Ausgabe 
14.12.1903
 
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zu lassen, wenn man selbst hier satt und behaglich am Tische sitzt."

Nu, natierlich, wir bleiben", entschied die alte Jungfer, und auch Edith wollte anscheinend ein zustim- niendes Wort hinzufügen, doch verstummte sie alsbald wieder, von der starken Stimme desUebermenschen" er­schreckt.

Ich werde mir den Schwindel heute abend auch einmal anhören", schrie er durch den Saal, obwohl die Worte nur an die Dame neben ihm gerichtet waren, die ihn mit ihren Blicken verschlang-.Ich halte Musik im allgemeinen nur für ein lästiges Geräusch, aber in diesem Nest, wo jede geistige Anregung fehlt, kann ich meine Prinzipien nicht in ihrer ganzen Reinheit durch­führen. Ich bin der Ansicht, daß alle sogenannten Künste sich überlebt haben, und ich gehe mit dem Gedanken um, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen. Ich werde dem­nächst etwas darüber veröffentlichen."

Do jprach er weiter, aber zugleich begann auch die krampfhaft angeregte, laute Unterhaltung der übrigen von neuem, und das allgemeine Getöse verschlang seine großen Worte. Rauchmann konnte kaum verstehen, was der alte Herr mit der Billardkugel zu ihm sagte:Damit droht er immer, cmer schreiben tut ex nie 'was. So 'n Fautdiert, so 'n Undiert, es ist wahrhaftigen Gott zu doll!"

Ter Schwarze schwieg- nicht wieder, und so mußten auch alle anderen weiter reden. Unter erzwungenem Sprechen und Lachen ging die Tafel zu Ende, und nun wurden die Anwesenden ersucht, sich für kurze Zeit zu entfernen, da­mit die Vorbereitungen für den Kunstgenuß getroffen wer­den konnten.

Als Rauchmann in den Flur trat, hörte er draußen den Regen immer noch unverändert niederfallen und den See mit großen regelmäßigen Wellen ans Ufer schlagen. Tie üble Laune, die im warmen Lichte des Speise­saals im Toppelschein der elektrischen Flammen und der roten, leuchtenden Tapeten ein wenig nachgelassen hatte, kam ihm zurück. Und als nun auch Edith an ihm vor­überschritt, die Wicke , starr geradeaus gerichtet, als müsse sie den Ungehorsam ihrer Augen bei Tisch jetzt bestrafen, da entschied er bei sich im füllen:Ich Packe überhaupt g-arnicht aus, morgen geht's wieder fort!"

Nun war der Saal für das Konzert hergerichtet, das Pianino aus dem kleinen Musikzimmer unter donnerndem Rollen hinüber geschafft worden. Langsam verfügten sich die Gäste in den gelüfteten, kühler gewordenen Raum zu­rück. Tie Stühle standen jetzt in langen Reihen an den Mauern entlang, das leere, weiße Hufeisen der Tafel trat in dem sanften, roten Leuchten der Wände grell hervor. Ein jeder nahm den Platz wieder ein, den er bei Tisch inne gehabt hatte, nur um die Entfernung der Mauer von der Tafel geschieden; auch Ranchmann folgte den übrigen. In seiner Brust war ein unllarer, seltsamer Widerstreit von Empfindungen, ein Zürnen und Miß­behagen und zugleich ein Verlangen ohne Ziel.

Edith saß ihm auch jetzt schräg gegenüber, nicht einmal durch die Tafel mehr von ihm getrennt. Es schien ihm zuweilen, als wenn die Generalin Lust hätte, ihn anzufprechen, doch machte er dann mit besonderer Anstreng­ungGlasaugen", wie er es zu nennen pflegte, und blickte starr geradeaus auf die Blumen von dunklerem Rot im helleren, gleichfarbigen Grunde der Tapeten.

Es dauerte nicht lange, bis die Sängerin kam. Sie erschien in Begleitung eines Klavierspielers, eines jungen blassen, verhungert aussehenden Menschen, der aber gleich ihr elegant gekleidet war. Sie selbst prangte in schwarzem Atlas und rauschte so sicher, zugleich mit so gewinnendem Neigen des Kopfes ourch den Saal, daß jeder die Ueber- zeugung gewann, beim bevorstehenden Einsammeln des Zolls für die Kunstleistung nicht sparen zu dürfen. Ein paar gesch ievene Programme in italienischer Sprache waren' verteilt worden, und nun begann das Konzert.

Zuerst kam ein Klavierstück, der Marsch Eoun-ods Faust". Als der Spieler wie ein Ungewitter über die Tasten herfiel, fuhren alle nervösen Leute zusammen, und der Herr mit der Billardkugel griff nach seinem Halse. Turch dies Beispiel veranlaßt, tat auch die schwerhörige Tarne das Gleich^ obwohl ihr das Gehämmer vermutlich nur wie sanfte Sphärenmusik klang. Als das Stück zu Ende war, ertönte mäßiger, zaghafter Applaus, in den Wauchmann einstimmte, ohne sich vorzudrängen. Turch

halbgeschlossene Lider bemerkte er, wie ihn Edith erstaunt betrachtete. Ter alte Herr an seiner Seite brummte in sich hinein.Der Kerl will woll probieren, wie uns die Kur angeschlagen is? Lange halte ich- den Radau nick)! aus."

Nun trat die Sängerin vor und lächelte, sich ver­neigend, abermals die Gesellschaft an. Sie war eine üppige, stattliche Erscheinung, und was an Jugend abging, ersetzte die Schminke. Aber ihr Gesang machte die Empfindlichen nervös, wie das Spiel ihres Partners es getan hatte. Die Stimme war in der Höhe scharf, in der Tiefe so aus­gesungen, daß sie kaum etwas mehr hergab. Tas wußte i>ie Kluge ganz gut, und so spielte sie dem Publikum eine wohleingeübte Komödie vor, die als momentane Unpäß­lichkeit 'erscheinen lassen sollte, was ein Verlust für immer war. So oft sie einen tiefen Ton nicht fassen konnte, griff fie mit der Hand an die Kehle und fchifitelte mit bedauernder Miene den Kopf, als wollte fie sagen:Dio mio, hier sitzen so wunderschöne Töne, mit gerade heute wollen sie nicht heraus."

Nach diesem ersten Vortrag applaudierten noch ein paar mitleidige Seelen, dann verstumnite der Beifall. Rauch­mann hatte sich an dem Zoll des Mitleids nicht mehr be­teiligt; seit die Sängerin ihr Lied begonnen hatte, war er sehr ernst geworden und blickte mit traurigen, träu­merischen Augen unablässig auf die dunkelroten Blumen an den Wänden. Edith beobachtete ihn vorsichtig, ohne daß er es bemerkte, und war erstaunt, auf den Mienen des berühmten, von Glück und Erfolg so hoch empor ge­tragenen Mannes diesen Ausdruck sinnenden Kummers zu finden.

Als die Hälfte des Programms vorüber war, erfolgte die Sammlung der Beiträge. Sticht die Sängerin selbst ging mit dem Teller umher, sondern die Kellnerin Lina waltete des wenig erfreulichen Amtes. Sie bemerkte wohl die Verstimmung der Gesellschaft und suchte durch guten Humor die Gebelaune wieder zu erwecken. Indem sie den Teller umhertrug, der diskret mit einer kleinen, zu einem Täschchen zusammengefalteten Serviette bedeckt war, machte sie ein ganz erbärmliches Gesicht und klagte immer ivieder: Heut muß ich bitten kommen. Ach, ich bin so arm, so sehr arm! Una poveretta, meine Herrschaften, nna pove-

rcttci!"

Tie meisten lachten, und gaben willig. Ein Häuflein abgegriffener Lirescheine sammelte sich auf dem Teller, doch klapperte bei den Mißvergnügtesten auch Kupfer da­zwischen. Als aber die Sammlung beendet war, als die scharfe, t-onl-oie Stimme der Sängerin wieder erllang, da begann ein langsamer Aufbruch Ter alte Herr neben Rauchmann machte den Anfang; er verschwand in sich hineinbrummend, aber sonst vorsichtig und diskret. Ärmere folgten seinem Beispiel in gleicher Weise, bis dann der Uebermensch" mitten in einer Arie aus derTraviata" mit großem Geräusch aufstand, in der Ecke des Saales die bunte Tecke um seine Schultern drapierte und mit lauten Schritten hinausging. Ans Opposition blieben nun die übrigen fitzen, ein kleiner Rest von etwa zehn Personen, ein Drittel der aanzen Gesellschaft. Sobald jedoch die Kellnerin vor der" letzten Nummer des Programms in be­denklicher Weise noch einmal mit dem Teller sich näherte, dessen Ertrag die Sängerin inzwischen ungeniert gezählt und in die Tasche des schwarzen Atlaskleides hatte ver­schwinden lassen, da brach eine neue Panik ans. Mrt un­höflicher Hast entflohen die Gäste, nur Edith und ihre Mutter, die schwerhörige Tarne und Rauchmann blleoen zurück. Er blickte zornig auf die Fliehenden; seine Stirn war gerötet, seine Bugen blitzten. .

Jetzt kam die Kellnerin zu der kleinen Schar in der Ecke des Saales. Die Generalln spendete noch einmal eine Lira aucb Edith griff in die Tasche und tat es ihr gleich. Tie Zitronendame folgte dem Beispiel, Rauchmann aber suchte den Schein, den er hervorgezogen hatte, hastig in das diskrete Servietlentäschchen auf dem Teller hm- einzustecken. Allzu hastig sogar; denn im Elfer verseh te er sein Ziel, das Papier flatterte znr Erde, faltete fich auseinander, und verriet Ediths scharfen Augen feinen

Jetzt war auch die letzte Nuinmer vorüber, und als die Sängerin schwieg, da begann Rauchmann zu applau­dieren, "so laut und nachdrücklich, daß die Wände des beinahe leeren Saales davon wiederhallten. Edith aber von einem Gefühl getrieben, das stärker war als ihr