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Stunde, denn nur als Lehrer, nicht als Erzieher war Dip­pold zunächst engagiert. Die Abreise der Familie erfolgte Ende August. Da erst kam Dippold, der bis dorthin mit sichtlichem Erfolg nur das Studium der Kinder geleitet hatte, als Lehrer und Erzieher ins Haus. Gr hatte bisher das in ihn gesetzte Vertrauen vollauf gerechtfertigt. Von Ende August brs zum Oktober, der genaue Termin ist uns leider entgangen, war Dippold mit den Kindern allein, hatte aber fortgesetzt Bericht an Frau Kommerzienrat Koch zu er­statten.

Zn einem der vielen Antwortschreiben der Mutter seiner Schüler aus dieser Zeit kommt die Stelle vor: Seien Sie sich stets bewußt, daß es mein Liebstes ist, was ich Ihnen anvertraut habe." Im Oktober nun kam Frau Kommerzienrat Koch wieder zum Nachschauen auf einige Tage nach Ziegenberg. Sie fand alles in bester Ordnung. Tie Knaben waren an Dippold sehr anhängliche Am 9. November fand durch Reallehrer Dr. Wedte in Ballenstedt eine Prüfung der Kinder statt, die ihre entschiedenen Fort­schritte dartat. Die Prüfung sand wieder in Gegenwart der Mutter und der Schwester der Knaben statt, die mehrere Tage blieben.

Ende November erfolgte die erste schärfere Züchtigung der Kinder und am 29. November die Mitteilung hiervon an die Mutter durchs Bürgermeister Wendt. Am 2. Dezember ist Frau Kommerzienrat Koch in Ziegenberg, das sie nicht mehr verläßt, bis sie mit Dippold und den Kindern nach Berlin sährt, um dort Weihnachten zu verbringen. Sie hat Dippold, wie der Heilgehilfe Zeutsch bezeugt hat, sofort ernstliche Vorstellung über die Züchtigung gemacht, und Dippolo hat versprochen, daß es nicht mehr Vorkommen soll. Dippold träufelt aber zum ersten Male Gift in das Herz der Mutter, indem er dre Geschichte von den geheimen Sünden erfindet. Die Mutter fügt sich während des ganzen Aufenthaltes in Ziegenberg in die von Drppold festgesetzte Hausordnung- überwacht ihre Kinder, betritt nachts ost fünfmal deren Schlafraum, den sie neben ihr Zimmer ver­legt hat, um sich von den geheimen Sünden zu überzeugen, an die sie nicht glauben will. Am 29. Dezember kehrt sie von Berlin mit ihren Kindern und Dippold nach Ziegen­berg zurück. Da erfolgt am Sylvesterabend das Dvppel- geständnis der beiden Knaben. Heinz bezichtigt sich! des Diebstahls, Joachim sich der geheimen Sünden. Ja Joachim sagt zur Mutter, sie hätten auch gesündigt, als die Mutter am Bette saß, sie hätten sich verstellt. Das erst bringt den Glauben der Mutter an ihre Kinder zum Wanken. Aus pädagogischen Gründen will sie ihren Kindern ihren Anblick entziehen, was sie den Kindern in einem herzzerreißenden Briefe vom 5. Januar mitteilt. Sie stellt ihnen darin die ganze Schmach vor Augen, die sie ihr durch diese Ver­fehlungen »angetan haben, und erklärt die Trennung für notwendig. Der Brief ist in den meisten Berichten wieder- ?gegeben worden, weil er die ausschließliche, ungemein wirk- ame Duplik des Staatsanwalts bildete. Die Mutter ist eit 5. Januar für ihre Kinder nicht mehr sichtbar, sie weicht aber gleichwohl nicht von ihrer Seite.' Erst am 15. Januar kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie 14 Tage später die Mitteilung von neuerlichen Mißhandlungen der Kinder erhält. Es erfolgt die Entsendung des Professors Dr. Vogt und des Schwiegersohnes. Das Ergebnis ist bekannt. Dr. Vogt fragt bei seiner Rückkehr: Woher Haben Sie diesen idealen Menschen? und rät: 1) die Erziehung der Kinder auf längere Zeit in den Händen des Dippold zu belassen und 2) das Erziehungswerk durch nichts zu stören, und wenn dies in Ziegenberg nicht möglich wäre, einen anderen Ort ins Auge zu fassen! Die Frau quält der Gedanke,, sie habe Dippold Unrecht getan, welcher Glaube durch seinen Brief, sie könne den Arzt jederzeit ohne vor­herige Anmeldung schicken, bestärkt wird. So ist sie Dippold von nun an mit blindem Vertrauen ergeben. Wie aber die Mutter in diesem Zustand gleichwohl an ihren Kindern hängt, das sollen die folgenden Briefe beweisen, die wir ohne Absicht einer späteren Verwendung lediglich wegen der Größe der aus ihnen hervorleuchtenden Mutterliebe ausgezeichnet haben.

Dippold $ schreibt Frau Kommerzienrat Koch an

Welch' heiße Dankbarkeit gestern abend beim Anhören des Berichtes des Doktor Vogt gegen Gott und Sie durch mein Herz gezogen ist, vermögen Worte nicht zu schildern. . . . . Gelingt es, die Jungen auf lange Zeit hinaus ganz

Ihrem Einfluß zu überlassen, so ist begründete Hoffnung auch bei Heinz, daß er noch ein brauchbarer Mensch wird, weit Dr. Vogt auch jetzt der Jungen ganze Zukunft von Ihrem ungestörten Erziehungswerk abhängig hält.

Am 9. Februar schreibt sie wieder an Dippold:

Mit jeder Faser klammerte ich mich an die Hoffnung, daß Heinz selbst wieder den Weg zu meinem Herzen fiwder. Ich kann nichts tun als harren, hoffen und beten, daß mir Gott die Jungen noch einmal wieoerschenkt.

Den Vorschlag Dippolds, ihm die Kinder nach Trosen- dorf mitzugeben, beantwortet sie am 13. Februar folgender­maßen :

Ich bin froh, daß wir soweit sind, so bitter weh es mir tut, die lieben Jungen ins Exil schicken zu müssen. Zum Schluß wünsche ich Ihnen und meinen heißgeliebten Jungen eine glückliche Reise und einen gesegneten Eintritt in Ihre Heimat. Ihren Vater bitte ich, meine Jungen ein bischen lieb zu haben. Die armen Kerls sind doch noch mehr un- glücklich als schlecht, und doch noch Kinder, vorzüglich klein Jochen.

Ihre ganze Mutterliebe aber offenbart ein Brief an Heinz vom 19. Februar:

Wie ich über die Erfahrungen der letzten Monate zu­sammengebrochen bin, karin ich gar nicht sagen. Der Kummer über Deine Sünden, die große Angst, ob "Du wirklich um« kehren wirst, und dazu noch die Schande vor Gott und der Welt drängt mich Tag und Nacht rind vergällt mir ede Freude und raubt mir den Schlaf. Wie viele Stunden itze.ich nachts im Bett, bete für meine Jungen und lese rn meiner Herzensangst in der Bibel, um Trost und Be­ruhigung zu finden. Glaub' mir nur, mein lieber Junge, wenn Du auch eine harte Leideuszeit durchmachst, die meine ist nicht milder, nnd in Deiner Hand liegt es, sie zu ändern. Gehe also mit frischem Mute ans Werk! Laß die neue Heimat so viel gute Taten von Dir sehen, wie Du die alte mit schlechten beschmutzt hast. Ergreife fest Dippolds Freun­deshand, nur er hat Nachficht und Liebe genug, Dich aus Deinem Sumpf zu retten nnd Dir ein glücklicheres Leben als bisher zu bereiten. Und wie glücklich wollen Ivir sein, mein geliebter Heinz, wenn wir uns wieder sehen dürfest.

Wenn wir diese chronologische Darstellung ins Auge assen, dann geht aus ihr zur Evidenz hervor, daß die Koch- chen Kinder nicht fremden Händen überantwortet werden öllten, und daß insbesondere die Mutter unablässig um rhre Kinder war und jederzeit wieder zu ihnen zurückkehrte. Eine Aenderung trat erst ein, als der Mutter mit Geioalt und teuflischer Tücke der Glaube an ihre Kinder aeraubt worden war und eine Autorität tote der Direktor des'neuro- biologischen Instituts der Universität Berlin Professor Dr. Vogt in der Annahme bestärkt hatte, es sei aus pädagogi­schen Gründen notwendig, das Erziehungswerk des Herrn Dippold, dieses idealen Menschen, nicht zu stören und der Verlegung des Erziehuugsvrtes von Ziegenberg zuzu- stimmen.

Aus den vorgeführten Briefen gerade aus der Zeit nach dem Wechsel des Erziehungsortes spricht eine seltene Mutter­liebe selbst gegenüber den vermeintlich verderbten Stobern, allgemein aber eine nicht gewöhn lichje Herzens- nnd Geistes­bildung. Man muß es der Schreiberin dieser Briefe uach- sühlen, daß ihr die Trennung von ihren Kindern selbst das größte Opfer auferlegte, das sie nur in dem allerdings falsch erkannten Interesse ihrer Kinder zu bringen im­stande war.

Was also ist die schwere Schuld dieser Frau? Daß si.e irren konnte und getäuscht werden konnte, wo auch ein berühmter Psychiater irrte und getäuscht wurde? Oder soll es schon ein Verbrechen sein, seinen Kindern einen .Haus­lehrer zu halten und ihre Erziehung anderen anzuvertrauen? Zu welchen Konsequenzen würde das führen? Mr müßten all' unsere Erziehungsinstitute auflösen, außer den Waisen­häusern, und in die Anstalten für verwahrloste Kindxr müßten wir die Kinder all derer einschaffen, die durch ihr Amt oder durch ihre Abwesenheit vom Unterrichtsort der Kinder nicht imstande wären, die Erziehung ihrer Kinder selbst zu betätigen. Außerdem dürften z. B. Landkinder nicht städtische Institute besuchen. Dazu kommt, daß die individuelle Einzelerziehung durch 'einen befähigten Er­zieher der Massenerziehuilg in unseren ErzwhunHsanfialten zweifellos vor,zuziehen ist, und daß Heinz Koch sich! einer solchen Massenerziehung in einem Institute uichi fähig er­wiesen hatte.