Der Berliner Kongreß.
13. Juni — 13. Juli 1878.
Wien. Paris. Berlin. Die alte Kaiserstadt, die epi» sadistische Kaiserstadt und die neueste Kaiserstadt waren im vorigen Jahrhundert die Gerichtsplätze der Weltgeschichte, auf denen die Diplomatie Kongresse als Weltgericht abhalten konnte. Der Wiener Kongreß vom Jahre 1815 legte die durch Napoleon zerknüllte europäische Landkarte wieder möglichst in ihre legitimen Falten. Dainals handelte es sich darum, das nach Westen verrückte Schwergewicht auf die richtige europäische Balance zu verteilen. Von der Türkei war jedoch keine Rede. Dann begann Rußland sich zu recken. Die Napoleonische Prophezeiung vom kosakischen Europa schien allmählig sich bewahrheiten zu wollen. Die kosakische Faust langte nach dem goldenen Byzanz, aber der Schlag, den die Westmächte durch den Krimkrieg gegen sie führten, lähmte sie so sehr, daß im Pariser Kongresse — 1856 —- ihr für einige Zeit diplomatische Fesseln angelegt werden konnten. Rußland sammelte sich. Zwanzig Jahre später war es gesammelt genug, den Griff nach Konstantinopel zu wiederholen. Der russisch-türkische Krieg — zu dem bei der Sauinseligkeit der Pforte in Ausführung der ihr durch das Londoner Protokoll vom 31. März 1877 aufgetragenen Reformen der Anlaß leicht gefunden war — brachte Rußland nach anfänglichen Mißerfolgen knapp bis an die Tore Konstantinopels. Ein Stoß — und der Halbmond konnte aus Europa hinausgeschleudert werden. Solche Vehemenz war aber nicht nach dem Geschmack der europäischen Mächte, die bis dahin Rußland hatten gewähren lassen; die Türkei sollte geschwächt, Rußland aber nicht gestärkt werden. England rüstete, Oesterreich-Ungarn schlug einen Kongreß in Wien vor. Die russische Politik beeilte sich daher, von der Türkei eine ausgiebige Schuldverschreibung zu erlangen, um mit den Mächten beffer handeln git können. Es kam am 3. März 1878 der Friede von San Stefano zustande, der von der europäischen Türkei nur einige unzusammenhängende Fetzen zurückließ, die wie welke Blätter, reif zum Abfallen, der goldenen Frucht Stambuls anhingen.
Der Augenblick für das Eingreifen Bisnmrcks, des „ehrlichen Maklers" war nun gekommen. Nach regen diplomatischen Verhandlungen konnte er am 3. Juni 1878 die Einladungen an die Unterzeichner der Verträge von 1856 und 1871 (Paris und London) ergehen laffen, auf einem Kongreffe in Berlin zusammenzutreten, um die „Stipulationen des Vertrages von San Stefano zu diskutieren". Diese Diskussion bedeutete nichts anderes, als ein Schachern mit Rußland, um es zur Herabminderung seines Siegespreises zu bewegen. Die Verhandlungen waren erleichtert durch ein am 30. Mai zwischen England und Rußland getroffenes lieber« einkommen; nichts destoweniger gab es während der Dauer des Kongresses Augenblicke, da sein Scheitern befürchtet wurde. Die Autorität und das diplomatische Geschick des Fürsten Bismarck wußte jedoch über alle diese Schwierigkeiten hinwegzuleiten.
Der Kongreß, der am 13. Juni seine formellen Arbeiten lmfnahm, war ein Zeugnis für die führende Rolle, die das neue Deutsche Reich gewonnen hatte. Dies htm noch dadurch gum Ausdruck, daß der deutsche Reichskanzler, Fürst Bismarck, den Vorsitz führte, in dessen Palais auch der Kongreß tagte. Bismarck war somit zugleich der Hausherr des Kongresses. Der Zufall des Alphabets symbolisierte gleichfalls den Vorrang Deutschlands. Zur Zeit des alten Deutschen Reiches hatte der deutsche Kaiser unbestritten den Vorrang vor den übrigen tooiiüerctnen. Nach Auflösung des Deutschen Reiches bestimmte der Wiener Kongreß, daß die Mächte nach dem Alphabet ihrer französischen Bezeichnung rangieren sollten und so kam es, daß „Antriebe" 1815 den ersten Rang auf dem Papier behauptete. Beim Berliner Kongreß, der dieselbe Anordnung traf, nahm also die neue deutsche Kaisermacht als „ Allemagne" die erste Stelle ein. Die Rangordnung rvar: Allemangne, Antriebe, France, Grande Bretagne, Italie, Russie, Turquie. Für die Türkei ivar dieses alvhabetische
Schicksal gleichfalls bezeichnend, denn ihren Vertretern blieb, trotz versuchten Sträubens, nichts übrig, als den Schliißpunkt zu allen Bestimmungen des Kongresses zu setzen.
Die Mitglieder des Kongresses waren: Deutschland: Fürst Bismarck, Staatssekretär des Auswärtigen o. Bülow und Fürst Hohenlohe; Oesterdeich-Ungarn: Minister des Aeußern Graf Andraffy, Graf Carolyi und Baron Haymerle; Frankreich: Der Minister des Auswärtigen Waddington und Graf St. Vallier; England: Ministerpräsident Lord Beaconsfield, Minister des Auswärtigen Salisbury und Lord Odo Ruffel; Italien: Minister des Auswärtigen Graf Corty und Graf de Launay; Rußland: Reichskanzler Fürst Gortschakow, Graf Peter Schuwalow und Freiherr v. Oubril; Türkei: Karatheodory Pascha, Mehemed Ali und Sadullak Bey. Diese von ihren Staaten bevollmächtigten Diplomaten waren selbstverständlich von einem Stab von Mitarbeitern begleitet. Die gesamte Liste des Kongreßpersonals unifaßte 70 Personen. Von all diesen Persönlichkeiten standen neben dem Fürsten Bismarck Lord Beaconsfield und Fürst Gortschakow im Vordergrund des Interesses. Beaconsfield, von jüdischer Abstamnning, der als Benjamin Disraeli int Jahre 1805 geboren ivar, hatte vorerst als Romanschriftsteller die Unsterblichkeit zu erlangen gesucht, später aber die Literaturgeschichte mit der Weltgeschichte vertauscht. Er galt als in- timster Gegner des achtzigjährigen Gortschakow, der wider die Absicht des Zaren am Kongresse teilnahm. Der russische Reichskanzler, der 22 Jahre lang die Politik seines Landes geleitet hatte, ließ sich nicht in den Hintergrund drängen. Obgleich sein Gesundheitszustand ihm die größte Schoniing hätte auferlegen sollen, mußte er doch zu den Beratungen sich in einem Tragseffel führen laffen. Der eigentliche Bevollmächtigte Rußlands war . Graf Peter Schuwalow, utr Gegensätze zu Gortschakow ein aufrichtiger Freund des Friedens unb mit Bismarck eines Sinnes. Neben den großen Diplomaten des Kongresses war eine der interessantesten Gestalten der türkische Delegierte Mehemet Ali. Er hatte eine richtige Janitscharen-Laufbahn hinter sich. Mehemet Ali war Zufallstürke. Geboren wurde er als Sohn des preußischen Beamten Detroit in Magdeburg, wo er das Gymnasium besuchte. Einer Stiefmutter willen verließ er das väterliche Haus, wurde Schiffsjunge, entfloh in Konstantinopel seinen ihn mißhandelnden Vorgesetzten. Detroit fiel dem bekannten Alt Pascha in die Hände, der ihn der Kriegsschule übergab. Zum Islam übergetreten, machte er als Mehemet Ali rasche Karriäre. Nach dem Kongresse besuchte Mehemet Ali seine Magdeburger Heimat, von wo er nach Albanien als Pacisikator berufen wurde. Bei dieser Friedensmisston büßte er das Leben ein; er wurde meuchlings getötet. Nebrigens hat von den hervorragenden Mitgliedern des Kongresses, mit Ausnahme des Marquis Salisbury, der noch vor kaum Jahresfrist englischer Premier war, keiner den Tag erlebt, an welchem auf das „Säkularwerk" des Kongresses sich die viertelhundertjährige Probe machen läßt.
Verglichen mit dem Wiener Kongreß, der schon wegen der Teilnahme der Monarchen einen glänzenderen Verlauf nahm, hatte der Berliner Friedensareopag wenig gesellschaftlichen Glanz entfaltet. Einige Hofdiners waren so ziemlich das Um und Auf. Tas Berliner Publikum brachte ihm auch feüt starkes Interesse entgegen. Hierzu mochte beigetragen haben, daß die Stadt noch unter dem Eindrücke des am 2. Juni erfolgten Nobilingschen Attentates gegen den greisen Kaiser Wilhelm stand, der nicht unbedenklich! verwundet worden war. Sv hatten sich denn in den Nachmittagsstunden des 3. Juni vor dem Palais Radziwill — dem Wohnhause Bismarcks — obgleich der Beginn der ersten Sitzung für 2 Uhr angesagt war, kaum einige hundert Neugierige angesammelt; dagegen waren Schutzleute zu Fuß und zu Pferd zahlreich genug zur Stelle. Tie Attentatsfurcht lag damals in der Luft. Als Erster fuhr der Hausherr Fürst Bismarck vor; sein Anblick war aber nicht der „historische", wie er durch die zahlreichen Denkmäler der Ewigkeit aufbewahrt scheint. Bisniarck eröffnete den Kongreß im Vollbart, den er sich wegen neuralgischer Gesichtsschmerzen hatte wachsen lassen. Tie graue Gesichts- nmrahmung milderte die strengen Züge. Auf dem be-


