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versenkte. Er nahm, sich vor, die alte, geizige Jüdin in Quimper, die das schöne Haar der bretagnischen Mädchen für Pariser Geschäfte auszukaufen pflegte, wenigstens einmal im Leben zu einem anständigen Preis zu zwingen. „Wenn unser hübschestes Mädchen in Plouvenec, das arme Närrchen, ihr Haar verkaufen will, so wäre es doch eine Sünde, wenn sie nur einen Bettel dafür erhielte." Er lächelte gutmütig, denn sein Herz schlug warm für die jungen, bretagnischen Schönen, und als er jetzt die Zügel ergriff und stolz und stattlich dahinfuhr, warf er dem Mädchen, das noch unter der Eiche auf dem Dorfplatz stand und ihn mit großen Augen bittend anschaute, einen letzten verständnisvollen Blick zu.
Fast unwillkürlich griff Guenn mit der Hand nach dem Kopfe, als -bie Post davonfuhr; unheimlich leer war's unter ihrem Häubchen, unheimliw leer auch in ihrem Herzen. Sie schob es auf den kalten Morgen, auf ihr frühes Anf- stelhen und den kurzen, unruhigen Nachtschlaf. Es schüttelte sie, und um sich zu Wärmen, trat sie in die Küche der Voyageurs. Hier erhielt sie etwas heiße Suppe, und Ma- dames freundliches, gleichmütiges Wesen wirkte so beruhigend aus Guenn, daß sie sich wieder ganz glücklich zu fühlen begann, trotz des Geheimnisses, das ihr Kopfputz verbarg.
„Ich werde mir ein blaues Kleid kaufen", malte sie sich ans, „aber es muß sehr dunkel und mischfarbig sein, er liebt das und kann solche Farben gebrauchen. Auch wird es ihn beim Gnadenfest sicher freuen, wenn die Spitze an meiner Haube breit und von schönem Muster ist."
Im Geiste sah sie sich bereits mit Alain nach dem Klang der schrillen Sackpfeifen die Gavotte tanzen; und als sie später nach dem Atelier ging, war sie wieder in ihrer lustigsten, fröhlichsten Laune und hatte das unangenehme Schnipp-Schnapp der Schere längst vergessen. —
Als am Abend die Post hereinfuhr, war Guenn in solcher Aufregung, daß sie kaum ihre Ungeduld bemeisterm konnte, bis es ihr g elang, von Jeanne loszukommen, um auf Andss Zeichen zu warten. Endlich kam er.
„Wie viel ist's?" flüsterte sie atemlos, als er das Geld in ihre zitternde Ho.no gleiten ließ.
„Dreißig Franken." Guenn hupfte vor Freuden.
„Die Frau sagte, sie habe noch niemals solch schönes Haar gesehen."
Guenn schwieg einen Augenblick. Ein glücklicher Seufzer entschlüpfte ihrem übervollen Herzen, und ihre Augen füllten sich mit wehmütigen Tränen. Es schien ihr nur gerecht, daß man ihr Haar gelobt hatte — so war es noch würdiger sür ihn geopfert zu sein! Schnell faßte sie sich wieder und sagte in keckem Ton: „Das glaube ich gern, daß sie noch lein solches Haar gesehen hat. Das liebe, gute Haar, nun hat es mir so viel Geld gebracht", sie strich sich wohlge- Mlig über den Kopf, bann hielt sie Andrö die Hand entgegen: „Und Euch tausend, tausend Dank, für alle Eure Mühe« guter Andro!"
„Ich werde ein Auge auf Dich haben, beim Gnadenfest", brummte Andre; „ich muß herausbekommen, was für ein Bursch; es ist. Nun, mach' Dich aber auch schön, Du eitler kleiner Pfau!"
„Schön? Na, das will ich meinen, Andre! Es wird nicht alle Tage getanzt. Man ist auch nicht immer hübsch und jung, und" — hier dämpfte sie die Stimme und schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um — „man ist auch nicht immer reich!" —
Triumphierend barg sie den kostbaren Schatz in der Kleibertasche und sprang davon, nm Jeanne wieder aufzusuchen. Zwei wichtige Geheimnisse mußte sie jetzt vor dieser treuen, kleinen Seele verbergen — den Verlust ihres Haares und ihren Gewinn an irdischem Besitz. Das machte Ü>r aber keine sonderlichen Gewifsenbisse — es ging ja alles eigentlich nur Monsieur an; und wenn das Zauberwort „Monsieur" ins Spie! kommt, tritt ja In den meisten Mädchenfreundschaften eine gewisse Entfremdung und Erkältung ein. Am Wend auf dem Dorfplatz klang Guemls unwiderstehliches Lachen bald hier, bald dort, noch niemals war sie so ausgelassen und mutwillig gewesen, unter unaufhörlichen Späßen und Neckereien sprang sie von einer Gruppe zur anderen. Mit jubelndem Herzen kostete sie toon «jetzt den Borschmack all der Freuden, die ihr das Meviner Gnadeusest bringen sollte.
15. Kapitel.
Ein Gnadenfest war nach Guenns Begriffen schon an trnd für sich eine Quelle der unbegrenzten, reinsten Freu
den, ein Gnadenfest aber, das durch Monsieurs Gegenwart verherrlicht ivar, und bei dem sie in einem neuen, blauen Kleide vor seinen Augen tanzen sollte, schien ihr ein so unendliches Glück, daß ein armes Menschenkind es kaum auf einmal zu ertragen vermochte. Die cynischen Ansichten, die wir über ein solches Fest in einem alten, französischen Schriftsteller finden, weichen freilich um ein Wesentliches von Guenns rosenfarbener Auffassung ab.
„Dort ist eine Kapelle, eine Quelle oder sonst ein Platz, der dem Andenken irgend einer Wundertat oder eines Heiligen geweiht war", — so ungefähr lauten seine Worte, „die Menge beichtet, stöhnt allerhand abergläubischen Gebräuchen, ' sie kaufen Kreuze, Roseukränze und Heiligenbilder, mit denen sie daun das Bildnis des heiligen Wundertäters berühren; sie reiben die Stirn, die fsTniee oder gelähmte Gliedmaßen gegen den heiligen Stein und werfen Geld und Nadeln in den Wunderquell; sie tanzen, sie trinken bis zur Bewußtlosigkeit und kehren dann, zwar mit leeren Taschen, aber reich an Hoffnung, nach Hause zurück. Dieser Werglaube ist noch ein Ueberbleibsel aus den: uralten Wassergötzendienst, diesem ältesten Ritus der Gallier, die an ihren heiligen Quellen sogar das den Feinden abgenommene Gold bargen."
Gueml Rodellee fragte freilich ivenig nach dem Glauben der alten Gallier, als sie an den: ersehnten Morgen mit Jeanne und Nannte den Heuwagen erklomm, der sie und eine ganze Schar fröhlicher, lachender Mädchen nach Nevin bringen sollte. Unterwegs begegneten sie den drei Malern, die in übermütiger Feiertagslanne, grüßend die Hüte schwenkten. Die jungen Künstler gingen einen tüchtigen Schritt, nur ab und zu blieben sie stehen, um Drniden- steine zu betrachten, deren mehrere am Wege standen. Ein Dolmen war da, verschiedene Ueberbleibsel eines Cromledge und ein Zitterstein, der sich nach dem Volksglauben nur bewegt, wenn eine reine Hand ihn anrührt. Liebespaare kamen hierher, um ihre gegenseitige Treue zu erproben. Auch an einem Menhir Von 32 Fuß Höhe führte der Weg vorbei, vielleicht ein Sonnenstein, den die alten Armorikauer heilig hielten. Zu ihm schlichen junge Eheleute im Dämmerlicht, schmiegten sich an den rauhen Riesenstein nnd vertrauten ihm ihre liebsten Wünsche sür Haus und Herz.
Guenn wäre lieber auch zu Fuß gegangen, da es aber ein Marsch von zehn Meilen war, hatte sie, in Anbetracht des bevorstehenden Tanzes, Jeaunes Vorschlag, ihre Kräfte zu schonen, mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit Gehör gegeben. „Was er wohl sagen wird, wenn er mich sieht?" tönte es fort und fort in ihrem freudig erregten .Herzen. Bei der Ankunft in Nevin hatte sie sür nichts Sinn, bis sie ihn kommen sah; bann folgte sie ihm so dicht, als es ihr ein gewisses neues Gefühl der Befangenheit gestattete.
Auf einer Art von Pobium, an ber einzigen geschlossenen Wand bes Tanzsaales, der, nur von einem roh gezimmerten Dache gedeckt, an drei Seiten dem Wetter und den Zuschauern Einlaß bot, saß der Man» mit dem bigniou, ber bretagnischen Sackpfeife, schon in voller Bereitschaft. Ter Tanz hatte noch nicht begonnen, boch erging sich ber Musikant bereits in einem wunberbaren Präludium, das seine Wichtigkeit in den Augen — oder vielmehr Ohren — seiner Landsleute noch erhöhte. Mit lustiger Miene, aufgeblasenen, glühenden Backen und gekreuzten Beinen saß er hoch erhaben über dein Menschentroß und blies so tapfer wie weiland der große Gott Pan.
„O, den muß ich haben!" rief Hamor ganz begeistert aus, versenkte sich in Jein Skizzenbuch und vergaß die gaffende Menge um sich her.
ö Du Hamor", es ivar Staunton, ber zu ihm herantrat " höre mal, mir kommt vor, als ob Guenn auf Dich wartete, sie drückt sich so unbehaglich herum.".
Was will sie denn?" fragte Hamor gletchgilti^, ohne auch nur aufzüvlickeu, „sie hat heute ihren freien -tag.
Nun, ich weiß nicht", versetzte Staunton mit feiner milden, freundlichen Stimme, „vielleicht möchte sie Dir ihren neuen Staat zeigen, das wäre doch nicht nnitaturliS, ^Durchaus nicht; auch bin ich ber Ansicht, baß man einem hübschen Mäbchen solch kleinen Triumphs ber Cttei» feit gönnen muß. Sowie ich bett Ausdruck ^sBu^-sche" da auf bem Papier festgehalten habe, stehe ich ihr zu
„Das kleine Ding sieht nicht ganz glückliche aus", meinte Staunton und ging weiter.


