Freitag den 17. April.
Nr. 56
1903.
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(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Für Clifford gab es nur einen Gegenstand in der Welt, und oa er von diesem nicht sprechen konnte, so wollte er überhaupt von nichts sprechen. Er saß verdrießlich zehn Minuten lang still da, der Unterhaltung der beiden andern keine Aufmerksamkeit schenkend, und nahm dann plötzlich Abschied von ihnen.
Sobald er gegangen war, zeigte Conybeare große Erregung.
,>Da sieh", sagte er mit Entschlossenheit, „dieser Mensch wird durch seine Verblendung gegen die tolle Dirne zu Grunde gerichtet. Wenn wir es nicht in die Hand nehmen, die Sache auf die Spitze zu treiben, so wird er uns zuvorkommen und hingehen, und sie heiraten, oder sonst welche Torheit begehen. Wir haben es damit versucht, einen Amateurdetektiv hinzusenden, und es schlug fehl; laß es uns jetzt mit einem Mann von Beruf versuchen."
Doch Willie wollte nicht recht daran.
„Ich tue so etwas nicht eben gern", warf er ein. „Nimm an, daß das Mädchen es trotz allem nicht tat. Wir würden uns dann ziemlich klein vorkommen, nicht? Und dann würde Clifford noch rasender als jemals betört sein. Er würde mit der amtlichen Erlaubnis zur Eheschließung in der einen Tasche und mit einem Ring in der anderen hinfahren, und sie würde mit ihm im Nu als Mrs. King zurückkommen."
„Nun und warum in aller Welt sollte er's nicht, wenn alles in Ordnung ist mit dem Mädchen?" sagte Conybeare gelassen. „Ich würde nichts dagegen zu sagen haben."
„Wohl aber ich", beharrte Willie. „Wenn Du mich nicht überredet hättest, sie für eine Diebin zu halten, so würde ich sie gern zu Mrs. Jordan gemacht haben! Und wenn sie sich unschuldig erweist —"
„Das wird sie nicht", antwortete Conybeare gelassen. „Ich bin nicht verliebt in das Mädchen und kann daher mit klaren Augen sehen. Sie ist aber so verwünscht verschlagen, daß es eines geriebenen Burschen bedürfen wird- um sie zu überführen. Ich werde mich morgen an ein Untersuchungsamt wenden."
Obschon beide Freunde bemüht waren, dafür Sorge zu tragen, daß die Ausführung dieses Beschlusses nicht Clifsord zu Ohren käme, so war der junge Gerichtsadvokat doch scharfblickend genug, um zu erraten, daß da sie nun schon erfolglos so weit gegangen wären, sie sich bewogen finden würden, noch weitere Schritte zur Rechtfertigung ihres Scharfsinns zu unternehmen.
Er war so völlig überzeugt von einem neuen Versuch, die Schuld der Diebereien Nell nachweislich aufzubürden, daß er sich am Ende der Woche nach Courtstairs begab und am Morgen des darauffolgenden Sonntags nach dem „Blauen Löwen" wanderte, in der Absicht, Nell warnend anzukündigen, daß sie und ihr Onkel wahrscheinlich noch weiteren Belästigungen derart ausgesetzt sein würden wie die, unter denen sie unlängst gelitten hatten.
Sein Weg führte ihn iiber Shingle End, und als et sich dem Hause des Obersten Bostal näherte, überholte er den alten Herrn mit seiner Tochter auf dem Rückwege von der Kirche.
Der Oberst, der Clifford erkannte, als dieser nur den Hut abzog und vorübergehen wollte, bat ihn, zu warten.
„Nein, nein", sagte er gutgelaunt, „wir bekommen hier unten zu dieser Zeit des Jahres nicht so viele Besucher aus London, als daß wir darein willigen könnten. Sie so vorüberzulassen."
Miß Bostal war jedoch weniger herzlich Sie bot ihm nicht die Hand zum Willkommen dar und musterte mit offenem Mißfallen seinen Sommeranzug und niedrigen Hut.
„Ich fürchte", sagte Clifford, „daß Miß Bostal denkt, ich hätte nicht genug Sachen mit mir von London hergebracht."
Der Oberst lachte und sagte, sie wollten darüber hinwegsehen. Die gezierte kleine Dame sagte aber eisig: „Ich weiß, daß heutzutage die jungen Leute die Dinge leicht nehmen. Es ist so Mode. Man Pflegte es aber sonst fast für anstößig zu halten, einen Gentleman Sonntags nichK in Frack und hohem Hut zu sehen. Ich bin altmodisch und vorurteilsvoll, wie ich vermute, allein —"
Der Vater unterbrach sie jedoch
„Gerechter Himmel, Theodora, wenn Du altmodisch bist, was müßte denn ich sein? Und ich würde doch Mr. King für sehr thöricht halten, wenn er auf einer Landstraße in seinem Bont-Street-Staate Sonntags oder an einem anderen Tage spazieren gehen wollte."
„O, so bin nur ich's, die töricht ist", entgegnete Miß Theodora. „Ich vermute, der Geistliche bemerkte es nicht einmal; er wird an dergleichen Dinge heutzutage zu sehr gewöhnt. In meinen jungen Jahren würde sich ein Vikar aber beleidigt gefühlt haben, wenn irgend ein Mitglied der. oberen Klassen beim Gottesdienste in solch einem Anzug erschienen wäre."
Selbst der Oberst, mutmaßlich an die seltsamen Einfälle seiner Tochter gewöhnt, war über diesen scharfen Ton ihrer Rede erstaunt. Clifsord, der kaum auf eine Antwort vorbereitet war, fühlte sich sehr erleichtert, als sie, sich mit Küchenangelegenheiten entschuldigend, ihn mit ihrem Vater allein ließ.
Als die magere Gestalt in einem seltsamen altmodischen 1 Anzug von vor fünfundzwanzig Jahren, die Röcke in der


