620
Nun haben diele Blätter über die Reprüsentationspflichf- ten der Frau Bankdirektor Koch geschrieben, die ihr keine Zeit ließen, ihre Kinder selbst zu erziehen. Die Dame hat bei ihrer Vernehmung hier sicher nicht den Eindruck der Lebedame gemacht, und die mitgeteilten Briefe bestätigen diesen gegenteiligen Eindruck. Wenn sie aber diese Pflichten hätte, wären sie nicht eine Entschuldigung für sie? Wir kennen übrigens das gesellschaftliche Auftreten der Dame und der Familie nicht, aber gerade die Berliner Blätter könnten sich ja der Mühe unterziehen, nachzuforschen, in wieweit z. B. aus der Mitgliedschaft der Frau Kommerzienrat an sogen. Damenkomitees auf eine starke gesellschaftliche Inanspruchnahme geschlossen werden könnte.
Nichts ist bisher in her Presse zutage gefördert worden, ivas den Eindruck ändern könnte, den die Frau bei ihrer Vernehmung in einer Stadt mit rein bürgerlichen Verhältnissen hervorgerufen hat, den einer liebenden und treu- besorgten Mutter. Wer will da einen Stein aufheben und nach der armen Frau iverfen? Uns erscheint es,, würdiger, vor ihrem großen, aber stummen Schmerze ob des Todes■ des heißgeliebten Kindes achtungsvoll Halt zu machen und unser Mitleid zu bezeigen, als auf die Frau die Schale des Zornes auszugießcn. Wir glauben, es ist augenblicklich der Schmerz der Frau nicht zu lindern und nicht zu mehren, gönne man ihr' wenigstens die Ruhe uud scheide sie aus der weiteren Erörterung des Falles Dippold aus!
A^saudereien aus der Kaiserstadi.
(Nachdruck verboten.)
„Billige Quellen". — „Fortzugshalber". — Reisemuster. — Teppichschwindel. — Hehlergeschäfte. — Das „Geheimnis" der Berlinerinnen.
Es ist eine alte Weisheit, die in der Provinz für un- umstößlich gilt, daß man nirgends so billig kaufen könne, als in Berlin; aber — und da sängt der Hase an, sich im Pfeffer zu wälzen — man muß die richtigen Quellen wissen! Mit diesen billigen Quellen ist das eine eigentümliche Sache. Es gibt Frauen in Berlin, und zwar eine ganze Menge, die einen richtigen Sport daraus machen, „billige Quellen" zu suchen. Manch schöner Vor- und Nachrnittag wird mit diesen Entdeckungsreisen totgeschlagen, imb ein kühner Seefahrer kann seine Karten und Pläne nicht eingehender studieren als so eine Quellensucherin die Annoncen im Morgenblatt und nachher die Schaufenster mit ihren „im Preise bedeutend herabgesetzten" Sachen. Aber cs ist in Berlin schließlich wie in der ganzen Welt: verschenkt wird nichts! Was für den ersten Augenblick als wirklich „unter Preis" erscheint, entpuppt sich gewöhnlich bei näherer Prüfung als durchaus minderwertig im Material oder in der Herstellung. Billige Kleiderstoffe sind durch starke Appretur ansehnlicher gemacht, billiges Schuhzeug ist üus denkbar schlechtestem Leder, billiges Porzellan ist blasig, rissig und verunglückt in der Form, und von billigen Handschuhen ist der rechte oder linke gewöhnlich verschnitten, natürlich allemal der, den man zum Anprobieren nicht aufgeweitet bekommt! Manch eine unserer Hausfrauen kommt bei irgend einem etwas kostspieligen Reinfall endlich dahinter, daß es im Grunde genommen mit diesen billigen Quellen Essig ist, und resigniert gibt sie die Jagd auf. Aber die ganz Klugen iverden nicht alle. Für sie kommt kein Tag von Damaskus, der sie bekehrt, und sie beziehen bald dies, bald jenes hier „unter der Hand",, dort „direkt aus der Fabrik", „von einem Bekannten, dessen Schwager. . ." oder „von einer Frau, die noch von früher her. . ." und wie die plausiblen Köder alle heißen. Amüsant war mir das Beispiel einer alten guten Dame, die ihre Not hatte, über den Fahrdamm zu kommen. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihren Magenlikör „Mampe", den herzhaften Berliner Verdauungsschnaps, direkt in der Fabrik zu kaufen, weil er da billiger sein müsse. Die Verwandten taten ihr möglichstes, ihr das auszureden. Mes vergeblich. Die Jungfrau von Orleans kann keinen heftigeren Drang gespürt haben, Frankreich zu retten, als jene Greisin, ihren geliebten „Mampe" aus der Jnvalidenstraße zu holen, wo die Firma ihre Grundstücke und Hauptkontor besitzt. Und so machte sie sich eines Tages aus dem westlichsten Westen auf den Wegs nach Berlin N. Straßenbahn, Omnibus und die eigenen alten müden Füße brachten sie ans Ziel, und triumphierend
erschien sie nach einer Reihe von Stunden endlich wieoer mit ihrem Paket. Zwar bestaubt, erschöpft und hinfällig, aber doch als Siegerin. Sie hatte ihre drei Flaschen, bte int Laden 1,25 Mk. kosten sollen, für 1 Mk. bekommen. Und wenn auch die Fahrnickel den vermeintlichen Profit stark schmälerten — sie hatte ihren Willen durchgesetzt und Recht behalten. Am andern Vormittag freilich^ als sie mit einer ihrer Enkelin ganz in der Nähe der Wohnung einkaufen gehen wollte, sah sie zu ihrem Entsetzen diesen selben verräterischen „Mampe" mit dem scheußlichen Etikett bei einem eben etablierten Kaufmann für 0,95 Mk. int Schaufenster stehen. Das war zu viel für ihr harmloses Gemüt. Sie sagte zwar kein Wort darüber, aber der Berliner Aufenthalt war ihr für diesmal verleidet; sie fuhr alsbald in ihr kleines, solides Provinzstädtchen zurück, wo es weder Straßenbahnen, noch Omnibusse, noch Likörfabriken gibt und trinkt aus Trotz nur noch Boonekamp, obgleich ihr der eigentlich zu bitter ist. — Als vortrefflicher Lockvogel, zumal für eben erst nach der Hauptstadt llebergesiedelte, bewährt sich, noch immer das Angebot scheinbar schon benützter Zimmereinrichtungen „fortzugshalber". Neunmal unter zehn Fällen handelt es sich um funkelnagelneue Sachen billigen Genres, die in einem halbdunkeln Berliner Zimmer aufgestellt sind, und natürlich nicht um einen Deut billiger fortgehen, als man sie im Möbellager auch erwerben könnte. Es gibt Pianofortehändler, die einen großen Teil ihres Absatzes „fortzugshalber" erzielest und dabei meist Barzahlung bekommen. Auch Teppichhäitdler lieben diesen Tric. Sic arbeiten aber auch schon ganz gern mit sogenannten „Reisemustern". Exemplare, die natürlich nie auf der Reise waren, werden, „weil sie doch nicht mehr ganz tadellos" sind, billiger abgegeben. Noch mehr wird das mit Blusen, Kleiderröcken, Paletots usw. versucht; denu sür Teppiche ziehn die „kleinen Webefehler" oder „große Einkäufe im Orient" eigentlich! besser. Kleine Leute haben gewöhnlich keine Ahnung, ivoran man die Güte eines Teppichs erkennt, und ich selbst habe eines Tages einen neuen Teppich, in einem ziemlich großen Geschäft für beinah Vie Hälfte dessen erstanden, was kurz zuvor ein anderer Käufer für dasselbe Stück hatte zahlen müssen. Natürlich gibt es auch hie uud da ein Geschäft, wo mau wirklich erstaunlich billig zu Uhren, Diamanten, Seidenstoffen usw. gelangen kann; aber die böse Bolrzer macht der Herrlichkeit gewöhnlich bald ein Ende, da dre Quellen dieser billigen Leute gewöhnlich imr bei Nacht urid unter Zuhilfenahme von Dietrichen uud Nachschlüsseln,, wenn nicht gar Brecheisen fließen. Als vorteilhaft für Kleidung' mrd Hutschmuck, Wäsche usw. mft bet dem Gros der Berliner Damen ein altes umfangreiches Geschäft, das in der ganzen Welk Konkursmassen aufkauft und diese Waren so schnell wie möglich zu verramschen sucht. Natürlich kann man mit Waren-Unkenntnis hier erst recht, herein- fallen, und verlegene, unmoderne Ladenhüter mit ganz anständigen Preisen bezahlen. Wers indessen vergeht, kommt wohl ganz gut fort dabei. Natürlich geniert M die Berlinerin, ihre Garderobe dort erworben zu haben. Deshalb behandelt sie diese Quelle, als Geheimnis. Aber mitunter treffen sich dort meist Bekannte, die es nie von einander geglaubt hätten, daß sie auch bei Engel kaufen. Und solche Begegnung knüpft mitunter die dicksten Freundschaften. Denn daß sie sich beim Einkauf in „der" Landsberger Straße getroffen haben, wünscht, eine von der andern als „Geheimnis" behandelt zu Wissen. „Die Quelle darf nicht verraten werden". Und deshalb will auch ich Verschwiegenheit darüber bewahren! A. Jt.
Geheimschrift.
(Nachdruck verboten.)
W n n s d r h I I rtndwndvrnohtn
N d n c htzwwrtwsmtnmstgtn
Vorstehende Buchstabenreihen sind in Gruppen zu zerlegen, die sich durch Einfügung paffender Vokale zu sinngemäßen tern bilden lassen. Das Ganze ergiebt ein Citat aus Ruaert» „Weisheit des Brahmanen".
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.:
Sage wenig, denke viel.
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Perlaa der Vrübl'scheu llniversttätS-Vuch- und Steindruckerei. N. Lauae, Gießen.


