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bekam das Gesicht des Mädchens den seltsamen Ausdruck, als ob eine sie heimsuchende dunkle Erinnerung ihren Geist gestört hätte.
„Ich erkläre Ihnen seierlich, daß ich ebensowenig eine bestimmte Meinung darüber habe wie Sie. Doch will ich gestehen, daß ich früher eine schrecklichje Art von Halbvorstellung hatte —"
„Und Sie wollen mir nicht sagen, von welcher Art diese tzalbvorstelluug war?" unterbrach Clifford sie eifrig.
„Nein", sagte Nell fest.
„Und jetzt?" fuhr Clifford fort.
„Jetzt habe ich ebensowenig eine Idee, wer's getan, wie Sje selbst eine haben. Anfangs versuchte ich, mir Vorzustellen, daß dieser Mr. Lowndas sich, den Kopf voll Räubergeschichten, schlafen gelegt und die lange Geschichte, die er uns dann erzählte, geträumt hätte. Allein je mehr ich über die Art, wie er sie erzählte, nachdachte, desto mehr fühlte ich mich gedrungen, zu glauben, daß es trotz allem kein Traum war. Und doch —"
„Sie sahen durch Ihr Zimmer niemand außer ihm gehen?"
„Memand", erwiderte Nell mit Nachdruck.
„Könnte es nicht die Magd, das Mädchen, das ich am Schenktisch gesehen habe, gewesen fein?" deutete Clis- ford mit gedämpfter Stimme au.
Nell lächelte traurig.
„Die arme Meg? Nein. Sie hat seit fünfzehn Jahren im Dienste meines Onkels gestanden, und Sie wissen, daß, wie man sagt, erst neuerdings, tatsächlich erst seit ich hier bin", und wieder wurde sie hochrot, „die Diebstähle begangen worden sind. Ich schäme mich sagen zu müssen, daß ich in jener Nacht, in der Mr. Lowndes seine Geschichte erzählte, in der armen Meg Kammer ging, gerade — gerade nur um zu sehen, ob sie darin war. Und sie lag fest, wirklich fest, nicht verstellt, im Schlafe da. Ich stellte sie mit einem angezündeten Licht, das ich ihr vor die Augen hielt, auf die Probe — Sie sehen, daß ich in Verzweiflung war —" fügte sie zur Entschuldigung hinzu. „Und dann ging ich sogar noch hinunter und warf einen Blick auf die alte Nannte!"
Und Nell sah tief beschämt über das, was sie ein- gestand, aus.
(Fortsetzung folgt.)
Allerlei Vorbereitungen für die Schulzeit.
Pädagogische Betrachtung von Ernst Hauser.
(Nachdruck verboten.)
Mit recht verschieden gearteten Anschauungen, Gefühlen und Wünschen blicken die Eltern, oder richtiger wohl gesagt die Mütter, — denn die Väter geben sich mit so „nichtigen" Dingen nicht ab, — aus den Beginn der Schulzeit.
Tie einen betrachten die Schule als eine Entlastung ihrer eigenen Mühen, Sorgen und Tätigkeit; sie sagen sich: nun mag der es erziehen, ich bin es für den größten Teil des Tages los. Dem Himmel sei Dank!
Andere Mütter wieder denken: Jetzt geht mein süßes Nesthäkchen in die Schule; nun wird es mir entfremdet. Bisher war ich seine einzige und beste Freundin; jetzt aber lernt es andere Kinder kennen, und der Lehrer und die Lehrerin, alle nehmen sie nun insgesamt den Platz im Herzen des Kindes ein, den ich bisher ganz allein ausfüllte. Jetzt bin ich wieder kinderlos.
Und dann wieder giebt es Mütter, die sagen sich: Nun muß ich aber tüchtig aufpassen auf meinen Jungen, daß er stets fleißig und bald erster ist, und muß mit ihm arbeiten und büffeln und ochsen, daß er vorwärts kommt.
Und es gibt noch viele andere Mütter, die noch anders denken, aber nur wenige, die das richtige sagen und denken und wünschen.
Diejenigen Mütter, die da glauben, daß der .Lehrer ihnen vom Beginn der Schule ab die Pflicht der Erziehung abnehme, fehlen sehr. Im Gegenteil, die Pflichten der Eltern für die Erziehung der Kinder sind nach meiner Ansicht zu verdoppeln, denn bisher hatte die Mutter nur auf dre Einflüsse -zu achten, welche auf das Kind im engen Nahmen des Hauses eindrangen, jetzt aber hat sie das Kind vor zahllosen fremden Einwirkungen zu schützen, sie hat die schlechten Zuflüsterungen von Mitschülern wieder wett zu machen, und das, was mancher Lehrer oder Lehrerin am Kinde etwa verderben könnte, denn nicht jeder Lehrer ist ein
Gott und nicht jeder Lehrer kann daher auf die Eigen-, tümlichkeiten jedes einzelnen Kindes eingehen; er kann leicht einen Charakterzug des einen Kindes verkennen, seine bescheidene Zurückhaltung zum Beispiel für Faulheit halten und kann dementsprechend des Kindes Entwickelung in falsche Bahnen lenken. Auf alles dies und noch tansend Tinge mehr hat eine gute Mutter, welcher die Erziehung ihres Kindes am Herzen liegt, zu achtelt.
Und es haben daher auch jene Mütter unrecht, die da klagen, daß ihnen die Schule ihr Nesthäkchen entreißt und dessen Vertrauen raubt. Im Gegenteil, sie sollen noch mehr das Vertrauen ihrer Kinder behalten und sich zu erhalten suchen, was freilich nicht dadurch geschieht, daß sie die Kinder strafen, wenn sie von dem Lehrer einen Verweis oder eine schlechte Note erhielten, sondern eher dadurch, daß sie liebevoll mit ihren Kindern noch einmal die Leiden und Freuden der Schulzeit durchleben, ihre kleinen Schulnöte mit ihnen mitempfinden und alles mit den Kindern liebevoll durchsprechu, was das Herz ihrer Kleinen bewegt.
Und vor allem auch haben diejenigen Mütter unrecht, welche ihren Ehrgeiz darein setzen, daß ihr Junge der erste sei. DieseSchülmnsterknaben sind nicht immerMustermenschen geworden, nnd ich brauche hier nicht die zahllosen Genies vorzuführen, die eS in allen Ländern gab, hervorragende Männer und Frauen aus allen Berufssphären, die in ihrer Schulzeit nicht ihre glänzende Zukunft verrieten. Denn die hervorragende Schulbegabung ist oft nur das Resultat eines guten Gedächtnisses und hat mit der Entwickelung des Verstandes und Geistes des Kindes nichts zu tun. Gerade dieser falsche Ehrgeiz der Mütter hat das so gefährliche Beurteilen der Kinder nach ihrem erlernten Wissen gezeitigt, ohne auf ihr Können und Verstehen Wert zu legen. Die Mütter verlangen zu wissen, welchen Rang das Kind in der Klasse einnimmt, dieser Rang kann naturgemäß nur be- stinimt werden nach dem Grade des Wissens der einzelnen Kinder. Ob dieses Wissen aber lediglich vermöge eines guten Gedächtnisses erworben und verständnislos herge- plapppert wird, oder ob es gepaart ist mit der Intelligenz des Schülers, vom Verstand geistig ausgenommen wird, das kommt bei der Rangausmessung in der Klasse nicht zum Ausdruck, kann nicht zum Ausdruck koinmen. Der Lehrer kann z. B. nur in der Geschichte das Wissen des Kindes erforschen dadurch, daß er die Geschichtszahlen abfragt; ob diese nun der mit einem guten Gedächtnis, aber geringer Intelligenz begabte Schüler zusammenhanglos gelernt hat und herzuplappern weiß, oder ob ein anderer geistig mehr begabter Schüler den geschichtlichen Vortrag des Lehrers in sich aufnahm und aus diesen: Können heraus das Wissen der Geschichtsdaten entwickelt, kann der Lehrer nicht immer bestimmen, und selbst wenn er dies im einzelnen Falle vermag, bei der Rangabmessung in der Klasse kann er Unterschiede nicht machen, da muß das Ergebnis des Wissens ganz allein bestimmend sein, und jener einfältige Nachplapperer kommt auf den ersten Platz, ivenn er vermöge seines mechanischen Gedächtnisses die Zahlen besser am Schnürchen hat, als jener andere, der int Leben aber wiederum besser bestehen wird, als der Gutwisser; denn im Leben gilt immer das Können höher als das Wissen.
Daher legt denn auch mit Recht die moderne Schule immer weniger Wert auf die Rangordmmg in der Klasse, auf die Zensuren nnd die Examina und betrachtet sie als das, was sie im günstigsten Falle sind, als notwendige Nebel.
Haben wir aber nun gesehen, toaS die Mütter alles im Hinblick auf den Schulbegiuu beuten, was verkehrt, unnötig oder gar von Nebel ist, so findet man leider nur höchst selteu Mütter, die das rechte denkeu, die auch nur einmal auf 'ben Gedanken kommen, das Kind auf den Schulbeginn vorzubereiten, es sei denn, daß sie es in der falschen Weise täten, mit dem Kinde schon ein Jahr vorher das Einmaleins zu studieren, damit ihr Musterkindlein in der Schule recht bald die anderen Kinder überflügle. Das ist, wie schon gesagt, vollkommen unnötig, ja oft geradezu schädlich Denn ein Kind, das an häusliches Vorarbeiten gewöhnt tst, wird in dem Augenblicke nicht mehr verwärts kommen, wo dieses Vorarbeiten versagt, und einmal wird es ja und muß es aufhören.
Viel wichtiger erscheint mir im Gegenteil, das Kind daran bei Zetten zu gewöhnen, daß es für sich allein steht, daß es in die Schule ganz allein fortzukommen hat, daß es sich nicht mehr auf die Hilfe anderer verlassen kann nnd daher anfpassen und die Ohren spitzen muß.


