Samstag den 17. Hktoöer.
(Nachdruck verboten.)
N MemAHe« vm Sn Brckßie.
.Von B. W. Howard.
(Fortsetzung.)
Es ist keine sonderliche Uebertreibung, wenn man sagt, daß der Flecken Nevin von fremden Künstlern vollständig erobert und in Besitz genommen worden ist. Was sich dort von der einheimischen Rasse noch vorfindet, genügt gerade, um den Bedarf der fremden Eindringlinge an Modellen zu befriedigen. — Eine reiche und gütige Mutter Natur hatte aber auch in Nevin den Malern ein Paradies er- schaffen, in dem es an unzähligen Motiven niemals gebrach. Wohin man das Auge wenden mochte, überall fiel es aus kleine, fertige Bildchen, die den Künstler förmlich einzuladen schienen, sie auf Leinwand zu übertragen. Ein seichter, vielfach gewundener Bach, der über anziehende Felspartien schäumte, sich zwischeii malerischen Ufern und den in herkömmlicher Weise herabhängenden Bäumen dahinschlangelte, kleine, absonderliche Mühlen und strohgedeckte Hutten, die für ein Kabinettstück in Wasserfarben wie ge- schienen, glattgeschorene Grasabhänge und tadellose Wäldchen bildeten das Entzücken und den Stolz der Neviner Künstlerwelt. Und doch, trotz dieser längst anerkannten Reize war eilt flüchtiger Beschauer oft imstande, in kalter Undankbarkeit zu sagen: „Jawohl, es ist ein reizendes Nest, aber ein Nest bleibt es trotz alledem, man hat eben alles schon hundertmal gesehen. Die kleine Mühle, das Bächlein mit den Schrittsteinen und dem Schaum, ist ja die reine Vorlage für ein Kinderzeichenheft — allerliebst, aber so wohl bekannt."
Wenn man dann dieses Musterdorf im Rücken hatte, atmete man unwillkürlich freier auf der kahlen, weißen Landstraße, zwischen den schroffen Mauern, auf denen die wirren Massen wilden Schlingkrauts wuchsen, und erleichtert schweifte der Blick über die endlosen Strecken purpurner duftender Heide, bis an den fernen Wald, dessen stolze Wipfel die Wolken zu berühren schienen und der in seinem kühnen, dunklen Schatten eine Welt von Schweigen und Geheimnis barg. Je weiter man sich von Nevin entfernte, je weniger man der Gefahr ausgesetzt war, von der öffentlichen Meinung geköpft, gehangen oder gevierteilt Zu iperden, — um so höher wuchs einem der Mut, bis man schließlich zu dem Ausspruch kam: „Ich liebe so etwas ^dsches, solche liltputtschen Reize nicht: Nevin gefallt mir nicht!" —
Heute aber hatte die Neviner Partei ein ganz entschiedenes lieber gewicht. Das Giiadenfest, das schon seit Jahrhunderten bestand, würde zwar gefeiert worden sein, wenn auch nw ein fremder Fuß in Nevins Straßen gewandelt, nie em fremdes Auge sich an Nevins malerischer Schönheit
ergötzt hatte, aber die jungen Männer, in den braunen Sammetröcken, und die jungen Damen mit den breiten Rubenshuten und Velasquezkrausen taten, als sei das Fest nurihretlvegen da. Sie mischten sich mit der liebenswürdigsten Herablassung unter das Landvolk und gönnten den biinten Trachten und den rohen Volksbelustigungen ein freundliches lächeln. „Für uns sind ja alle diese Stellungen, sur uns diese Farben, für uns dies unbefangene zur Schau stellen der Sitten und Gebräuche dieses urwüchsigen Volkes. Wie malerisch historisch! Wie antik und doch so lebendig'".
Guenn war heute überall und nirgends. Eine Menge Stimmen hatten schon gefragt: „Wer ist denn das schöne Mädchen nut den kecken Augen und den anmutigen Bewegungen?" Die Bauern erwiderten: „Das ist nattirlich Guenn Rodellec, wer könnte es anders sein?" und die Malers meinten: „Das ist Humors Modell, der glückliche Kerl . «ei einer der Buden stand- mit Staunton und Humor! eine Dame, die unter Lachen und Scherzen eines der vielen aufgestellten Glücksräder drehte. Sie war eine fleißige strebsame Künstlerin, die keine Spitzenkrausen trug und einen kleinen Hut aufhatte. Man konnte im allgemeinen m Nevin die Bemerkung machen, daß in Nevin der Hut, desto kleiner das Talent, je reicher die Krausen, desto beschränkter die Tatkraft der Künstjünger war. Dreimal schwang die junge Dame das Glücksrad und dreimal zog sre eme Niete, obwohl es kleine Gewinne in Menge gab. Ms sie sich endlich mit einem Scherzwort zurückziehen wollte, suhlte fte einen leichten Stoß am Ellbogen und sah in ein aufgeregtes, strahlendes Mädchengesicht, das sich dicht an ihre Schulter drängte.
„Ta, nehmen Sie, Mademoiselle!" und Guenn drückte ihr eme Schachtel mit Zuckersachen in die Hund.
„Mer warum, mein Kind?" fragte die Dame und betrachtete die junge Spenderin mit neugierigen Blicken.
„Sie haben noch jedesmal verloren, das ist sehr ärgerlich, und ich habe fast alles gewonnen; sogar bei der alten Zigeunerin in dem Zelt da drüben, habe ich Glück gehabt, und die ist doch eine Hexe und hat den bösen Blick. Nehmen Sie es nur, Mademoiselle!"
, "Du bist sehr großmütig", sagte die junge Künstlerin lächelnd und blickte mit sichtlichem Interesse in das junge Gesicht.
„Meine chose", versetzte Gueinl leichthin.
„Wer bist Du denn, Kind, ich habe Dich noch nie in Nevin gesehen."
Ehemals, in den Tagen ihrer Freiheit, würde Guenn mit einem kecken: „Ich bin Guenn Rodellec; wer sind denn Sie?" geantwortet haben. Jetzt aber entgenete sie mit einem halb verschämten, halb freudigen Blick auf Humor, zugleich mit dem Finger nach ihm weisend: „Sein Modell!" Ihr ganzer Stolz, in seinem Triumphzug folgen zu dürfen, selbst als namenlose Sklavin, lug in diesen zwei Worten.
„Was für ein ungewöhnliches, schönes Mädchen!" murmelte die Malerin auf Englisch.


