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erwiderte Lowndes in einem Tone, in dem eine Umkehr i zu Zweifel und Unschlüssigkeit entdeckt werden konnte.
„(Sine Frau aber kam während der Nacht in mein < Zimmer" George Claris machte eine Bewegung der Ungeduld. „Ich sage nicht, daß ich es nicht erwartet hatte, ich kann aber schwören: sie kam. Sie hob merne Kleider auf und ich hörte den Klang des einzelnen Geldes in meinen Taschen. Ich fuhr auf und sie lief aus dem Zimmer. Ich war nicht unvorbereitet, tote ich schon sagte, und ich rannte ihr nach, sah fte rn das Hinterzimmer ganz oben gehen, und hörte sie es verschließen; ich sprengte die Tür auf und sah sie gerade, als ich ins Zimmer trat, durch das Fenster hrnaus- schlüpfen. Ich eilte ihr nach, sah sie noch ernmal, als ich am Boden lag; und das Nächste, dessen ich mrch bewußt ward, war, daß ich mich im Wasser befand."
„Nun, es ernüchterte Sie jedenfalls", sagte George Claris kurz. „Und jetzt bleibt nichts weiter übrig zu tun, als uns zu sagen, wieviel Geld sie genommen hat. Seien Sie nicht schüchtern, lassen Sie's hundert fern, oder sagen Sie zweihundert. Wir haben schon bluten müssen, wir können ohne Zweifel noch mehr aushalten."
Dem jungen Manne schien etwas Rührendes im Tone der rohen Ironie des Mannes zu liegen; er fing an, inniges Leidwesen und Scham darüber zu fühlen, daß er sich zu diesem Abenteuer hatte bereden lassen. Das schöne blasse Mädchen, das stumm hinter dem Onkel stand, der Onkel selbst mit der trübseligen Verwirrung in den Augen, schienen ihm in dem gespenstigen Lichte des frühen Morgens so völlig gebrochen, so verstört und so elend, daß er sich gern davongeschlichen hätte, ohne ein Wort mit ihnen weiter zu wechseln. Doch konnte davon nicht die Rede sein.
„Es ist mir nichts entwendet worden", sagte er rasch, „nicht das Geringste."
„Sie glauben also, die Frau möge sich nur zum Zeitvertreib etwas umgesehen haben?" warf Claris nocy in demselben, beißenden Tone hier ein.
Lowndes schwieg. ,
„Und bitte, wenn ich so srer sein darf", fuhr der Gastwirt nach einer Pause mit drohender Stimme fort, „wie sah dieses Frauenzimmer aus?"
„Ich könnt' es nicht sehen. Es war, wie Sie wissen, finftcT.
„Sie sind aber natürlich ganz sicher, daß es eine Frau war?" ~ ,r . .
Diesmal war vielleicht etwas von Interesse in der Ironie des Onkels. m , ,,
„Ja", antwortete Lowndes mit größerer Bestimmtheit, „dessen bin ich gewiß. Sie bewegte sich wie eine Frau und hatte den Kopf einer Frau und den Rock einer Frau. Ich sah ihre Röcke vor mir fliegen, als ich draußen unten am Boden lag."
„Und das ist alles, was Sie zu sagen haben? Nun, Nell, sage Du uns jetzt, was Du geseheu hast."
Und er wendete sich zu seiner Nichte.
Nell stand dem Fenster gegenüber und das graue Licht des Morgens kam über den Rand der Läden ihr voll ins Gesicht. Es war weiß, abgespannt, mit dunklen Ringen unter den Augen, die niedergeschlagen und glanzlos aussahen. Ides Wort, das sie sprach, trug, wie der junge Mann dachte, in ungewöhnlicher Weise den Stempel der Wahrheit und Aufrichtigkeit.
„Ich wachte plötzlich über einen lauten Lärm, den ich hörte, auf. Ich sah die Tür zusammenbrechen, und jemand vorüberhuschen, und durch das Fenster hinaussteigen. Ich sprang auf und blickte hinaus, und sah diesen Herrn vom Dache des Hinterhauses hinabgleiten."
„Ich sah Sie nicht", unterbrach Lowndes sie scharf mit wieder erwachendem Zweifel.
„Sie sahen sich nicht um", erwiderte das Mädchen gefaßt. „Sie liefen nach rechts durch den Garten. Ich zog mich rasch an, lief die Treppe hinab, und durch Die tzintertüre hinaus, um zu sehen, was es denn gäbe. Als ich hinauskam, waren Sie aufs Ufer heraufgekletter^ und sprachen mit meinem Onkel."
Lowndes sagte nichts; es war nichts zu sagen. Obwohl es aber wahr war, daß er, als er ins Zimnier oben hereinbrach, auf nichts anderes besonders Achtung gegeben hatte, als auf das Fenster und die entschlüpfende Gestalt, so war er doch überzeugt, daß wenn im Zimmer
noch jemand im Bette gelegen hätte, er hin gesehen oder einen Schrei, ein Wort, die dessen Gegenwart angezeigt hätten, gehört haben würde.
„Nun haben Sie eine andere Geschichte gehört, und mit Ihrer Erlaubnis halte ich mich lieber an das Wort meiner Nichte, als an das Ihre."
„Widersprechen sich denn aber", warf Lowndes rn versöhnlichem Tone ein, „die beiden Berichte? Aus allem, was die junge Dame sagt, geht doch nur so viel hervor, daß sie die Frau nicht durchs Zimmer hat gehen sehen "
Nein, noch sonst jemand anderen", brach George Claris los, als ob seine Geduld endlich erschöpft wäre. , „Und Sie hören .cki jetzt an, ich iverde bei mir niemanden dulden, der zu spioniereu hierher kommt und Wahngebilde im Kopfe hat, und in die Zimmer des Hauses einbricht, nein, niemanden, Sir, und damit mögen Sie nur gleich hinausgehen und Ihren Reise;ack packen und sich zwischen je-t und der Frühstückszeit aus dem Staube machen. Kein weiterer Bissen oder tropfen wird Ihnen unter meinem Dache gereicht werden. Und Sie mögen den drei jungen Taugenichtsen, die Sie hier- hergesandt haben, sagen, daß was sie sich auch zu nennen belieben, keine Gentlemen sind. Ich 1$ Jciinc sie, wie Sie sehen, ich weiß, Sie weiß, Sie sind hiezu von Jordan, King und Kompanie augeftellt worden."
,Onkel! Onkel! Nein, Mr. King hat ihn sicher nicht abgeschickt, das will ich verbürgen !"
Und Nells Gesicht wurde plötzlich hochrot, einem Not, das ihr Geheimnis verriet.
Lowndes wurde gerührt. .
„Sie haben recht", sagte er ganz einfach zu iyr, „Mr. Kiug weih nichts von meinem Hiersein. Ich will sogleich gehen." , , ,
Und der junge Mann, der seiner Handlung sich schämte und um so verwirrter wurde, je länger er von edem Gesichtspunkt aus sein seltsames Abenteuer betrachtete, verließ innerhalb der nächsten zivanzig Minuten, den „Blauen Löwen" und kehrte, seine Erfahrungen feinen Freunden Otto Conybeare und Willie Jordan zu berichten, uach London zurück.
8. Kapitel.
Der Mann aus London.
Nun war es die Absicht der beiden Verschwörer, Me sich ohne Cliffords Wissen verbündet hatten, um ihn von seiner Betörung zu heilen, dieses unglncUiche Abenteuer vor ihm zu verbergen. Ihnen zum Trotz drang es jedoch bis zu ihm, und eines Abends, als sie sich in i.;rem gemeinsamen Zimmer ihrer Pfeifen erfreuten, trat er ihnen in einem Zustand überwallender Entrüstung ent-
^Vergeblich suchten sie ihm zu beweisen, wie löblich ihre Absicht gewesen wäre, wie sehr es zum Wohle der -ungen Dame selbst geweseu sein wurde, wenn sie dieses häßliche Geheimnis hätten ausdecken können. ,
Wenn ihr es hattet aufklären können, wurde niemand dancharer und erkenntlicher als ich gewesen sein", entgegnete Clissord, dessen Gesicht Nells wegen von Sorge und Unglück ganz hager geworden war. „Doch eine« jungen Narrer?ohne Anstand und Zartgefühl, wie Lowndes, zum Spionieren auszusenden und einen ungeheuren "Schoten aus sich machen zu lassen — wahrhaftig, das wäre mebr von ein paar Schulbuben als von zwei völlig erwachsenen Männern außerhalb Hanwell*) zu erwarten ge- toLfett$8a§ das anbelangt", antwortete Conybeare mild, so weiß ich nicht, daß Lowndes weniger Anstandsgefiihl als sonst jemand hätte. Ich muß bekennen, daß unter gleichen Umständen ich fast ebenso gehandelt haben wurde wie er, wenigsteus soweit es das Verfolgen der Frau in die Stube und durch das Fenster betrifft. Man beobachtet bei einem Diebe, selbst einem weiblichen, nicht so streng die Höflichkeitsformell." . ,
„Nell Claris ist aber kein Dieb", schrie Elisiord aufgeregt. „Ich würde es nicht glauben, wenn alle Richter und Magistratspersonen Englands es sagten." ,
„Ah! Das ist es gerade. Du willst nicht glauben, aber, mein lieber Junge, glaubst Du, daß Lowndes irgen i etwas zu gewinnen hatte, wenn er eme Geschichte e - *) Berühmtes Irrenhaus in Middle-Essex.


