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Hamor lächelte und drehte an seinem Schnurrbart.
,°Aber, willst Du mir nicht etwas geben, das ich zur Erinnerung au Dich aufbewahren kann?" wandte sich die junge Dame Guenn wieder zu. Sie war entzückt von der Freimütigkeit und Schönheit des Mädchens und bewunderte die warmherzige Regung, die das Dorfkind veranlaßt hatte, ihr Glück mft einem weniger bevorzugten Wesen zu teilen. „Vielleicht gibst Du mir eine jener hübschen Nadeln? —
„Sehr gern, Mademoiselle", und Guenn begann sich der bezeichneten Trophäe zu entledigen. Sie war geschmückt gleich einem mit Orden behangenen Feldmarschall, der zum Hosball geht, ihr Halstuch bedeckten ganze Reihen Vor- stecknadelu mit buntfarbigen Wachsköpfen und Gehängen von Gold- und Silberkettchen, alles Zeichen der Verehrung, die ihr mindestens die Hälfte der Matrosen und jungen Landleute dargebracht batten.
„Warum hast Du oiese Farbe gewählt?" fragte die Künstlerin und befestigte das hellblaue Schmuckstück an ihrem Kleide.
„Es ist die hübscheste Nadel und hat die Farbe von Mademoiselles Augen", erwiderte Guenn, ohne die geringste Absicht schmeicheln zu wollen.
Ein Murmeln des Beifalls, ließ sich in englischer Sprache unter den umstehenden Künstlern vernehmen.
„Sie macht Ihnen Ehre, Humor", sagte ein Neviner Studienfreund.
„Wer hätte solche Antwort von einem Plouveuecer Fischermädchen erwartet", meinte ein anderer.
„Ich muß gestehen", erklärte Humor lachend, „ich erkenne sie selbst kaum wieder mit diesen neuen, höflichen Umgangsformen. Sie muß bei erstaunlich guter Laune sein! Guenn ist das hübscheste Mädchen, das ich je gesehen habe, und mir bei der Arbeit nützlich; was aber ihre Liebenswürdigkeit anbelangt, so läßt sich davon nicht viel Rühmens machen. Glücklicherweise ist dies ja zu meinem Zweck nicht unbedingt nötig."
Guenn, die seine liebe Stimme ihren Namen aussprechen hörte, sah mit dankbarem Lächeln zu ihn! auf.
„O Monsieur Hamor", rief die junge Dame vorwurfsvoll, „wie können Sie so etwas sagen! Sie ist das entzückendste, kleine Ding von der Welt, und ich bin überzeugt, daß sie auch ein sanftes, freundliches Gemüt besitzt.' — Dein Name ist also Guenn", wandte sie sich abermals an das Mädchen, lediglich um das Gespräch mit ihr zu verlängern.
„Ja, ich bin Guenn", sagte sie, im stillen überlegend, d6- das einfache, graue Kleid mit dem Leinenkragen .Hamor wohl gefallen könne; auch hätte sie die Hände der Dame für ihr Leben gern ohne Handschuhe gesehen.
„Aber, Du weißt nicht, wer ich bin?"
„O doch, Sie sind Monsieur Stauntons Schatz."
Die Fremde errötete in tiefster Verlegenheit. Sie und Staunton befanden sich noch in jenem schwankenden, doch seligen Zustand der Ungewißheit, sie war daher auf solche unverhohlene Deutlichkeit nicht vorbereitet.
Ter junge Engländer kam ihr rasch zu Hilfe. „Aber, Guenn", sagte er, „Du hast ja eine Unmasse hübscher Dinge; wie kommt es, daß Du mehr geschmückt bist als die andern?" „Weil ich aller Liebling bin", versetzte sie ruhig, und zog die Augenbrauen in die Höhe, als sei sie erstaunt, etwas so Selbstverständliches noch erklären zu müssen. „Güten Tag, ich muh jetzt gehen. Suchen Sie sich nur bald einen guten Platz", riet sie Hamor eifrig, „damit Sie alles ganz genau sehen können. Horch! Da ertönt schon das Zeichen, wir werden gleich anfangen." Die Hände über dem Kopfe zufammenfchlageud, sprang sie davon, mit einem letzten, glückstrahlenden Blick auf Hamor, und bahnte sich durch Schieben und Stoßen ihren Weg zu Alain, der von der entgegengesetzten Seite gleichfalls zu ihr hinstrebte.
Die Gavotte begann: Die Sackpfeifen ließen ihre schrille, eintönige Weise hören. Rückwärts und vorwärts, unter Drehungen und Windungen, wogte die endlose Reihe der tanzenden Paare »cuf und ab. — Bauern in der Tracht ihres Heimatortes'; schwerfällige Burschen und Mädchen, die bei dem Vergnügen eine ernsthafte Miene aufsetztm, zwar nicht recht wußten, was sie mit ihren Füßen anfangen sollten, aber doch mit lobenswerter Ausdauer weiter stapften; stattliche Matrosen der „Merle", die mit einer gewissen leichten Weltgewandtheit tanzten, und inmitten wer ländlichen Eroberungen von Zeit zu Zeit einander
verständnisvoll zuwinkten; Erbinnen reicher Bauernhöfe, sich ihrer Würde uttb ihrer Silberspitzen wohl bewußt, und dabei mit größter Sorgfalt jeden ihrer Schritte abmessend, — das waren die Tänzer, die sich nach dem Klang der unermüdlichen Sackpfeife und ihres eigenen, fröhlichen Lachens und Scherzens, im Reigen schwangen, durchschnittlich mit mehr gutem Willen, als Zierlichkeit.
(Fortsetzung folgt.)
Eine Wrenrettung im Kasse Aippold.
Auf Grund des Ergebnisses der Hauptverhandlung verfaßt von einem Ohrenzeugen (Dr. Franz Habersbrunner in Bayreuth.)
Andreas Tippold, die Bestie in Menschengestalt, ist gerichtet. Er ist gleich einem Ephialtes einer fluchwürdigen Berühmtheit überantwortet. Und doch, man will es nicht fassen, daß ein Mensch solche ungeheure Schuld auf sich geladen hat, man sucht nacy Mitschuldiger! und entdeckt sie — in den Eltern der unglücklichen Opfer. Namentlich die Mutter klagt inan an. An ihrer Schuld zweifelt niemand mehr, nur der Grad der Schuld wird verschieden beurteilt. Ein großes Blatt, die Münchener Neuesten Nachrichten, klagt die Eltern am schwersten an, es spricht von einer unbegreiflichen Gewissenlosigkeit, von einer verbrecherischen Leichtfertigkeit und von einer bodenlosen Unkenntnis von Men- ichen und Dingen, welche die Eltern der unglücklichen Opfer der infamen Kanaille (Dippold) an den Tag legten, der sie ihre Kinder zur „Erziehung" überantwortet haben. Welch furchtbarer Gedanke, daß die Eltern, daß die Mutter Mitschuldige an der bestialischen Hinschlachtung ihres Kindes sein soll. Wir haben in den letzten Tagen von solch unerhörter Grausamkeit vernommen, daß uns der Glaube an die Menschheit geraubt ist, daß wir alles für möglich halten. Und doch, die Anklage ist so fürchterlich, daß wir uns der sorgfältigsten Prüfung der Schuldfrage nicht entschlagen dürfen. Die'EmPörung hat sich so auf unsere Nerven gelegt, daß wir Gefahr laufen, selbst ungerecht, selbst grausam zu handeln. Und grausam, fürchterlich grausam iväre cs doch- wenn wir etiva zu dem namenlosen Schmerz einet Mutter um ihr heißgeliebtes Kind die unbegründete Anklage gesellten, sie sei mit schuld am Tode ihres Kindes. Woher können wir Gewißheit erlangen, ivoniit können wir unsere Anklage begründen? Nur das Ergebnis der Haupt- verhandlung kann uns, darf uns als Beweismittel dienen.
Mas hat die Verhandlung ergeben? Trotz der umfangreichen Berichterstattung über die Verhandlung, wir sagen es zuversichtlich und kühn, ist das Ergebnis der Verhandlung nicht Gemeingut der Oeffeutlichkeit geworden. Namentlich eins ist in den Berichten ganz ungenügend zu tage getreten, die Korrespondenz zwischen den Eltern, insbesondere der Mutter des toten Heinz und dessen Peiniger Dippold. Die einzelnen Briefe wurden so rasch verlesen, daß sie nur der gewandteste Stenograph mitschreiben tonnte. So besitzen auch wir nicht alle Briefe, aber die wenigen genügen unseres Erachtens, den Leser einen Blick in das Herz der Mutter tun und ihn entscheiden zu lassen, ob die Mutter des Verbrechens an ihren Kindern fähig war, dessen sie geziehen wird. Und TidcEji ein anderes, in den Berichten ist kerne übersichtliche und chronologische Darstellung gegeben, tote lange die Muiert ihre Kinder in den Verbrecherhanden Dippolds ohne Aufsicht beließ. Es möge darum Zweck der folgenden Zeilen sein, dies unter ausschließlicher Verwertung der Ergebnisse der öffentlichen Verhandlung uach? ^^Der Vorgänger Dippolds in der Stellung eines Hauslehrers wurde ab gedankt, weil er sich den Koch'schm Kindern zu wenig' widmete. Dippolo wurde ach 30. Juni 1902 unter einer größeren Anzahl von Bewerbern in Rücksicht auf seine guten Zeugnisse, seine hervorragenden Empfehlungen von maßgebenden Personen, wie Lehrern und. Professoren re. und den günstigen Ausfall der über ihn em- gezogenen Erkundigungen ausgewählt und engagiert. Er traf am 6. Juli in Ziegenberg ein, wo die große KoHftche Familie ihren Sommeraufeuthalt genommen hatte. Dtp- pold hatte zunächst in Ziegenberg nicht Platz und mußte in dem wenige Minuten entfernten Ballenstedt Wohnung nehmen. Dorthin gingen die. Kochschen Knaben täglich zur


