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liche Linien legte« sich Um. den jungen Mund, als er so böse Worte sprach. „Sage noch ein einziges Wort über Thymert oder über meinen Bruder Nannic", die Worch kamen nur mühsam, mit sichtlicher Anstrengung über ihre Lippen, „noch ein Wort nnd —"
„Bo—v—o!" rief hier eine schrille Stimme. „Da bin ich!" und das bleiche Gesicht des buckligen Nannie, dessen große Augen denen seiner Schwester glichen, schaute mit unheimlichem, schlauem Lächeln aus den Büschen an der Urner hervor.
Tie Frauen bekreuzten sich hastig. Neben manchen: anderen alten Aberglauben aus der Truidenzeit, hatte sich bei den Frauen in Plouvenee die feste Ueberzeugung erhalten, daß Zwerge und Kobolde in der Nähe von Eichen und fließendem Wasser jederzeit erscheinen können.
Ter Knabe setzte sich, das bleiche Gesicht auf die Hände gestützt, regungslos, mit stierem Blick, den Frauen gegen«: über.
„Wer hat Nannic gerufen? Ich war viele Meilen entfernt und hier bin ich." Er gab diese Erklärung in einem feierlichen, fast singenden Tone, der seinen Eindruck nicht verfehlte. — Madame Nives fuhr mit schuldbewußter Miene fort, eifrigst zu waschen. Es war ihr unter diesen durchdringenden Augen entschieden unbehaglich zu Mute. Tie anderen Frauen starrten wie gebannt auf die plötzliche Erscheinung. „Madame Nives", rief der Krüppel, „ihr wäret es, die Nannie gerufen hat. Ich kam. Ich werde auch wieder zu Euch kommen, um Mitternacht, wenn alle Toten äuserstehen."
Endlich kehrte wieder Farbe in Guenns bleiches Antlitz zurück, ihre krampfhaft erhobenen Arme sanken herab. Mit herzigem Lächeln wandte er sich zu Nanic, ihr Gesichts- ausdruck ward weich und ihre großen blauen Augen glänzten hell.
„Gleich komme ich, lieber Junge!" sagte sie zärtlich, -„warte auf mich!"
„Ich warte auf Jeanne", versetzte der Kleine eigensinnig.
„Meine chose", lachte Guenn; dann packte sie ihre Häb- seligkeiten zusammen und schritt, von Jeanne und Ninnic begleitet, leichtfüßig die Bucht entlang,
„Ah mon den, que la Vie est amere", hörte man noch aus weiter Ferne die frischen, jugendlichen Stimmen singen.
4. Kapitel.
Tev Pfarrer der Lannions stand vor der halboffenen Tür von Rodellees Hütte und klopfte. Ta er keine Antwort erhielt, und außer dem leisen Rasseln herabfallender Blätter kein Laut vernehmbar war, bückte er sich, um in die Niedere Behausung einzutreten. Es war noch alles so, wie es Guenn vor Stunden verlassen hatte. Der kleine Suppentopf stand unberührt auf dem erkalteten Herd und der Haus- herr schlief noch immer in seinem turmhohen Bette.
Ter Priester setzte sich auf die Bank am Tisch, warf einen prüfenden Blick in dem unfreundlichen Raume umher und seufzte tief. Thhmert sah ganz aus wie ein Manu aus dem Volke, seine gebräunten, starkknochigen, wetter- durchfurchten Züge gaben Zeugnis von einer mehr tatkräftigen, als beschaulichen Natur. Mit der Würde seines priesterlichen Amtes vereinte er die Sorglosigkeit des Seemanns, auf Uer einen Seite besaß er ein starkes Bewußtsein seiner persönlichen Kraft und unbegrenzten Autorität über die Glieder seiner Jnselgemeind'e, auf der anderen kennzeichnete ihn noch dieselbe schüchterne Einfachheit, wie dereinst den achtjährigen Knaben, den der gute Pfarrer von Beuzec sich zum Gehilfen herangebildet hatte, bis er ihn aus die Priesterschule schickte. Auf den Lannions angei- stellt, war er dort verblieben, iveil seine Vorgesetzten wohl kaum einen zweiten gefunden hätten, der tote er für die Stelle paßte. Ein Ehrgeiziger würde sich schwerlich begnügt haben mit dem bescheidenen Posten eines Seelsorgers von etwa hundert armen Fischern, deren rohe Hütten hier und da auf den neun öden Inseln verstreut lagen, denen bei der Geburt, bei Leben und Tod, Krankheit und Gesund^ heit immer und ewig das Rauschen des mächtigen Ozeans ertönte, zu denen Jahre hindurch kein Klang der aufgeregten Zeit drang, mochten auch Reiche erstehen und untergehen! — Aber Thymert war nicht ehrgeizig. Er stellte nie Beträchtungen Wer seine Lage an. Er war der Recteur des Lannions, — das sagte alles.
Arzt, Seelsorger und Tröster der Frauen, Freund Und
Gesährte der Männer, stark genug, um wenn's Not tat, ein paar zänkische Trunkenbolde zur Vernunft zu bringen, nie zu vertieft in sein Gebet, um nicht sofort gewahr zu werden/ wo sich ein Streit ßu erheben drohte — war Thymert König aus seinen wilden Eilanden. Sein Boot ankerte vor seiner Tür, und zu jeder Stunde des Tags oder der Nacht — ob die Wogen noch so ungestüm an das felsige Gestade anprallten, ob der Sturm brüllte und menschlicher Anstrengl- ititg zu spotten schien — er war bereit, auf den ersten Ruf seinen Pfarrkiudern zu Hilfe zu eilen. Einfältigen, treuen, tapferen Mutes, übte der junge Seemannspriester aufs sorgsamste die Pflichten seines Berufes aus. In der ärmlichen kleinen Kapelle zur heiligen Jungfrau auf dem! Loch, bereit rohe Wände mit Abbildungen der dem Schutz der Madonna befohlenen Schiffe bedeckt waren, ward die heilige Messe freilich oft mit eigentümlicher Hast gelesen/ wenn der Pfarrer soeben erfahren hatte, daß einem Glied seiner Gemeinde ein Unfall zugestoßen sei; ja einmal, als der lähme Jean so schwer am Fieber darniederlag und ihn rief, ist es den beiden alten Betbrüdern, die wie immer, ihren Rosenkranz hersagten, noch bis zum heutigen Tage unklar geblieben, ob der Pfarrer die Wesse, die Vesper ober! gar nichts gelesen habe, so hastig war er auf die Kanzel! geeilt nnd wieder herunter. Aber sie liebten ihn trotzdem, ihren heißblütigen, warmherzigen jungen Pfarrer; und was! die heilige Schutzpatronin der Inseln anbelangte, so legte sich Thymert gar nicht erst die Frage vor, ob ihr eine; eintönige Liturgie ihr zu Ehren, ober eine männliche, hilfreiche Tat zu Gunsten der armen Menschenkinder lieber! wäre.
Ter Pfarrer saß ruhig wartend in Rodellees dunklem' Zimmer. Unwillkürlich bebte er etwas zurück vor der Aufgabe, die er sich gestellt hatte. Für gewöhnlich toar-er kein sehr beredter Mann; bei ruhigem Blut standen ihm die Worte nicht zu Gebote, wie er gewünscht hätte, auch setzte er selbst kein rechtes Zutrauen in seine Beredsamkeit. Nachdem er eine halbe Stunde regungslos gesessen, erhob er sich nach der Uhr sehend plötzlich rasch und trat an Rodellecs Bett. 1 ■ ! H
„Herds, wache auf!" rief er und schüttelte den Schläfer mit kräftiger Hand; „steh' auf, ich habe mit Dir zu. reden."
Hervö fuhr empor, öffnete die Augen nnd erblickte! die schwarze Gestalt; nachdem er sich mehrfach bekreuzt hatte, begann er verworrene, hastige Gebete zu Saint HervS von Plouvenee, seinem Schutzpatron, und zu Saint Jean be la Roche zu stottern.
„Ich bin nicht ber Teufel", sagte der Priester ernsthaft.. „Er ist nicht gekommen, um Dich zu holen — noch nicht/ Hervs. J'ch bin nur Thhmert und will mit Dir sprechen. Willst Du'nun aufstehen?"
Rodellec kroch, halb angekleidet, wie er sich hingewvrfen, aus feinem Bett heraus und ließ sich stumpf und schwerfällig aus die nächste Bank fallen. Vor ihm stand der 'Geistliche und betrachtete ihn mit unzufriedenen Blicken.
„So kannst Du mir nicht zuhören. Trinke erst einmal/ essen wirst Du doch nichts können. Ist kein Wasser ba?"
„Das faule, nichtsnutzige Mädel", brummte Rodellec.
Thymert entdeckte den Suppentopf, sowie einen großen Krug mit frischem Wässer.
„Da sieh!" und seine Miene ward mild und weich; — „das kleine Mädchen hat Dich nicht vergessen. Wasche Dip jetzt die Schläfe damit"; er goß von dem Wasser in eine! Schüssel und sah mit Befriedigung, wie Rodellec sein! schweres Haupt mehrmals hineintauchte und dann an einer von Guenns umherhängenden Schürze trocknete.
„Trinke etwas", wiederholte er, als er sah, daß Ro- dellec die Suppe mit Widerwillen von sich stieß. „BW Tu jetzt wieder vollkommen bei Dir?"
„Gewiß, ich freue mich, den einzigen Freund bei mir zu sehen, den ein armer Teufel wie ich aus der Welt halt"/ vermochte Rodellec mit ziemlicher Herzlichkeit hervorziu» Bringen.
Er war durchaus kein häßlicher Mann, wenn er nicht! gerade betrunken ober von brutalem Zorn befallen war, Sein rötlichbraunes Haar, schon ins Graue hinüberspielend/ fiel gleich dem Guenns, von einer offenen Stirn zurück. Seine Augen, vom reinsten keltischen Blau, die im stände waren, vor Zom und Haß zu sprühen, lächelten dem Pfarrer entgegen.
„Ich möchte mft Dir über die Kinder sprechen", sagte


