Ausgabe 
16.5.1903
 
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Wirklich?" tagte Clifsord höflich, doch ohne tiefe Erregung. . .

Tenn er sah geringschätzig auf der Keinen Dame Verstand herab, der, wie er dachte, lange nicht so groß war, als die Güte ihres Herzens.

Ja", sagte sie,es ist der Mann, der solche Gewalt über Ihre arme Nell hat, daß sie tun mußte, was ihm beliebte."

Tiefe Behauptung versetzte ihm einen solchen Stoß, daß, wie unwahrscheinlich sie auch war, er davon erschüttert wurde."

Warum aber", fragte er unüberlegt,sollte Hemming ihn hierher kommen und Sie ängstigen lassen?"

Hemming?" wiederholte Miß Bostal.

Daun war sie still. Sie blieben noch einige Sekunden in dem kleinen, mit Steinen belegten Gang, unfähig, das Gesicht voreinander zu sehen. Tann drängte sie sich an ihm vorbei und lief rasch an die Tür des Speisezimmers, riß diese auf, ging hinein und gab Clifsord einen Wink, ihr zu folgen.

Papa", sagte sie atemlos und mit einem Anflug von Erregung, indem sie leise und rasch mit der einen ihrer kleinen Hände auf die andere schlug,es ist der Polizeiagent Hemming, der diesen Elenden auf uns hetzt! Mr. King sagt so."

Ter Oberst, der, wie es Clifsord schien, seit diesenWorgen noch mehr gealtert war, erhob sich langsam von seinem Stuhle und starrte Clifsord mit verstörten Blicken an.

Hemming?" sagte er mit gebrochener Stimme.Ter Geheimpolizist? Wa warum ist er hier?"

Sie verstehen nicht", quiekte Miß Theodoras helle, schrille Stimme.Ich sagte nicht, daß er hier wäre. Mr. King aber sagt, daß er es ist, der den Mann abschickt, nachts an unsere Türen und Fenster zu klopfen. Sagten Sie's nicht, Mr. King?"

Clifsord antwortete nicht sofort. Er sah, daß er an der Schwelle eines Geheimnisses stand, zu dem ihm die starren­den Blicke und zitternden Glieder des unglücklichen Mannes vor sich Aufschluß zu geben schienen. Ohne auf Cliffords Antwort auf ihre Frage zu warten, fuhr Miß Theodora fort:Sie sagten. Sie hätten Nell eben verlassen, Mr. King. Wo war das?"

Er zögerte. Er war von Mitleid für diese beiden ver­lorenen Leute überwältigt, die in ihrem armseligen, bau­fälligen Hause eingeschjlossen und verrammelt waren, sodaß, obschon er kaum daran zweifelte, daß der alte Oberst in einer noch unbekannten Weise in die Verbrechen verwickelt wäre, die eine so große Aufregung verursacht hatten, er doch ebenso sehr nach seiner Rettung als nach der Nells verlangte. Daher antwortete er mit bekümmerter Stimme:Sie war, als ich sie verließ, in den Händen der Polizei." Da war die Warn­ung erteilt, wenn sie der Oberst bedurfte. Der alte Mann wurde so von dieser Nachricht erschüttert, daß Clifsord den Schlag zu fürchten begann, den der Polizeibeamte voraus- gesagt hatte.

Miß Theodora wurde blaß und schlug die Hände zu­sammen.

Tie Polizei!" rief sie aus, als ob sie kaum im stände wäre, die furchtbare Tatsache zu fassen. Und sie drehte sich wie durch eine Sprungfeder rund um sich selbst zu ihrem Water hin:Papa!" kreischt sie fast,wenn die Polizei Nell verhaftet hat, so werde ich vvrgefordert werden, Zeugnis gegen sie abzulegen. Tas tue ich nie! nie! eher würde ich sterben!"

Clifsord wurde gerührt. Es war nur Nell, an die die arme kleine Dame Jetzt dachte. Gewiß konnte dann Miß Theodora nicht den leisesten Verdacht haben, daß ihr eigener Water irgend etwas mit den Verbrechen zu tun hätte.

Der Oberst hatte inzwischen viel von seiner Selbst­beherrschung zurückgewonnen.

Beruhige Tich> meine Liebe", sagte er zu seiner Tochter, doch in einem so schmerzlichen Don der Verzweif­lung, daß Clifsord sich bei einem so tiefen Kummer als Eindringling zu fühlen begann.Wenn Nell Claris in Haft ist"

Er hielt inne. Tann inmitten seiner Rede wurde stark an die Wordertür geklopft. Mist Theodora richtete sich, wie Clifsord bemerkte, zu einer Stellung scharfer Auf­merksamkeit aus. In dem kleinen Speisezimmer war jetzt eine Totenstille, bis das Klopfen lauter als zuvor wieder­holt wurde.

Ich werde hinaufgehen", sagte Miß Theodora leise, und vom Fenster aus nachseheu, wer es ist. Wenn es aber die Polizei ist, meiner Zeugenaussage wegen, so laß ich mich lieber gefangen setzen als sie machen."

Sie hatte kaum diese Worte hurausgebracht, als sich ein drittes Pochen an der Tür vernehmen ließ. Miß Bostal schlüpfte aus dem Zimmer und lief ohne ein weiteres Wort die Treppe hinauf.

Wieder entstand eine Pause. Die beiden Männer sahen einander beim Licht der Lampe an, die nur einen trüben Lichtschein durch das räucherige Glas verbreitete. Clifsord wurde eine höchst klägliche Geschichte gewahr, die auf dem Gesicht des alten Obersten zu lesen war, die Geschichte einer lebenslangen Schmacht einer unauslöschlichen Schande. Noch immer nur nach der Wahrheit tastend, stand der junge Mann schweigend da, scheu und gespannt, welches Furcht­bare er im nächsten Augenblicke erfahren würde.

Zum vierten Male schallte das Klopfen immer stärker und gebieterischer durch das Haus. Da holte der Oberst tief Atem und ging langsam hinaus, um zu öffnen.

Ich Bebaute, daß Sie hier sind", sagte er mit ruhiger Höflichkeit.Welches Geschäft auch die Leute herführt und wer sie auch sind, so werden Sie doch, da Sie hier sind, einigen lästigen Fragen unterzogen werden. Vielleicht wäre noch Zeit, daß Sie sich durchs den Garten entfernen könnten, während ich sie hereinlasse."

Der alte Mann sagte das, wie Clifsord überrascht be­merkte, nur, um Zeit zu gewinnen. Tenn er machte keinen Versuch, nach dem Gartenwege zu gehen, von dem er sprach, sondern stand in einer Stellung da, die verriet, daß er auf­merksam lauschte.

Horch! Was war das?" sagte er plötzlich

Clifsord hatte nichts gehört. Ein Zweifel, der mehr der Hoffnung als der Furcht entsprang an des Obersten völliger Geistesklarheit, fuhr ihm fetzt durch den Sinn.

Da oben! Da oben!" fuhr der alte Mann ungeduldig fort, als er sich endlich mit schleifendem Schritt nach der Tür bewegte.Ich glaube, ich hörte ein Fenster öffnen."

Soll ich hinaufgehen und nachsehen?" fragte Clifsord. Was befürchten Sie denn?"

Meine Tochter ist sehr entschlossen. Sie hat sich vorgenommen, daß sie keine Zeugenaussage machen will", antwortete Oberst Bostal mit schwankender Stimme.

Ja, Sie mögen hinaufgehen und sehen" Clifsord ging die enge Treppe hinauf und rief:Miß

Bostal!"

Keine Antwort. Aber er hörte jemand rechts im Neben­zimmer leise herumgehen Er ging dicht an die Tür und sagte mit dem Mund am Schlüsselloche, damit sie nicht verfehlen könnte, ihn zu vernehmen:Miß Theodora! Ihr Water ist's, der mich schickt" ,

Tann hörte er etwas einen kleinen, schwachen Schrei, dem Stille folgte. Er zog sich einen Schritt zurück und sah den Obersten unten au der Treppe stehen.

Soll ich hineingehen?" fragte er.

Ter Oberst zögerte.

Ist die Tür verschlossen?" sagte er.

Clifsord sah nach und sand, daß sie's war.

Tann gehen Sie fort", sagte der Oberst schnell.

In diesem Augenblicke traf die Wordertür ein donnern­der Schlag, der das alte Holzwerk in Stücke zu zersplittern drohte. Ter Oberst ging langsam den Gang entlang, schob die Riegel so zögernd wie möglich zurück und öffnete die Tür.

Clifsord, nöch im oberen Stockwerk, wußte, daß es die Stimmen des Polizeisergeanten und noch eines anderen Konstablers, der zu Stroan gehörte, waren.

Sie haben viel Zeit gebraucht, um die Tür zu öffnen, Sir", fing der Polizeisergeant trocken an.

Toch der Hausherr hatte nicht erst gewartet, sich nach' dem Zweck seines Besuchs zu erkundigen; er hatte sich schon wieder in das Speisezimmer zurückgezogen.

Tie beiden Polizeibeamten hielten mit sehr leiser Stimme eine kurze, hastige Beratung. Tann ging der Sergeant in das Speisezimmer und kehrte rasch wieder zurück.

Er ist völlig Bei Sinnen. Er nimmt es ganz ruhig, auf", sagte er. .,

Ter andere Mann hatte bereits in die Küche gesehen, und sie schickten sich nun an, das verschlossene Besuchs­zimmer zu durchsuchen. Clifsord hörte, wie sie Herumwirt-