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Jahren in Bridgeham und er ist weg seit — zwanzig, nicht wahr?"
„Seit fünfundzwanzig Jahren, Sir. W war eine im- glückselige Geschichte, ich muß es sagen, obschon sie mir eine gute Stelle eilt trug. Frau Graham hätte keinen Verwalter gebraucht, wenn sie ihren Sohn zur Seite gehabt hätte. Er war ein gescheidter Herr, unser Herr Arthur, und so gut und so angenehm, in seinem ganzen Wesen, aber so eigensinnig, wie — nun, wie seine arme Mutt er, besser läßt sich's nicht ausdrücken. Es war ein trauriger Tag für beide, als sie sich entzweiten."
„Und jammerschade, daß sie sich nie wieder versöhnten", stimmte der Doktor kräftig bei. Er war sehr friedliebender Natur und stets geneigt, Schwierigkeiten jeder Art, die ihm in den Weg kamen, gütlich beizulegen, oder wenigstens den Versuch zu machen. „Aber ich glaube, dies war einer jener Fälle, wo kein Fremder sich einmischen konnte. Ueber- haupt schien Frau Graham sich niemals von jemand beeinflussen zu lassen.
„Von keiner Seele", bestätigte Harris mit Nachdruck. „Von der Zeit an, da sie als junge Witwe hierher kan und von ihres Onkels Erbe Besitz ergriff — es sind jetzt vierzig Jahre, ich war damals noch ein Junge — trat sie ganz selbständig auf. Und sie hatte eine glückliche Hand, alles verstand sie vortrefflich, nur nicht, ihre eigene Familie zu behandeln. So lange ihr alles nach Wunsch ging, war gut mit ihr auszukommen; aber sobald sich jemand ihrem Willen widersetzte, wie es Herr Arthur getan haben muß, obschon wir es alle nicht bestimmt wissen, trat sie als unerbittliche Herrin auf. Sein Weggehen ließ sie in einerWoche um Jahre altern, und Fräulein Beatrices Tod machte sie frühzeitig zur Greisin."
„O, es war auch eine Tochter da?" fragte Tr. Wilson überrascht. „Wäre sie am Leben geblieben, so hätte sie gewiß Mutter und Bruder wieder versöhnen können."
„Ich bezweifele es, Herr!" entgegnete der Verwalter lopfschütterlnd — fünfundzwanzig Tienstjahre hatten ihm den festen Glauben an seiner Herrin unerschütteirlichem Willen eingeprägt! — „Tas arme Kind grämte sich so sehr Um seinen Bruder, daß seine Gesundheit darunter litt. Aber Frau Graham schien es nicht zu sehen; sie war so stolz auf ihre Tochter und ließ ihr Lehrer aus der Stadt kommen, die sie in allem Möglichen unterrichten sollten. Zuletzt mußte sie noch in ein großartiges Institut, in Frankreich glaube ich, und dort starb sie."
„Ein harter Schlag für ihre Mütter", bemerkte Tr. Wilson teilnehmend.
„Von dem fie sich auch nie mehr erholte. Ich kann mich der Zeit nicht mehr erinnern, da ich sie lachen sah. In unserem Hause wurde es ganz still und einsam. Seit zwanzig Jahren kam kein fremder Fuß über ihre Schwelle, als Sie und Ihre gute Frau, oder manchmal der Herr Rektor."
„Ein trauriges Leben", sagte der Doktor sinnend — „gut, daß Fräulein Basset es so lange in dieser Einsamkeit stushäli."
„Sie wird ihren guten Grund dazu haben, darum wette ich", versetzte Harris bedeutungsvoll, und Tr. Wilson, der fürchtete, er habe vielleicht einen Gegenstand berührt, der ihn nrchts anginge, brach das Thema kurz ab.
Ter Wagen fuhr jetzt über eine Brücke, die den Fluß überspannte, von dem ein kleiner See gespeist wurde. Obgleich auf der anderen Seite Westfield nur einen Kilometer entfernt zu ihrer Linken lag, mußte doch ein Umweg von drer Kilometern gemacht werden, ehe man das Haus erreichen konnte. Der Raum zwischen Wasser und Landstraße war nur eine ausgedehnte Niederung, die oft überflutet und eben von einem Achten kalten Nebel eingehüllt war.
„Wie schade, daß man es hier nie mit einiger Kultur versuchte", bemerkte der Doktor und schlug seinen Kragen m die Höhe, als sie der feuchten Luft sich näherten. „Einige Tausende für Dämme und Drainage hier verwendet, würden sich gut rentieren. Ich wundere mich, daß eine so "Uge Dame, wie Frau Graham, dies nie ausführte." ,, „Ohne das Unglück in ihrer Familie wäre es wohl geschehen", entgegnete der Verwalter. „Aber wie die Sachen standen, sparte sie lieber ihr Geld. Sie mutz ein riesiges Vermögen hinterlassen. Vielleicht werden ihre Erben das Versäumte hier nachholen."
Er sagte dies bcheutungsvoll, denn Fran Grahams Vor
liebe für Tr. Wilson gegenüber dem gutmütigen aber etwas taktlosen Torfmedikus, der es einst gewagt hatte, nach ihrem verschwundenen Sohn zu fragen, war nicht unbemerkt geblieben. Und nach dem alten Erfahrungssatz, daß Dauben hinfliegen, wo schon Dauben sind, prophezeiten viele, Fran Grahams Reichtum werde sicher in die wohlgefüllte Kasse ihres Leibarztes wandern. Tr. Wilson kannte vermutlich diese Prophezeiung, denn wieder wechselte er das Thema.
„Sind Sie hier mit Wilddieben belästigt?" fragte er, als ein Rascheln im Schilf, das die Gräben am Wege einfaßte, und der scharfe Schrei eines Wasservogels die Nähe irgend eines Feindes für die gefiebertem Schläfer andeutete.
„Nicht so wie früher!" war die Entgegnung — „hier und da ein wenig in der Nacht, aber das zählen wir nicht. Herr Ledsom, dem wir das kleine Gehölz verpachteten, läßt durch seine Leute scharf Wache halten und überdies hat- Bridgeham seine verwegensten Wilderer verloren."
„Sie meinen die Stirlings?"
„Ja, Herr. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen^ alles glückte ihnen. Der Alte war der reinste Hexenmeister, ' nichts war sicher vor ihm, und die Jungen waren nicht besser. Wenn sie sich nicht tot getrunken hätten, wären fie sicher an den Galgen gekommen. Zweimal hatte Herr Arthur sie überlistet, was ihnen sechs Monate Hast einteng, und ein drittes Mal wäre es noch schlimmer für sie gekommen, ivenn nicht das Weibervolk für sie gebeten hätte. Es war im letzten Jahre, ehe er wegging."
„O, sie haben ihre Frauen angestiftet, sich für sie zu verwenden?"
„Nicht ihre Frauen, ihre Mütter und Schwestern, Herr. Tre alte Frau lebt noch. Sie wohnt nicht weit von Ihrem Hause, die Witwe Stirling."
„Ich erinnere mich. Und die Schwester?"
„Hm" — Harris zögerte. Sie waren in die Nähe des Hauses gekommen, und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab, als ob er fürchte, von den Bäumen belauscht zu werden. „Natürlich weiß ich nicht, ob die Geschichte wahr ist, aber man staunte sich zu, daß gerade wegen, dieser Schwester Herr Arthur sich mit seiner Mutter entzweite und die Heimat verließ."
„Um eines solchen Mädchens willen? Tas scheint mir sehr unglaublich, Harris."
„Und doch war es so, Herr! Dora Stirling war ein schönes Mädchen und die einzige Stütze ihrer Mutter, dis Männer gaben nicht viel ab. Tie beiden Frauen waren brav und ehrlich und grämten sich nicht wenig über das Treiben der schlechten Sippe."
„Und was wurde aus dem Mädchen?"
„Das weiß niemand ! Sie verschwand eines Tages und ließ nichts mehr von sich! hören, das arme Ting!"
Während der Doktor noch über diese ihm neuen Eröffnungen nachdachte, hatten sie Vestfields erreicht und ein Tiener geleitete den sehnlichst Erwarteten schleunigst in das Gemach seiner Herrin.
Ein einziger Blick sagte ihm, daß der dritte gefürchtete Schlaganfall wirklich gekommen togt.
Bei vollem Bewußtsein, aber unfähig, sich zjn bewegen, ruhte Frau Graham, halb liegend, halb gestützt von einer Dienerin, aus einem niederen Divan. Das bleiche, schöne Gesicht mit den harten Zügen schien ganz eingeschrumpst; es war, als ob nur der Wille allein noch das Leben darin zurückhielte. Tie langen schmalen Hände, die Fräulein Bassett durch unaufhörliches Reiben zu erwärmen suchte waren ganz hilflos und die dünnen Lippen, einst der Typus unbeugsamen Willens, bemühten sich peinlich, einige Worte hervorzubringen.
„Was wünschen Sie, Frau Graham?" fragte der Doktor, als er den bekümmerten Blick bemerkte und ihre kalte Hand in die feinige nahm. Ein schwaches Zeichen lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein geschlossenes Kouvert, das zwischen ihren Shawls und Kissen lag. „Ties?" fuhr er fort, „soll ich es öffnen?" Ein kaum vernehmbarer Laut bejahte feine! seine Frage. Als er das in Frau Grahams deutlicher Handschrift eng beschriebene Dokument entfaltete, murmelte bte Kranke mit schmerzlicher Anstrengung:
„Boll—enden. Lesen."
(Fortsetzung folgt.)


