Nr. 72
1903.
Samstag den 16. Mar.
3$;
ffl
(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
21. Kapitel. Entwischt!
Inzwischen setzte Clifford seinen Weg nach Shingle End langsam fort. Es war nun dunkel geworden und der Weg schien ihm länger zu fein, als da er ihn diesen Nachmittag nach Courtstairs zurückgelegt hatte. Ueber dem grauen Meere war noch eine schwache Helligkeit, aber zur Rechten über der Marsch und weiterhin bis zum Kamme des Höhenzugs, auf dem das alte Fleet-Castle stand, lag schwarze Finsternis. Es war am späten Abend ein einsamer Weg, diese lange, öde Strecke der geraden, heckenlosen Landstraße, deren ermüdende Einförmigkeit nur gelegentlich von etwas knorrigem Gesträuch oder noch seltener von einer an der Seite des Weges stehenden Hütte unterbrochen wurde.
Selbst das Geschvei der Seevögel war erschreckend, das durch die klare Luft an Cliffords Ohr schlug. Und als .er fich endlich Shingle End näherte, bemächtigte sich seiner die schreckliche Borstellung, daß das Geschrei, das er hörte, nicht nur von Seevögeln herkam, daß es ein menschf- licher Aufschrei war, der schrill und unheimlich zu ihm über das flache Wieseuland am Meere drang.
Er blieb stehen. Er hörte den Ton aufs neue. Und sein Versprechen, sich nicht zN beeilen, vergessend, ging er so rasch, als seine müden Füße ihn tragen konnten, dem Hanse des Obersten Bostal zu. Er war jetzt sicher, daß das Geschrei nicht von Vögeln herrührte, sicher zugleich, daß es aus der Richtung des Ortes kam, dem er zueilte.
Dicht vor Shingle @nb mußte er an einer Gruppe verwilderter Bäume und Dornensträucher vorbei. Gerade als e r diese erreichte, die dunkelste Stelle des ganzen Weges, sprang ein Mann aus dem Schatten der überhängenden Bäume auf ihn los und packte ihn von hinten. Clifford schrie, kämpfte dagegen an und versuchte vergeblich, sich umzuwenden, um das Gesicht des Mannes zu sehen. Doch der Angreifer, der kein Wort sagte, machte alle seine Anstrengungen zunichte und hielt ihn fest.
Cliffords Geschrei zog jedoch bald Hilfe und Befreiung herbei. .
Aus der Dunkelheit tauchte eine andere Gestalt auf, die Clifford zu kennen glaubte, und eine Stimme, die er erkannte, ries in befehlendem Tone: „Na nu! laß ab
Cliffords Bedränger leistete diesem rauhen Befehle auf der Stelle Folge; und als Clifford plötzlich frei geworden, sich umwandte, sah er nur noch den Schein einer
männlichen Gestalt, die wie der Blitz in der Dunkelheit wieder verschwand.
„Wer war das?" fragte der junge Mann ganz erstaunt, als er bemerkte, daß sein Befreier keinen Versuch machte, den Mann zu verfolgen
Es war Hemming, der Londoner Geheimpolizist, der vor ihm stand und nur mit den Achseln zuckte.
„Nur ein Mann, der mir bei diesem Geschäft behilflich sein muß", antwortete er mit einer Bewegung nach dem Hanse des Obersten. „Er griff fehl — das war alles."
„Bon welchem Geschäfte sprechen Sie denn?" fragte Clifford peinlich berührt.
„Nun, Sir, ich glaubte, Sie sollten es endlich wissen", erwiderte Hemming ausweichend.
Clifford bedachte sich etwas. Daun fragte er: „Sind Sie dort in dem Hause gewesen?"
„Nein, Sir. Ich warte noch auf weitere Anordnungen!. Ich arbeite mit der Polizei, Sir."
Clifford blickte auf die kleine, von Mud und Wetter mitgenommene Wohnung, von der zwei der oberen Fenster Licht hatten. Er bildete sich ein, eine lauernde Gestalt hinter dem schmalen Vorhang des einen zu entdecken.
„Ich vermute, daß es Ihr Mann war", sagte er plötzlich, „der die arme Dame durch fein Klopsen und Pochen an Türen und Fenstern so sehr aufgeregt hat."
Hemmings Gesicht konnte in der Dunkelheit nicht deutlich gesehen werden, doch Clifford bildete sich ein, daß er lächelte, als er antwortete: „Höchst wahrscheinlich, Sir."
Clifford, der mit jeder Minute verwirrter und neugieriger wurde, ging plötzlich fort und rund nm das Hans an die zur Küche führende Hintertür, durch die er diesen Morgen eingelassen worden war.
Er pochte zwei- oder dreimal mit dem Stock an die Tür, ehe er bemerkte, wie über ihm ein Fenster leise geöffnet wurde. Emporblickend hörte er Theodoras Stimme sich zuflüstern: „Sind Sie es, Mr. King?"
„Ja."
„Sind Sie allein?"
„Nun ja, natürlich das Bin ich Nur eben habe ich Nell gesehen."
Wie er erwartet hatte, brachte diese Antwort die kleine Dame augenblicklich herunter. Er hörte, tote die Riegel weggeschoben wurden, und unmittelbar darauf fühlte er sich durch die Tür hineingezogen, wonach Miß Theodora keuchend unter ihren Anstrengungen die Riegel wieder vorschob.
„Ich habe Ihren Popanz gesehen", sagte Clifford, „den Mann, der Sie nachts so quält. Er fiel mich gerade, als ich an die Ecke kam, an."
„Ach!" rief Miß Bostal mit einem Nicken des.Kopfes, „Ich habe ausfindig gemacht, wer es ist. Es ist der Mann, der der Urheber all dieser Diebstähle und der Ermordung des armen Jem ist."


