Montsg den 15. Juni

«r. 87.

1903.

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Lich.

Von Tr. Karl Ebel.

(Nachdruck verboten.)

Vom Fremdenstrome so gut tote gar nicht, von den Bewohnern der Nachbarstädte nur gelegentlich eines Aus­fluges nach Kloster Arnsburg oder Münzenberg berührt, liegt 15 Klm. südöstlich von Gießet: das Städtchen Lich. Wer einen Blick für das Malerische und Sinn für das Altertümliche hat, dem wird sich ein Besuch des Ortes reichlich lohnen. Schon die Landstraße von Gießen dorthin bietet wechselnde Reize. Zuerst durch herrliche:: Hochwald, dann über die freie Höhe mit weiter Ausschau in das fruchtbare Land- und wieder hinab durch das langgestreckte Torf Steinbach, endlich, vorbei an waldigem Bergeshang, an Mühlen, Höfen und träumerischem Weiher, an dem der Sage nach zu nächtlicher Weile eine Jungfrau ihr und ihres untreuen Geliebten gemordetes Kind sucht. Die gut gehaltene'Straße und ihre Einfassung verraten, daß wir uns einer fürstlichen Residenz nähert:, und bald finden wir uns neben dem stattlichen Prinzen Haus, dem Eingang zum S ch l o ß p a r k gegenüber. Nicht groß an Umfang, aber vortrefflich gehalten, tnit einer prächtigen Kastanienallee und malerischen Partien dehnt er sich zwischen Straße und Wetter nach dem Schlosse hin. Ernst, von dunklem Epheu übersponnen, begrenzt ihn an einer Seite eine alte hohe Befestigungsmauer, aber heiter zeigt sich dem Blick der Teich mit seinen stolzen Schwänen und dahinter das fürst­liche Schloß, dessen Helle Sonnendächer tote bunte Fahnen herüberwinken.

Auf zierlichen Stegen überschreiten totr das Wetteir- slüßchen und gelangen jenseits der Bahn auf den waldigen Haardtberg, von dessen Höhe wir eine wundervolle Aussicht auf das Städtchen unten im Wettertale und die jenseitigen Hügelzüge genießen. Tann geht's. hinab und zwischen den alten Wällen hindurch mitten hinein in die gewundenen Gassen und Gäßchen. Ta liegt zu unserer Linken an freiem Platz das Schloß, ein später veränderter Bau aus dem Jahve 1770, der seine heutige Gestalt durch Moller in den Jahren 18221842 erhielt. Ohne be­sonders reiche Architektur gibt es mit seinen starken Türmen das Gefühl ruhiger Sicherheit. Aehnlich mag! sein Vor­gänger gewirkt haben, eine feste Wasserburg mit vier Türmen und Zugbrücken. Tie Befestigungen sind ver­schwunden, an ihrer Stelle dehnt sich, heute der Park.

Jeder Schritt, den wir weiter tun, zeigt, daß wir uns in einer Jahrhunderte alten Residenz befinden. Ueberall erblicken wir alte Wohnhäuser in Stein oder Fachwerk erbaut, bereit reichere Architektur oder Schnitzerei sie als ehemaliges Besitztum adliger Familien, der Burgmannen des alten Dynasten- und Fürstengeschlechts, kennzeichnen. Tie Schloßgasse weist mehrere solcher Häuser auf, von denen das von Rehesche Eckhaus mit seinem schönen Erker

noch heute im Besitz dieser, jetzt freilich nicht mehr dcA Adel führenden Familie ist. Hier soll einmal Martin Luther gewohnt haben, aber Sicheres weiß man nicht über diesen Aufenthalt. Dagegen bewahrt uns eine oft falsch gelesene Inschrift das Andenken an den Erbauer des Hauses. Sin lautet:

Non ost, crede mihi, insignes qui possidet aedes, Dives: Sed dives, cui satis una domus.

J. T. Sprenger aedificator.

Zn Deutsch:Glaube nur, nicht der ist reich, der herr­liche Paläste besitzt, sondern reich ist der, der sich genüget:' läßt an einem Haus. I. T. Sprenger, Erbauer." Ein anderes interessantes Haus ist der Gasth o f zum Löwen. Ter stattliche Steinbau, dessen wappengeschmückter Torbogen die Jahreszahl 1596 trägt, soll von Reinhard von Uhrhat: errichtet sein, von dein noch heute Nachkommen in Lich leben. Jetzt findet der Wanderer gastliche Ausnahme und treffliche Unterkunft in den kühlen Räumen. Wenige Schritte weiter führen uns am Rathaus vorbei zu einem der Kirche gegenüber stehenden .Haus, dessen wunderschöne Holz­schnitzereien auf den Anfang des 17. Jahrhunderts Hinweisen. Lange waren diese die ganze Front bedeckenden Schnitzereien unter der freilich auch schützendenTünche verborgen, bis sie vor kurzem, nachdem das Haus in deü Besitz der Stadt übergegangen war, wieder in alter Frische zum Vorschein kamen. Hier finden totr auch, die Marien- sti f ts kir ch e. Ein Werk der Spätgotik, wurde sie 1510 bis 1517 an Stelle ihrer baufällig gewordenen Vorgängerin nach dem Muster der Kirche in Eisenach errichtet. Aber die Geldmittel reichten nicht aus zur Vollendung des Baues, daher erhielt das Mittelschiff ein einfaches Tonnengewölbe aus Holz. Ihr jetziges Aussehen im Innern erhielt die Kirche im Jahre 1864 nach Plänen H. von Ritgens. Von den Kunstwerken, die sie birgt, sprechen an: meisten die alten Grabsteine an, die iin Umgang des Chors aufgestellt sind, als letzte Zeugen. Wei: das erste und älteste Denkmal dar­stellt, ist bis jetzt nicht ermittelt; vielleicht dürfen wir in ihm den frommen Stifter der Kollegiatkirche, Philipp III. von Falkensteii: (f 1322), erblicken. Ter zweite und dritte Grabstein stellen Grafen von Solms dar, während der vierte wiederum einem Falkensteiner, dem Sohne jenes Philipp, Cuno II. (t 1333), und seiner Gemahlin Anna Gräfin von Nassau gewidmet ist. Tiefe Denkmäler, wie auch die übrigen Solmsischen Steine, sind hervorragende Kunstwerke ihrer Zeit und zeichnen sich teils durch Strenge des Stils (Nr. 1 und 4), teils durch Anmut ihrer Linien (Nr. 3) aus.

Was den: Beschauer aber am meisten in die Augen fällt, ist die herrliche holzgeschnitzte Kanzel mit den vier Evangelisten, die der Klosterkirche in Arnsburg entstammt. Auch "her Grabstein eines Arusburger Abtes, Kaspar Geißels (f 1553), hat am Westportal der Kirche einet: Platz gesundem

Neben der Kirche erhebt sich der mächtige Glockeniurtn; aber er ist eit: profanes Bauwerk, denn ehedem war er