Ausgabe 
16.12.1903
 
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das tiefinnere Feuer ihrer Rede hatte ihn mit sich ge­rissen, hoch emporgehoben über die Stimmung der ver­gangenen Minuten.Der Anblick und die Stimme geliebter Menschen", wiederholte er halblaut.Tas bleibt einem freilich, ja, das Leben ist wunderschön!"

Er sah sie an mit einem Blick, den sie nicht ertrug. Sie fühlte sich wie in einem Strom, als müßte sie sich halten, die Finger öffneten sich, und die Blumen fielen zur Erde. Gleichzeitig bückten sich beide, sie aufzuheben, ihre Hände berührten sich um hastig zurückzufahren und ungeschickt ihr Tun zu beenden. Rauchmanii gab ihr die Blüten, die er aufgehoben hatte, und vor sich nieder- bliekend, ordnete sie mit übergroßem Eifer den zerstörten Strauß.

Vergeblich suchten sie nach Worten zu erneutem Ge­spräch Ein tiefes Schweigen herrschte; nur das Wasser­rauschen klang aus der Tiefe und ein fernes Glockenläuten tönte halb verweht hinein.

Plötzlich aber hörten sie einen anderen störenden Laut, den sächsischen Singsang der Zitronendame. Sie sprach nicht, sie rief mit schriller Stimme zu Edith hinauf, indem sie gleichzeitig den Platz verließ und an der letzten steilen Erdstufe des Abhanges emporkletterte.Ach nee, nee, Fräulein Bessel nee, nee, das müssen Sie nämlich Heeren! Unser Wotan, ach!, Herr Jeses, da sitzt er ja!"

Sie war jetzt oben und mußte einen Augenblick schweigen, um Atem zu schöpfen. Der Sänger stand auf und zog den Hut, aber sein Blick sagte ihr wenig Freund­liches über die Störung. Und jetzt begann sie schon wieder, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte:Ach nee, da kann man ja gleich gratulieren, Herr Rauchmann! Das is ja ''ne ganz besondere Ueberraschung, Ihre Verlobung! Ich habe nämlich gar keene Ahnung davon gehabt!"

Meine Verlobung" er sagte es zaudernd, mürrisch, ohne die dargebotene Hand zu beachten.

Ja, is es etwa nich wahr? Die Zeitungen lügen nämlich so furchtbar viel! Aber hier in meinem Leipziger Tageblatte, da steht es ja ganz seitlich!"

Was steht da?" Es war Edith, die gefragt hatte, mit einer veränderten, kalten und harten Stimme. Sie war aufgestanden und nahe zu der anderen herangetreten; ihre Augen aber hafteten aus Rauchmann.

Nu, ich will's vorlesen; Heeren Sie nur zu. Hier nee, da steht es:Ein wenig gelesenes Münchener Blatt brachte vor einigen Togen die Nachricht von der Verlobung des bcriehmten Wagnersängers Karl Rauchmann mit seiner nicht minder beriehmten Kollegin Milka Miklerta. Wegen der eigentiemlichen Form der Veröffentlichung standen wir der Nachricht skeptisch gegenüber, da sie jedoch die Runde durch die Presse macht, so geben auch wir sie mit Bor- ^ehs-t nieder." Ja, nu missen Sie's uns aber sagen, Herr Rauchmann, ob man gratulieren darf oder nich?"

Ist es wahr, darf man gratulieren?" Edith fragte es gleichzeitig mit Fräulein Häseler. Rauchmann aöer schien nur sie zu, hören und gab ihre seine Antwort.

Es ist wahr und auch nicht wahr. Die Zeitrmgen find so indiskret wenn man der Oeffentlichkeit angehört es ist mir höchst unangenehm, daß diese Notiz hierher­gedrungen ist!"

Dann wollen wir die Sache ruhen lassen!" Ediths Worte klangen stolz,und hart wider ihren Willen. Sie war zornig, im Tiefsten erbittert, fühlte schmerzlich die grelle Störung eines unvergeßlich schönen Augenblicks. Aber die Gefühle wurden ihr nicht gleich klar, und sie schalt sich zuerst wegen des schroffen Stimmungswechsels, während wie von loeiteni die singenden Worte des sächsischen Fräu­leins zu ihr tönten, die ihre Neugierde nicht gleich zum Schweigen bringen konnte. Dann aber, als tzie Drei auf Ediths Vorschlag den Heimweg antraten und stumm neben einander gingen, da suchte sie ihr Gefühl zu erklären und zu begründen, da sie es nicht zu ersticken vermochte. Die Außenwelt mit all ihrer Schönheit sprach während dieser schmerzvollen Wanderung nicht mehr zu ihr. Sie ging, die Blicke auf den grau-gelben Pfad, auf seine weißen, bläulichen und rötlichen Steine gerichtet imb grübelte in srch hinein.

(Fortsetzung folgt.)

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und

Weiljttachts-Litteraiur.

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Scherzrätsel.

Nachdruck verboten.

Einst soll es das gegeben haben, Jetzt ist es mir ein Spiel für Knaben. Doch ist's Verbalinjurie, Macht's deine Fran gut Furie

Auflösung in itächster Nummer.

Auflösung des Füllrätsels in vor. Nr.: Nonne, Urwald, Weg, Ente. Norwegen.

Verlag der Brühl'scheu llmvcrsitäls-Bnch- und Cteindrnckerei. R. Lange, Gießen