tan hat."

O, die ist längst wieder da!" platzte Meg in der Meinung heraus, daß die Behauptung, ihre junge Herrin sei von hier verscheucht worden, einen Tadel gegen diese ent­hielte.Sie brauchte, das kann ich Ihnen sagen, nicht lange zu warten, bis der Herr nach ihr schickte."

Und sie ist jetzt im Hause?" fragte der Detektiv be­gierig.

Ja, doch nicht sichtbar für <ste", entgegnete Meg barsch. Sie können mir, wenn Sie wollen, mit Ihren Fragen zusetzen werden aber nicht zu ihr gelangen, wenn ich es hindern kann."

In diesem Augenblick wurde über ihnen ein Fenster geöffnet, und der Detektiv blickte, ohne der Magd zu ant­worten, schnell hinauf. Er sah Nell am Fensterrahmen stehen, ein Stück Brot zerbröckelnd, das sie für die Vögel auf den Fenstersims streute.

(Fortsetzung folgt.)

Das Maßliebchen.

Mit dem beginnenden Frühling finden wir die grünen Wiesen mit tausend kleinen, weißen Sternchen übersäet. Es ist das Maßliebchen unser geliebtes Blumenkind, das uns freundlich grüßt und Aua und Herz erfreut.

Die Rose nur im Sommer blüht, das Tausendschön­chen aller Zeit", sagt Montgomery. Doch wenn im Som­mer alles in Duft und Blüten steht, wenn all die stolzen Blumenschwestern ihre leuchtenden Kelche erschließen, geht mancher achtlos an dem bescheidenen Wiesenblttmchen vor­bei, das ihn so entzückte in einer Zeit, da Schnee und Eis kaum gewichen, und das noch im Wiesenrain blüht, wenn alle seine Blumenschwestern längst ein Raub win­terlicher Kälte und der Nachtfröste geworden sind, es blüht, wenn schon Schnee in der Luft wirbelt, und grüßt uns als Nachklang vergangener Sommerherrlichkeit, wenn e nur Eisblumen an den Fenstern ranken, und sprießt

i wieder aus dem braungelben Rasen und schlägt die lichten Blumenäuglein auf", wenn nur Südwind und Sonne ein wenig den Schnee beiseite geräumt.

So ist es unser Liebstes Blumenkind geworden, und

tote alle lieben Kinder, hat auch Maßliebchen viele Namen. Schon im Paradiesgärtlein heißt es Tausendschön, auch Floramor, wahrscheinlicb weil es zu Hunderten, ja zu Tausenden über Wiesen, Flur und Anger zerstreut ist. Maaß mate, matte Wiese; lieb ist ein Name, den das Blümlein schon in alten Kräuterbüchern führt, wo es auch als heilsam bezeichnet wird und nebenbei als lieblich zu Kränzen für junge Töchter. In einer alten Ueberl'eser- ung heißt es:Das Maßliebchen im Schlummer aufs Herz gelegt, heilt alles Herzweh und Seelenschmerz".

Es wird auch Marienblume genannt, das Volk weihte das anmutige Blümlein der Jungfrau Maria. In Schlesien heißt esweiße Frauenblume", im Kanton St. Gallen Tausendhübsch ober Mannablümerl, in Oesterreich Ruckerl oder Gänsegrisserli, auch Gänseblümchen wie bei uns, weil, wie die Kinder sagen,das Blümlein wie a Ganser! auf oan Boanerl (auf einem Bein) steht". Altdeutsch hieß das Mardelblümchen Vridelsauge Auge des Geliebten.

In Schweden heißt unser Blümlein Priesterkragen, weil der zarte, weiße Blütenkranz Aehnlichkeit mit einer feingefälteten Krause hat. In England wird es Daisy ge­nannt, entstanden aus Days ehe, und man muß sagen, meint Julius Stinde, daß Tages Auge ein hübscher Name für die kleinen gelben Sonnenscheiben mit den milchweißen Strahlen ist, die wie Sternlein aus dem Grün aufschauen. Shakespeare nennt es das Bild der Unschuld, Ossiau läßt es ans dem Grabe eines Jünglings sprießen:Ein Engel nahm einen Stern und senkte ihn in die Erde, wo die Hoffnung der Eltern begraben lag, da sproßte die Stern­blume hervor."

Auch in Frankreich fragen die jungen Mädchen das Margaretenblümlein in allen geheimen Angelegenheiten des Herzens um Rat. Unsere Nachbarn jenseits der Vogesen lieben die kleinen Feldblumen wie kein anderes Äolk. Sie betrachten Maßlieb als Sinnbild der Reinheit und Weiblichkeit und gaben ihm einen Namen, der ihnen teuer war, den viele ihrer berühmten Frauen trugen. Sie nannten es Marguerite und bei den Blumenfestcn von Toulouse spielte es einst eine hervorragende Rolle. Ludwig der Hetlige hatte eine solche Vorliebe für das kleine Blümchen, daß er es sogar in fein Wappen aufnahm. Er trug einen Ring, der aus einem Kranze von Maßliebchen und Lilien gebildet war. Die ersteren sollten symbolisch den Namen feiner Gattin anbeuten, und die Lilien wiesen auf sein Wappen hin. Den Ring schloß ein Edelstein in Kreuzesform mit der Inschrift:Außer diesem Ring, wo könnten wir Liebe finden."

Als Margarete, die unglückliche Tochter des un­glücklichen Königs Franz L nach Savoyen zog", wird uns berichtet,um sich mit dem Prinzen Emanuel Philibert zu vermählen, brachte man ihr von der Landesgrenze einen aus Gold und Edelsteinen gefertigten Kvrb ent­gegen, der nur weiße Margueriten enthielt. Dieselben wurden mit einem Band zusammengehalten, auf dem in goldenen Buchstaben die Worte standen:Alle Blumen sind mir lieb und wert, doch wenn ich unter tausenden zu wählen hätte, ich wählte Marguerite."

Das Wort Margerithe entstammt dem Griechischen und heißt in dieser wie auch in der lateinischen Sprache: Perle". Maßliebchen eine Perle unter den Blumen die aufspringenden Blumen zeigen das reine Silbergrau der echten Perle. In einigen Gegenden der Schweiz führt unser bescheidenes Landkind ebenfalls diesen stolzen Namen. Bald heißt es Margritte, Margrittle, St. Margarithrn- rösle usw.

Der Spanier betrachtet das Blümchen ebenfalls als Symbol der Reinheit und Unschuld und giebt es Kinder:, und jung verstorbenen Leuten nebst Weißen, Rosen und Lilien mit ins Grab. In Italien ist es nicht weniger beliebt als in Frankreich.

Maßliebchen soll zu Beginn des Mittelalters von einem französischen Ordensmann von China nach Frankreich gebracht worben sein. Dort nahm man bett kleinen Fremdling, das Kind einer heißen Sonne, freundlich auf, hatte aber im Anfänge wenig Freude mit der Kultur desselben, erst später acclimatisicrte sich das Blümlein und wurde bann rasch der Liebling aller.

Schön und sinnig sind die Erzählungen, die von der Entstehung des lieblichen Blümchens handeln, und namentlich die, warum es Marienblümchen heißt. Eine christliche Legende erzählt über die Entstehung folgendes: