Ausgabe 
16.11.1903
 
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Kunst.

Dates erfreute sich an ihrem kindlichen Entzücken, und technischer und künstlerischer Bezieh Sir Harry wurde nicht müde, das liebliche Gesicht ihm großen Gediegenheit der Kenntnisse,

hin, als ihr Geliebter mit ihr im Walzer dahinschw»bte. Ein schönes Paar, welches aller Augen bewundernd auf sich lenkte.

Brightsield lag sechzehn Meilen von Dates-Hall, aber es war eine klare, mondhelle ruhige Nacht, und die Fahrt daher schön. Sie erschien Jane gar nicht lang in der Er­wartung all der Herrlichkeit eines ersten Balles. Lady

stellt, so sind die Deutschen doch, gerade durch ihre ernste Hin­gabe an die Kunstleistung auf der Bühne selbst im letzten Menschenalter dazu -gekommen, eine selbständige und neue Form des Theaterbaues anzubahnen, die noch eine große Zukunft vor sich, hat. Das ist die Form des Wagnertheaters, wie sie durchs Richard Wägner und Gottfried Semper gemein­sam entworfen und bisher im Bayreuther Festspielhause sowie in dem neuen Prinz-Regenten-Theater in München verwirklicht worden ist, Hier tritt die schöne und wjrkungs!- volle amphitheatralische Anordnung der Zuschauerreihen in ihr Recht und zwar aus dem idealen Gesichtspunkte, die Zuschauer als geschlossene Masse dem idealen Reiche der

haben wir keine Form der Theater-Architektur gefunden) die uns ebenso deutlich und machtvoll zu erkennen gißt; dies ist ein Theater, wie uns andere erkennen lassen: dies ist ein Fürstenschloß, oder: dies ist eine wehrhafte Burg. Ja, es fehlt selbst nicht an argen Berirrungen. Wenn man Theater in den Stilen einer Epoche baut, die, wie die Zeit der romanischen Architektur oder die Periode Alt- Nürnbergs, noch gar kein Theater in unserem Sinne ge­kannt hat, so muß man in solcher Stilfexerei einen voll­kommenen Mißgriff erkennen. Auch macht Mi gerade in neuester Zeit wieder vielfach das Bestreben geltend, in der Architektur der Theater mehr den Glanz eines eleganten Gesellschaftshauses, als, ibte Weihe eines Kunsttempels zum Ausdruck zu bringen. So bleiben dem Theaterbau noch große Aufgaben zu Men; allein die gewaltigen Fortschritte, die er in manchen Beziehungen im letzten Menschenalter gemacht hat, berechtigen zu der Hoffnung, daß er auch seine ferneren Ziele erreichen wird.

verschaffen wollte. In Mi:. Browns Augen wär Brigthi- field das vollkommenste, was es gab; er war nicht sehr begeistert von der etwas erloschenen Pracht des naheliegenden Schlosses Bavasour, von der stattlichen, aber etwas büsteren Erhabenheit von Dates- Hall, er zog seine eigene glanzvolle Umgebung von Vergold­ungen und Spiegelglas vor. Sein Haus war von der neuesten Architektur, mit den neuesten Bequemlichkeiten ver­sehen, mit verschwenderischer Pracht ausgestattet. Ta konnte man alte, eichene Treppen, alte Bilder, Familien- erbstücke von altem Silber, wenn auch noch so schwer und kostbar, eigentlich nicht vermissen. Es war massenhaft Silbergerät in den elegantesten, neuesten Entwürfen vor­handen und die Diamanten der jungen Mrs. Brown er­glänzten im reinsten Wasser.

Der Eröffnungsball in Brightfield war großartig, keine Kosten waren gescheut, das Fest zu einem glänzenden zu machen; ein berühmtes MusikLorps war angenommen und spielte seine auserlesenen Weisen. Mr. Brown war sehr

I Liebesblick aus seinen schönen, grauen Augen. All ihr Eigennutz, ihre Ehrbegierde waren fort, hinweggenommen durch ihre große Liebe. Wie schön und stattlich war ihr Geliebter! Wie klein und unbedeutend waren alle andern im Vergleich mit ihm! Und er o Glück, er liebte sie! Wie könnte sie jetzt noch leben ohne ihn! Ja, wie hatte sie bisher nur leben können? Ohne ihn! Welch ein Glend in diesen zwei kleinen Worten!

Sir Harry, der sie eben zu einem Walzer holen wollte, sah den Farbenwechsel in ihrem Antlitz, sah aber auch, wie ihre Augen Heller strahlten, sobald sie den seinen? begegneten, und heiter und glücklich schwebten sie dahin, gleich tun getragen von den sanften Tönen der schönen Fortsetzung folgt.

gegenüber, welches in der mit weißem Pelz verbrämten Kapuze unbeschreiblich reizend aussah!, zu betrachten. Die ganze reiche Toilette von gelbem Atlas mit zarten Spitzen,

Bald war Jane umringt von jungen Herren, welche alle sich bemühten, von dem schönen Mädchen einen Tanz zu erhalten. Sir Harry, welcher sich mehrere Tänze gesichert hatte, amüsierte sicu, sie zu beobachten, zu denken, daß dieses junge Mädchen, so unvergleichlich schön in dem hellen, fast farblosen Kleide, ohne jeglichen Schmuck, nur mit der mattgelben Rose tot dunklen Haar, sein eigen sei, seine süße Geliebte, bald seine Braut.

Sie selbst war ausgelassen glückliche hatte alle Ge- ___

banken an ihre Lüge, an den armen, betrogenen Willy Bühne gegenüberzustellen. Es ist interessant, daß Semper Erjagt. Ste dachte nur an Harrys Liebe ihr gegen- auf Grund der Aufzeichnungen seines Vaters mitteilt, daß wartrges Gluck, an dte Bewunderung, dte ihr von allen I auch die berühmte Tieferlegung des Orchesters nicht, wie Setten zutetl wurde. Ste hatte stch die Angelegenheit in man im allgemeinen annimmt, aus rein musikalischen ber Einsamkeit ihres Ztmmers reiflich überdacht und war Gründen, sondern in erster Linie aus optischen Gründen zu dem Entschluß gekommen, Sir Harry niemals etwas von erfolgt ist, um tot Theaterraume die beiden hier einander ihrem Betrug zu sagen. Nie sollte er erfahren, daß sie ! begegnenden Welten sichtbar gegeneinander zu kontrastieren, beretts einem anderen sich verlobt hatte. Willy ivav So stellt stch das Wagnertheater als echte Frucht jenes gut und großmütig, er würde sie fteigeben, wenn sie ihn deutschen Geistes dar, der im Theater einen Kunsttempel darum bäte, wenn auch betrübten Herzens, aber er würde und nicht einen gesellschaftlichen Schauplatz sieht. Gelöst .sicher ihrem G uck nicht hinderlich sein, würde auch auf ist das Problem des Dheaterbaues heute noch nicht. Noch ihren Wunsch über die ganze Sache schweigen. Und Ro-' -------- ~ - - - '

6ert? nun, wenn dieser auch zuerst ein wenig böse wäre, er würde wieder gut werden, er hatte ja no.ch immer ihre Wünsche und Bitten schließlich doch erfüllt. Nur Willys nächste Verwandte wußten von der Verlobung, und sie würden gewiß zuftieden sein über ore Auflösung derselben; war sie doch nie so recht nach ihrem Wunsche gewesen. So hatte sie ihren Plan ent­worfen und war mit ihrer Handlungsweise ganz zuftieden, genoß ihr Glück in vollen Zügen und freute sich in Ge­danken schon über die Stellung, welche sie als Sir Harrys Gattin einnehmen würde. Welch eine Zukunft lag vor ihr!

Dock)! nicht Harrys Rang und Reichtum war es, was sie zum Mortbruch gegen Willy veranlaßte, diese hatten sie zgierst wohl gefesselt, geblendet, aber jetzt liebte sie ihn Mit der ganzen Kraft und Innigkeit ihres Herzens. Wenn arm fteundlos und verlassen wäre, sie würde gern und willig ihm bis ans Ende der Welt folgen für einen

In dieser Jahreszeit, da sich allwöchentlich mehrmals unsere Theaterfreunde im Theater versammeln, um die ge- sälligen Gaben der Musen zu genießen, dürfte es am Platze feto, aufmerksam zu machen auf ein compendiös vorzügliches Werk üß-'e.r chen Theaterbau, das der Hamburger Baurat M. Semper, d er Sohn Gottfried Sempers, veröffentlicht hat und das das ganze Gebiet des Theaterbaues in geschichtlicher, technischer und künstlerischer Beziehung mit einer ebenso c 1" , wie Klarheit der Dar­stellung und Besonnenheit des Urteils behandelt. Es be­titelt sichT h e a t e r" und ist desHandbuchs der Archi- w*»« hh* au».»« tektor" 4. Teil, 6. Halbband, Heft 5 (Stuttgart, Arnold

der weiche, warme Pelz waren Geschenke von Lady Dates I Bergsträßer). Wertvoll ist angesichts des Gießener Theater-

an ihre Patin. , I bauprojektes eine Reihe von Betrachtungen, die Semper

Als unsere Keine Gesellschaft ankam, war das Fest I in aller Herren Länder angestellt hat. Das nennt er das bereits in vollem Gange, und Janks erstauntem Blick Charakteristische des deutschen Theaters, daß bei uns der

erjchten alles wie ein wundervolles Märchen; das viele! Theaterbesucher sich mit der größten Andacht der Vorstellung

Licht, die glänzenden Toiletten, die Blumen, die sanften selbst widmet. Daher muß der deutsche Theaterbaumeister Tone der Musik, der leimte Wohlgeruch, all dies vereinigt, I mit größerer Sorgsamkeit sein Augenmerk darauf richten,

wirkte fast berauschend auf sie, ihre dunllen Augen blitzten daß man von jedem Platze des Theaters aus einen guten

wie Sterne, ihre Wangen schimmerten in lieblichem Rot, I Blick aus die Bühne hat. Und wenn das Theater wie es

und mit Entzücken gab sie sich dem Vergnügen des Tanzes heute ist, in seinem Kern einen italienischen Gedanken dar-