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Person schlief, deren Gegenwart daselbst nur Ihnen be­kannt war?"

Ja", stammelte Nell und brach in Dränen aus.

(Fortsetzung folgt.)

Paris, rechtes Ufer.

Französischer Vortrag von Lektor Götschh.

(Nachdruck verboten.)

Nach längerer Unterbrechung, während der Herr Lektor Götschy, einer Aufforderung des Ne-rphilologischen Provin­zialverbandes Hessen-Nassau folgend, an den bedeutendsten Orten dieser Provinz Rezitationen und Vorträge hielt, die, dank seinem wohllautenden, biegsamen Organe, seinem Geist und Witz, reichen Beifall fanden, ist es auch den Gießener Freunden der französischen Sprache und Literatur wiederum vergönnt gewesen, den Reiz seiner Muttersprache zu ge­nießen. Es war der erste Abend eines aus fünf Vorträgen und Rezitationen bestehenden Cyklus. Herr Götschy sprach darin, durch treffliche Lichtbilder unterstützt, über das Leben und die Bauten der auf deut rechten Seineufer gelegenen Teile der Weltstadt Paris. Manche launige und witzige Bemerkung würzte den fesselnden Vortrag, der den Ken­nern der schönen Stadt manches großartige Bild ins Ge­dächtnis zurückgerufen, den anderen Zuhörern aber inter­essante Belehrungin anziehendster Form geboten hat. Ohne sich in langen Lobpreisungen über Paris als la Wille- Lumiore, le nombril de la terre le centre de la civili- sation, zu ergehen, führte der Vortragende als kun- diger Cicerone seine Zuhörer zunächst auf den Place de l'Etoile, von dem strahlenförmig mehr als ein Dutzend breiter, in herrlichem Grün prangender, reich belebter Straßen nach allen Richtungen der Windrose ausgehen. In der Mitte des Platzes erhebt sich,, weithin sichtbar unb den ganzen Westen der großen Stadt beherrschend, der Arc de Triumphe, de l'Etoile, der größte Triumphbogen des Erdballs, ein imposantes Bauwerk, das, unter Na­poleon begonnen und 1836 unter Louis-Philippe vollendet, die Heldentaten des ersten Kaiserreiches verherrlicht. Unter den Hautsreliess, die den Bogen schmücken, tritt auf dem Lichtbilde besoirders le dopart von Rude hervor, eine leb­haft bewegte Gruppe, die uns zurückversetzt in die große Revolution, als die Krieger der jungen Republik unter den Klängen der Marseillaise auszogen zum siegreichen Kampfe gegen das in Waffen starrende monarchische Europa. Der schwache Greis, der kräftige Mann, der un­mündige Jüngling, der reiche Bürger und der vom Druck der Feudallasten unb der Verachtung endlich befreite Bauer, sie alle sind auf beit Kriegsruf Gallias herbeigeeilt, um sich todesmutig dem Feinde entgegenzustürzen. Tie Gruppe erinnert den Franzosen an die Begeisterung der ersten Revolutionsjahre; wir Deutsche aber denken unwillkürlich an den Gegensatz, den sie zum entsprechenden Relief am Niederwalddenkmal bildet: hier der feierliche Abschied der Krieger von den Lieben in der Heimat, das Gefühl stiller Wehmut im Kampfe mit der stillen Begeisterung, die das Bewußtsein verleiht, einem heiligen Kampfe für die höchsten Güter der Heimat entgegenzugehen; dort die wilde leiden­schaftliche (Awegung des Romanen, wie sie aus dem poli­tischen Kampfe, der Erregung des inneren Streites, erwachsen ist. Won dem Triumphbogen solgen wir dem Redner durch die Champs-Elysses mit ihren prächtigen Anlagen, vornehmen Willen, fürstlich eingerichteten Gasthöfen, ihren Cafes chantants und ihrem bunten Gewimmel von Reitern, stolzen Equipagen, Kinderwagen, Radfahrern und Fuß­gängern jedes Alters und jeder Rasse, zum berühmten Place de la Concorde. Das fröhliche,, buntbewegte Treiben, das sich um den Obelisk von Luxor und um das Geplätscher der von Meer- und Flußgöttern getragenen Wasserbecken oder zu Füßen der acht allegorischen Städtegestalten Lille und Straßburg, Bordeaux, Nantes, Rouen, Brest, Mar­seille und Lyon heute abspielt, läßt den entzückten Beschauer wohl nicht ahnen, welch düstere und blutige Ereignisse sich auf diesem einzig schönen Platze vollzogen, der als Place de la Revolution von 1793 bis 1795 mehr als 2800 Menschen, darunter die Höchsten und Edelsten der Nation, als Opfer der Schreckensherrschaft auf der Gouillotine verbluten sah. Auch Bilder d:er neuesten Geschichte tauchen vor unserem geistigen Auge auf: war doch derselbe Platz im März 1871 der Lagerplatz der deutschen Truppen, die nach langes

mühsamer Belagerung ihren Einzug in die Weltstadt halten konnten, um dann nach ihrem Abzug Zeuge eines erbitterten Kampfes zwischen den vorrückenden Truppen Mac Mahons und den Kommunards zu werden. Was dem Platze heute seine Schönheit verleiht, ist nicht sowohl das Ebenmaß feiner Verhältnisse oder der Schmuck der Springbrunnen, der Statuen und des Obeliskes, als viel­mehr die herrliche Umrahmung: steht man in der Mitte, so erblickt man nach Süden, jenseits der Seine, das Ab­geordnetenhaus (Palais Bourbon), nach Osten den Tuilerien- garten, den kleinen Triumphbogen und das Sonore, nach Westen die Champs-Elysees mit ihrem großen Triumph­bogen, nach Norden, zwischen den prächtigen Palästen des Marineministeriums, die Madeleine-Kirche. Besonders die Champs-Elysees gewähren abends im Scheine ihres Lichter- glanzes einen feenhaft prächtigen Anblick.

Nur ungern trennen wir uns von den herrlichen Bil­dern, um, der rue Royale folgend, die Eglise de la Made­leine zu besichtigen, eine Kirche in Form eines römischen Tempels mir 52 korinthischen Säulen. Es ist die Kirchss des reichen und vornehmen Paris, der aristokratischen Trauungen, der von der feinen Damenwelt besuchten Fastenpredigten eines besonders beliebten Geistlichen, der besten Kirchenmusik. Bon hier aus folgen wir den Boule­vards, diesem prächtigen Straßenzug, der an Stelle den alte«, unter Ludwig XIV. niedergelegten Festungs- und Bollwerke entstand und heute den Mittelpunkt eines un­aufhörlichen glanzvollen Treibens und lebhaftesten Frem­denverkehrs ist. Ter Redner versteht es, ein höchst anschau­liches Bild des mächtig pulsierenden Lebens auf den Boulevards zu entwerfen. Wir sehen die endlosen Reihen von Fuhrwerken jeder Art aus dem breiten, von grünenden Bäumen umschlossenen Fahrdamm, das Gewoge der Fuß­gänger, die, geschäftig dahin eilend oder gemütlich schlen­dernd, sich zu beiden Seiten dahinbewegen.London hat seinen Picadilly und dessen Menschen- und Wagengewühl, Berlin seine Promenade Unter den Linden mit ihren Königs­palästen Petersburg seine Perspektive mit ihren pfeil­schnellen Schlitten, Madrid seine Puerto del Sol mit ihren stolzen Caballeros und Manolas, Wien den Ring mit seinen unvergleichlichen Monumentalbauten; aber die Boulevards haben dies alles auch und noch einiges mehr." Welche Fülle des Schönen und Anmutigen in den Schaufenstern! Welche Fülle von Charakteren und Typen auf der Straße! Unter den Gebäuden fesselt zuerst die Große Oper unsere Blicke, das größte Theater der Welt. Die Hauptfassade ist reich mit Skulpturen geschmückt, unter denen die den Tanz darstellende, von Carpeaux geschaffene Gruppe besonders vollendet ist. Nicht minder reich ist das Innere geschmückt mit seiner herrlichen Treppe, seinen Foyers, seinen Wandel- gänaea und Büffets, die besonders zur Fastnachtszeit als Schm Plätze der großen Maskenbälle Zeugen des heitersten und mmutigsten Treibens eines lebensfrohen Volkes sind.

Nach einem kleinen Abstecher zur Colonne Vendome, eine Nachahmung der Trajanssänle in Rom mit reichem Basreliefs-Schmuck, d.er den Sieg bet Austerlitz verherr­licht und von einer Statue Napoleons I. überragt wird, kehren wir zu den großen Boulevards zurück. Ihrem Zuge folgend kommen wir an der Porte St. Martin und Porte St. Denis, zwei zu Clären Ludwigs XIV. und feiner Siege über Holland und Spanien errichteten Triumphbogen, vor­über und gelangen nach dem Place de la Republique, auf dem sich die imposante Statue der Republik erhebt. Tie gewaltige Bronzefigur mit dem Oelzweig in der erhobenen Rechten ist von den Gestalten der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit umgeben; zwölf Bronzereliefs stellen be­deutungsvolle Szenen aus der Geschichte der dret Repu­bliken dar; vorn steht ein eherner Löwe, der mit erhobener Tatze die Urne des suffrage universel beschützt. Von hier lenken wir unsere Schritte nach Süden, von wo uns der Genius der Freiheit" schon in der Ferne grüßt. Ttese Statue erhebt sich auf der schlanken Colonne de Jucklet, die zu Ehren der Barrikadenkämpfer der Julirevolutcon in der Mitte des Place de la Bastille errichtet ist. Wir befinden uns auf historischem Boden, auf der Stätte, wo einst die Bastille stand, das Bollwerk und Sinnbild der Krönungsmacht und Königswillkür, das Staatsgefängnis!, hinter dessen dicken, hohen und grauen Mauern gar oft die Stimme der Gerechtigkeit und Freiheit für immer ver­hallte. Nach Westen uns wendend, durchschreiten wtr bte Vorstadt St. Antoine, den Mittelpunkt der Fabrikation der