Ausgabe 
16.10.1903
 
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Wäre es möglich, wenn die Geburtsziffer auf 100 000 Ein­wohner 18971901 sehr viel höher als in den vorhergehen­den Jahrfünften gewesen wäre, daß durch das unver­hältnismäßig starke Hinsterben der jungen Kinder in diesem Jahrfünft die ausgewiesene allgemeine Sterblichkeit so bedeutend gesteigert worden wäre. Gerade das Umgekehrte ist aber der Fall gewesen: die Zahl der Lebend­geborenen auf je 100 000 Einwohner ist gesunken. Durch die Minderung der Geburtenzahl kann die Steiger- img der Todesfälle dieser Krankheitsgruppe nicht ver­anlaßt sein. Es liegt hier also ein wirklicher tatsäch­licher Rückschri t t vor. Er ist, wie der amtliche Bericht meint, als eine Folge der stark vermehrten Teilnahme der Frauen am Erwerbsleben anzusehen: je mehr Frauen in das gewerbliche Leben übergehen, um so häufiger wird Säuglingen die Muttermilch, die ihnen be- kömmlichste Nahrung, entzogen. Um so größeres Gewicht gewinnen aber auch alle Maßnahmen, welche für die Unverfälschtheit, Reinheit und Bakterienfreiheit der Tier- milch Sorge tragen.

Vermischtes«

* lieber deutsche Sauberkeit und deutsche Gemütlichkeit hielt am 26. September bei der Eröff­nungsfeier der Schule für Pädagogik an der Newyork Uui- versith Prof. Dr. John P. Gordy als Dekan eine Rede, in der er u. a. ausführte: Den Deutschen ist nicht die Gabe, die man mitGeschmack" bezeichnet, im vollsten Maße verliehen worden, aber sie haben eine geivisse Sauber­keit und Ordnungsliebe an sich, die ich als wundervoll und bewundernswert bezeichnen muß. Man kann das sowohl in den großen, wie in den kleinen Städten bemerken, (Der Herr Professor sollte einmal zu uns nach Gießen kommen und sich die Marktstraße bei Regenwetter mit ihrem idealen Pflaster nach der Kanalisation ansehen. Er dürfte dann wohl einige Einschränkungen machen! D. Red.) und alles wird in einer solchen Vollendung ge­tan, daß selbst einer städtischen Landschaft ein Reiz ver­liehen wird, der ihr eine natürliche Schönheit der hüb­schesten Art verleiht. Was den Geschmack betrifft, so wird man in Berlin vielleicht nicht fo viele Männer und Frauen beobachten können, die sich hinsichtlich einer tadellosen Kleid­ung mit Newyorkern oder Parisern messen können, aber man sieht in der deutschen Reichshauptstadt Besseres. Die­selbe Sauberkeit und Ordnung, die man an der Szenerie beobachten kann, findet sich nämlich auch bei den Menschen, und man bemerkt in Berlin kaum eine zerlumpte Person oder zerlumpte schmutzige Kleider, wie man das so oft in Newyork wahrnehmen kann. Die Deutschen haben ein Mort (gemütlich"), das das Gefühl höchster Behaglichkeit ausdrückt, ein Gefühl, das einen beschleicht, wenn man instinktiv merkt, daß alles um einen herum so ist, wie es sein sollte. Wir übersetzen es mitgutmütig", aber das ist das Wort nicht; wir haben es nicht, weil wir die Sache nicht haben. Wie weitreichend dieses Gefühl ist, wird wohl mancher Amerikaner schwer verstehen können. Bei uns ist genug Gutmütigkeit von einer bestimmten Sorte vorhanden, aber sie ist mit einer gewissen Rauheit vermischt, die zum großen Teil die Wirkung neutralisiert. Oft, wenn wir das Rechte tun, geschieht es in unrechter Weise, so daß es von der Zufriedenheit des Lebens einen Teil fort- nimmt, anstatt sie zu erhöhen und zu vergrößern. So bot mir kürzlich ein vierzehnjähriger Knabe in einem Straßen­bahnwagen seinen Sitz an, was ich als sehr nett und schön betrachtete, aber gleich darauf kam die Bemerkung:Sit down, old mau!" Nun will ich nicht behaupten, daß mir ein deutscher Knabe den Sitz angeboten hätte, wenn es jedoch geschehen wäre, hätte er es jedenfalls in anderer, höflicherer Form getan."

* Schulhumor dieses anziehende Kapitel ist un­erschöpflich. Eine Anzahl ergötzlicher Antworten, die aus englischen Schulprüfungen mitgeteilt werden, beweist dies aufs neue. In vielen Fällen verstehen die Schüler augen­scheinlich nicht, was die Fragen bedeuten. Auf die Frage: Was kommt dem Menschen in der Stufenleiter des Seins am nächsten?" kam die überraschende Antwort:Sein Hemd." Der erste Mensch, der um die Welt giug, war nach Meinung eines kleinen MädchensDer Mann im

Monde."Es ilt nicht gut, daß der Meusch! allein sei", sagte Daniel in der Löwengrube, und die Israeliten mach­ten ein goldenes Kalb,weil sie nicht genug Silberhattech um eine Kuh zu machen."Was wäre geschehen, wenn! Heinrich IV. von Frankreich nicht ermordet worden wäre?" Er wäre eines natürlichen Todes gestorben."Wo wurde! Bischof Latimer zu Tode verbräunt?"Im Feuer", er­widerte eilt kleiner, sehr ernst und klug aussehender Jünge. Eine gleich unerwartete Antwort kam auf die Frage:Was taten die Israeliten, als sie aus dem Roten Meere kamen?" Sie trockneten sich." Als in einem Mädchenpensionatei Preise für gute Antworten ausgesetzt wurden, ergab die. Prüfung einige merkwürdige Kenntnisse. Auf die Frage! Führt einige Beschäftigungen an, die der Gesundheit schäd­lich sind!" lautete' die Antwort:Steinmetzarbeit ist schäd­lich, weil er bei der Arbeit alle kleinen Splitter einatmet, die dann in die Lunge genommen werden." Eine andere behauptete:Wenn Nahrung verschluckt wird, geht sie durch die Luftröhre". Wieder eine andere erklärte:Die Arbeit des Herzens besteht darin, die verschiedenen Organe in einer halben Minute auszubessern." Ein kleiner PhysioloH aber sagte:Wir haben eine Oberhaut und eine Unter­haut ; die Unterhaut bewegt sich nach ihrem Belieben, und! die Oberhaut bewegt sich, wenn wir es tun."

* Für Ctgarettenraucher ! Einer der vielen Artikel, welche bis vor wenigen Decennien ausschließlich vom Auslande importiert wurden, ist die Cigarette. Ob­gleich dem deutschen Cigarettenfabrikanteu genau dieselben Bezugsquellen für die benötigten Rohmaterialien dienen wie dem Ausländer, so hat sich die bedauerliche Erscheinung des Vorurteils in den Maßgebenden Kreisen leider auch hier nur allzusehr geltend gemacht. Tatsächlich kann und muß!der deutsche Cigarettenfabrikant ein qualitativ überlegenes Fa­brikat gegenüber dem vom Auslande eingeführten bieten können, schon aus dem Grunde, weil er ttt der Lage ist, infolge Wegfalles der hohen tÄnfuhrspesen, denen jedes importierte Fabrikat unterworfen ist, bei gleichen Quali­täten bedeutend niedrigere Verkaufspreise zu normieren. So bringt dieOrientalische Dabar- und Cigarettenswbrik Mnidze in Dresden", die sich zu einer der ersten Unter­nehmungen dieser Branche in Deutschland herausgebildet hat (über siebenhundert Arbeiter), unter der gesetzlich ge­schützten BezeichnungSalem Aleikum" eine Cigar'etten- marke in den'Handel, die hinsichtlich der Preiswürdigkeit das Vollendetste in Cigaretten, welche orientalische Ta­bake enthalten, bezeichnet werden kann) sie bietet in ihrert Qualitätsabstufungen jedem, auch dem die höchsten Anforder­ungen stellenden Raucher zweifelsohne wirkliche Befriedig­ung. Möge sich der deutsche Raucher immer mehr von den ihm keinerlei Vorteil, bietenden ausländischen Cigaretten emanzipieren und so der deutschen Cigarette auch in ihrer Heimat zu einer wohlberechtigten Anerkennung in immer ausgedehnterem Maße verhelfen.

Bilderrätsel.

(Nachdruck verboten.)

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(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Tauschrätsels in Nr. 150: Preis, Mode, Alm, Wette, Kern, Bart, Sand, Korb, Rest, Wand, Seide.

Polterabend.

Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.: Unterrichtsministerium.

R. Lange. Gießen.

Redaktion: August Götz. Notationsdruck und L erlag der Brükl'schen Universitäts-Tuck- und Cteindrnckerei.