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Wohl vorüber, aber der Samovar summte, wie es in Rußland Brauch ist, noch immer.
Katharina blickte empor, als der Baron eintrat, hörte aber nicht aus zu spielen.
Herr von Chauxville begrüßte die neuen Gäste und ließ sich, während die Gräfin ihm eine Tasse Tee Anrecht machte, in eine lange Beschreibung der Vorbereitungen für die morgige Bärenjagd ein.
Er richtete seine Bemerkungen ausschließlich an Paul, der als begeisterter Sportsmauu bekannt war, und dieser taute allmählich ein wenig auf, gab sogar ein paar Ratschläge, die tiefes Verständnis und anfkeimendes Interesse verrieten.
„Wir sind unser nur drei, Steiumetz, Sie und ich", sagte der Baron. „Ich bitte Sie jedoch, int Auge zu behalten, lieber Fürst, daß ich kein Jäger bin, sondern ein bloßer Amateur. Die Gräfin war trotzdem so liebeuswürig, das Ganze in meine Hände zu legen; ich habe mit den Treibern gesprochen und mit ihnen abgemacht, daß sie heute nacht um elf Uhr Herkommen sollen, um uns Bericht zir erstatten. Sie haben voll drei Bären gehört nnb versprochen, sie aufzutreiben."
Er war wirklich voll Eifer nild Begeisterung, nnb ba es viele Einzelheiten gab, für bte er Pauls Rat beburste, so sprachen die beiden Winner weniger gezwungen miteinander, als es bisher geschehen war.
Chanxville hatte sich eine Menge technischer Ausdrücke angeeignet, nnb verwertete seine geringen Kenntnisse mit einet verblüfseuden Gesichlichkeit. Bald darauf begannen Steinmetz unb Panl eine Beratnug mit ber Gräfin über bett Frühstücksplatz, unb er verlieh sie.
Nelly unb Katharina befanden sich beim Klavier; Etta blätterte ein Album mit Photographien durch.
„Eiu entzückendes Hans, nicht wahr, Fürstin?" sagte Herr von Chauxville so laut, daß alle es hören konnten, wenn Katharina zufällig leiser spielte; aber ihr Spiel zeichnete sich stets mehr durch Kraft, als durch Weich!- heit aus.
„Entzückend!" antwortete Etta.
Die harmonischen Akkorde schwollen lauter an.
„Ich muß mit Ihnen sprechen, Fürstin", sagte Herr von Chanxville.
Etta warf einen Blick auf ihren Gatten und auf Steinmetz.
„Allein", fügte der Baron kaltblütig hinzu.
Er blätterte eine Seite im Album um und betrachtete aufmerksam eine Photographie.
„Sie müssen?" fragte sie, indem sie die Stirn ein wenig runzelte.
„Ich muß", wiederholte Chauxville.
„Das ist ein Wort, das ich nicht liebe", sagte Etta mit emporgezogeuen Augenbrauen.
„Nichtsdestoweniger bin ich so kühn, dies Wort zu gebrauchen, Fürstin", sagte Chauxville. „Sie {ernten mich vielleicht gut genug, um zu wissen, daß ich selten kühn bin, außer toenit ich auf sicherem Grund und Boden stehe."
„Dessen würde ich mich nicht rühmen", antwortete Etta. „Es ist sehr leicht, kühn zu fein, wenn man des Sieges sicher ist."
„Selbst ein sicherer Sieg erfordert Vorsicht."
„Ich möchte wissen," sagte die Fürstin nach einer Heinen Pause, „mit welcher Berechtigung Sie ein Wort gebrauchen, das mich nicht ost belästigt."
„Fürstin, ich habe ein gutes Gedächtnis, und außerdem —" er hielt inne und blickte im Zimmer umher, „außerdem giebt es in diesen vier Wänden Jdeenassocia- tionen, die das Gedächtnis reizen."
„Was meinen .Sie damit?" fragte Etta mit harter Stimme, und die Hand, die das Album hielt, bebte plötzlich wie eiu Blatt im Winde.
Herr von Chauxville stand da und drehte an seinem Schnurrbarte, tote Männer zu tun pflegen, wenn ihr Gesprächsthema erschöpft ist. Er sah aus, als denke er nach, auf welche Weise er die Fürstin mit Anstand verlassen könne, um seinen Pslichten gegen die übrigen uach- zukommen.
„Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen, denn Katharina beobachtet uns vom Klavier aus", antwortete er. „Hüten Sie sich vor diesen kalten, blauen Augen, Fürstin."
Er ging auf das Klavier zu, wo Nelly hinter Katharinas Stuhl stand.
„Sind Sie eine Fortschrittlerin, gnädiges Fräulein?" fragte er mit einer feiner ehrerbietigen Verbeugungen. „Sind Sie modern?"
„Keins von beiden; aber warum fragen Sie?" antwortete Nelly.
„Ich möchte nur wissen, ob Sie morgen mit uns auf die Jagd gehen werden. Man weiß ja nie, was die Damen tun werden — Pardon! Nicht Damen, ich meine Frauen. Die moderne Fran ist keine Dame, nicht wahr?"
„Sie kümmert sich um Ihre Beleidigung nicht, Herr Baron," lachte Nelly. „Solange Sie sie nur beachten, ist sie glücklich, Was jedoch morgen Betrifft, so können Sie sich beruhigen. Ich habe nie in meinem Leben einen Schuß getan, unb bin vernünftig genug, nicht mit Bären ben Anfang zu machen."
Herr von Chauxville gab eine passende Antwort und plauderte weiter mit den beiden jungen Damen beim Klavier, bis Etta sich erhob unb auf sie zutrat. Dann ging er auf bie anbere Seite bes Zimmers unb verwickelte Paul in eine Diskussion über bte morgigen Pläne.
Die Dinerstunde rückte heran, unb Etta mußte darauf verzichten, mit Chauxville allein zu sprechen. Der kluge Baron vermied es sorgfältig, ihr bazu Gelegenheit zu bieten; er kannte den Wert eines kurzen Wartens. Während des Diners und später, als die Herren endlich in den Salon traten, bewegte sich bie Konversation auf sportlichem Gebiete. Bären, Bärenjagben unb Bärengeschichten bildeten
das Thenta.
Zuletzt wurde abgemacht, daß die drei jungen Damen zusammen nach einer Holzhauerhütte am äußersten Ende des Waldes führen, wo das Frühstück stattsinden sollte. Während dieser Teil des Programms erledigt tourt)e, blickte Herr von Chanxville Etta über den Tisch hinweg fest an.
Jetzt endlich bot er ihr nach reiflicher Ueberlegung Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.
„Was meinten Sie vorhin?" fragte sie sofort.
„Ich habe eine Nachricht erhalten, die, hätte td) fte drei Monate früher bekommen, Ihr ganzes Leben ver
ändert hätte."
Wieso?"
"Ich wäre Ihr Gatte geworden und nicht der dickköpfige Riese da drüben." .
Etta lachte, aber ihre Lippen waren einen Augenblick farblos. , ...
„Wann kann ich Sie allein sprechen?"
Etta zuckte die Achseln; sie besah viel Mut.
„Seien Sie gesälligft nicht so dramatisch und mysteriös, ich bin müde — gute Nacht!"
Sie erhob sich und verbarg em erkünsteltes Gähnen.
Herr von Chauxville blickte sie mit seinem finsteren Lächeln an, und Etta sah plötzlich die Aehnlichkeit, die Paul zwischen diesem Manne und kern’ grinsenden Luchskopf im Rauchzimmer von Osterno bemerkt hatte.
„Wann?" wiederholte er.
Etta zuckte die Achseln. r r „
„Ich hätte mit Ihnen über die Armenliga zu sprechen , faate Herr von Chauxville.
Ettas Pupillen erweiterten sich;, sie gmg em paar Schritte von ihm fort, kam aber wieder zurück.
Ich werde morgen nicht mit zum Frühstück gehen. Wenn Sie Lust haben, die Jagd früher zu verlassen ; ■ Ter Baron verbeugte sich.
27. Kapitel.
Ein Gespräch.
Vor dem Schlasengehen ging Katharina mit Nelly auf ihr Zimmer, um nachzusehen, ob auch alles m Ord- ttUn Gin großes Holzfeuer brannte hell in dem offenen, französischen Ösen; das warme, trauliche Gemach war nut mehreren Lampen beleuchtet. Eine zweite Tur führte tn bas kleine Klavierzimmer, bas Katharina gehörte,, nno dahinter lag ihr Schlafzimmer. ,
Nelly versicherte ihrer Gastgeberin, daß sie alles habe, was sie brauchte, und der Dienste von Katharinas ^ungfer nicht bedürfte. .,,
Aber die junge Gräfin ging trotzdem noch nicht, ©te machte nicht schnell Bekanntschaften, — nicht aus Schüchternheit, fonbern weil sie mißtrauisch unb cirgwoy- nisch war; aber ihre Freundschaft war, einmal geschenkt, ein wertvoller Besitz.


