Ausgabe 
17.4.1903
 
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alten Manier mit beiden Händen emporgehoben, in das Haus verschwand, lachte der Oberst still vor sich hin.

-Ich brauche, denk' ich, nicht um Entschuldigung für meine Tochter zu bitten", sagte er mit einem Zwinkern des Auges.Die Frauen verknöchern noch schneller als wir, wie Sie wissen."

Ich fing wirklich an, mich etwas zu fürchten", sagte Clifford.Ich überlegte, was wohl geschehen würde, wenn mir die Tatsache entschlüpft wäre, daß ich diesen Morgen gar nicht in der Kirche gewesen bin."

Sie wußte das, wie. ich mir vorstellte, ebenso gut wie wir", sagte der Oberst,Der Vikar erlegte uns aber diesen Morgen eine Stunde und zehn Minuten auf; darum war sie vernrutlich so bitter."

Ich sehe nicht ein, warum sie ihren Gefühlen gerade gegen mich Luft gemacht haben sollte", murmelte Clisford.

Ter alte Herr blieb aber plötzlich stehen. Er war mit Clisford in der Richtung auf denBlauen Löwen" weiter­gegangen."

Ich hab' es!" rief er mit Neberzeugung aus.Es ist wegen Nell Claris, ihre kleine Protegs. Meine Tochter ist sehr entrüstet über die Art, in der. das Mädchen kürzlich verfolgt worden ist, und ich vermute, sie glaubt, daß Sie etwas damit zu tun gehabt haben."

Dann hat sie tatsächlich unrecht!" rief Clisford hitzig. Niemand ist ausgebrachter darüber als ich Und Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich heute zu dem Zwecke hierhergekommen bin, Nell zum zweitenmale zu bitten, mein Weib zu werden."

Der alte Herr hörte mit lebhaftem Interesse zu.

Kommen Sie mit mir zurück, treten Sie für eine Minute bei mir ein", sagte er mit ebenso großer Erregung, wie sie der junge Mann selbst gezeigt hatte.Theodora wird bereit sein, Sie zu umarmen, wenn sie es hört."

Sagen Sie Miß Theodora", sagte er,daß ich sehr dankbar dafür wäre, an mein Herzensmädchen zu glauben. Ich nenne sie mein, obschon sie mir nicht das Recht dazu geben will. Ich habe aber die Hoffnung nicht aufgegeben, und werde es nicht, selbst wenn sie mich jetzt wieder aus-- fchlägt."

Doch war es mit nur sehr geringer Zuversicht in die augenblicklichen Aussichten auf Erfolg, daß Clisford, nach­dem er sich von dem Obersten verabschiedet hatte, kräftig dem kleinen Gasthofe weiter zuschritt. Er hatte drei- oder viermal an Nell geschrieben, ohne eine einzige Zeile der Erwiderung darauf zu erhalten. Sie hatte seine Briefe zwar nicht zurückgeschickt, sie mußte sie angenommen und sie wahrscheinlich gelesen haben. Hätte in dieser Tatsache für ihn eine Hoffnung gelegen, so würde er den Gedanken daran in seinem Herzen gehegt haben. Wenn er jedoch die Ausdrücke in Betracht zog, in denen er an sie geschrieben, die Wärme, mit der er sie gebeten hatte, ihn kommen und sie besuchen zu heißen, so sand er darin nur sehr geringe Ermutigung.

Er war glücklicher, als er zu hoffen gewagt hatte, denn als er über die kleine Brücke kam, die den Fluß überspannte, sah er Nell selbst sich von der entgegengesetzten Seite dem Hause nähern. Sie hatte in der Hand ihr Gebetbuch und kehrte augenscheinlich von Stroan zurück, wo sie in der Kirche gewesen war.

Sie sah ihn ebenso bald wie er, hielt inne, wurde blaß und wendete sich ein paar Schritte nach links, augenschein­lich in der Hoffnung, hinter einer Gruppe von Hütten, die zwischen ihr und dem Gasthofe standen, entkommen zu können. Doch Clifford war für sie zu schnell. Sie sah an dem Schritte, mit dem er sich näherte, daß der Versuch, ihm auszuweichen, vergeblich sein würde, daher sie ihn wieder ausgab und festen Schrittes weiter mit zu Boden gerichteten Augen ging.

Miß Claris! Nell!" sagte er mit leiser Stimme, als er sie erreichte.

Nur für einen Augenblick erhob sie die Augen zu seinem Gesicht, und er sah, daß eine große Veränderung in dem Mädchen platzgegriffen hatte, seit er sie zum fttztenrnale gesehen. Ein düsterer Ausdruck war in ihrem Gesicht und Wesen, die ihm früher als ihr größter Rerz erschienen war. Und das Herz schlug ihm heftig, als er bedachte, daß dieser Wechsel, toenn auch unbeabsichtigt, von ihm über sie ge­bracht worden wäre.

Sie sind nicht erfreut, mich zu sehen, wie ick bemerke", fing er hastig an, als er umkehrte und mit ihr Schritt

hielt.Natürlich hatte ich kein Recht, zu erwarten, daß Sie es fein würden. Gleichwohl hoffte ich es."

Sie gab keine Antwort.

Sie haben meine Briefe erhalten?"

Ja", antwortete Nell in einem Tone, in dem er er­staunt war, ein Leben zu entdecken.

Sie wissen, daß ich Sie bat, mich kommen zu lassen?"

Ich ich schrieb Ihnen aber nicht, daß Sie's tun möchten."

Ihr Ton war, wie er meinte, nicht zornig.

Nun, ich wartete so lauge, wie ich's vermochte. Doch, Nell, ich fühlte mich gar zu elend, um länger zu warten. Und jetzt, da ich Sie sehe, und sehe, löte verändert Sie aussehen, und bedenke, daß es meine Schuld ist, ist mir zu Mute, daß ich mich hängen könnte."

Er hoffte, sie würde etwas sagen, doch tat sie es nicht. Nach kurzer Stille bemerkte er, daß eine Träne au ihrer Wange hevablief.

O mein Liebling!" brach Clifford, unfähig, sich länger zurückznhalten, ans-,wollen Sie mich denn nicht heiraten und von hier fortnehmen lassen? Sie kennen mich jetzt lange genug, oder nicht?"

Nell aber schüttelte den Kopf.

Ich würde nie irgendwen heiraten, bevor diese Dieb­stahlsgeschichten aufgeklärt sind", antwortete sie fest.

Und können Sie uns nicht behilflich sein, sie ausfindig zu machen?"

Bei diesen Worten veränderte sich ihr Gesicht, sie blickte zu ihm mit dem Ausdruck zornigen Trotzes empor.

Das also ist's, weshalb Sie hierher kamen zu sehen, ob ich Ihnen irgend etwas sagen und Ihre Neugier be- friedigeu könnte, ohne daß Sie sich weiter ^u bemühen brauchen, neue Kundschafter herzusenden!" rief sie, die Worte mit atemloser Schnelle hervorstoßend, während ihr ganzer Körper von Kopf bis zu Fuß zitterte.Nein, Mr. King, ich weiß nichts, und wenn ich auch etwas wüßte, würde ich's Ihnen nicht sagen. Sie haben einmal angefangen, die Sache auf Ihre Art auszuspähen, Sie mögen nun auch auf Ihre Art damit fertig werden."

Nell, Sie glauben doch nicht, daß ich mit diesem nichts­würdigen Handel irgend etwas zu schaffen habe? Nein, nein! Das können Sie nicht. Bin ich doch gerade nur deshalb gekommen. Sie vor einem neuen Sendling zn warnen. Das heißt, ich weiß nichts Gewisses darüber, ich vermute es nur. Doch hielt ich's für Pflicht, es Sie wissen zu lassen."

Statt dankbar für diese Mitteilung zu scheinen, saßte sie Nell sichtbar als neue Beleidigung auf.

Warum müßten Sie mich denn wohl warnen?" fragte sie, und die Blässe ihres Gesichtes wich plötzlich einer Röte des Zorns.Vielleicht um meinen diebischen Gelüsten Ein­halt zu tun, bis der Mann wieder fort ist?"

Nell! Nell! Wie können Sie nur! Sie würden es nicht, wenn Sie wüßten, wie sehr es mich leiden macht."

Leiden? O, es liegt viel daran, was Sie leiden, nicht? Wenn es aber nur die Nichte eines Gastwirts ist, die da leidet wen kümmert das wohl? Und doch hätte man glauben sollen man hätte glauben sollen"

Sie brach völlg zusammen und in heftiges Weinen aus. Clifford war wenigstens ebenso unglücklich wie sie, unfr auch seine Augen waren feucht, als er sie vergeblich zu trösten versuchte. Endlich gelang es ihm doch, indem er ihr das Geständnis abrang, sie hätte niemals wirklich geglaubt, daß er an der Wschickuug des Amateurdetektivs Jack Lowndes beteiligt gewesen wäre. Was die Ankunft eines neuen betraf, die Clisford in Aussicht stellte, so zuckte sie! nur die Achseln darüber, nachdem sie etwas ruhiger ge­worden war.

Lassen Sie ihn nur senden", sagte sie unbekümmert. Ich will nicht einmal meinen Onkel bitten, ihn nickt bei sich aufzuuehmen, selbst wenn ich errate, wer er ist. Es mutz ja doch alles ans Licht kommen,, und je eifrigen? sie ihre Nachforschungen anstellen, desto rascher wird es vorüber sein."

Als sie nun ganz ruhig geworden war und nicht mehr weinte, machte Clisford noch einen Versuch, ihre eigene wirkliche Ansicht der rätselhaften Geschichte kennen zu lernen. Sie war freundlicher gegen ihn geworden und hatte ihn von aller Schuld losgesprochen. Um ihrer selbst willen mußte er von der Gelegenheit Nutzen ziehen.

Und wieder, als er die Frage nun an sie richtete,