Nontag den 14. Jezemöer.

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(Nachdruck verboten.)

Wotans Derloöung.

Novelle von R o b e r t K o h l r a u s chi

(Fortsetzung.)

Ter neue Ankömmling, der niemanden als diese eine Dame begrüßte, begann schon zu sprechen, bevor er sich noch gesetzt hatte.Ich war zu sehr in den Nietzsche ver­tieft", sagte er mit einer lauten, anmaßenden -(Stimme, die dem Ohr wehe tat.Ich habe heute die Ueberzeugung gewonnen, daß der Kerl lauter Unsinn geschrieben hat. Ich werde nächstens mal eine Schrift gegen ihn loslassen. Ich werde ihn gehörig verreißen, das steht fest. Ich schimpfe überhaupt riesig gern, besonders wenn ich einen Mann vor mir habe. Ich bin der Ansicht, daß die dümmste Frau immer noch zehnmal klüger ist, als der klügste Mann."

So laut er sprach, so ging seine Rede doch setzt in einer allgemeinen Unterhaltung unter. Wie auf Befehl fingen alle Gäste zugleich an mit krankhafter Lebhaftigkeit zu sprechen, ein Teil von ihnen auch mit so hoch erhobener Stimme, als hätten sie die bestimmte Absicht, jenen einzelnen totzuschreien. In diesem plötzlich entstandenen Lärm konnte Rauchnrann von seinem Nachbarn, denr alten Herrn, eine Auskunft über den lauten Redner erbitten.

Mer ist der .Herr, wenn ich fragen darf?"

Tas is unser Schwarzer", lautete die Antwort, in deren Don ein tiefer Ingrimm zitterte.

Warum Sie ihn so nennen, sehe ich wohl. Aber sonst, was ist es für ein Mensch?"

'n Undiert". Er schleuderte die hannoversche Ueber- setzung desUntiers" mit solchem Nachdruck hervor, daß Rauchmann ein wenig zurückfuhr, dann aber lachen mußte. Bevor er weiter fragen konnte, fuhr sein Nachbar fort: Tas is man so mein Name für ihn. Er hat sonst 'n ganzen Hümpel davon. Sie nennen ihn den Schwarzen, oder den Ichmenschen, weil er noch niemals 'n Satz anders wie mitIch" angefangen hat, oder den Uebermenschen, was die von uns, die Italienisch können, auch übersetzt haben, die nennen ihn denSopra". Tas Undiert ärgert uns alle braun und blau, und wir verderben uns alle miteinander die Kur, und wenn's nicht bald anders wird, dann schmeißen wir 'n 'mal 'raus. Um so 'n dummen Bengel will man doch» nicht seine ganze Gesundheit zu­setzen, das is doch man einmal wahr! Wenn das Undiert hier am Tische sitzt, dann fühle ich gleich, wie meine Billardkugel rot wird, un das laß ich mir auf die Länge Nu mal nrch gefallen."

Cr hatte sich sehr in Zorn geredet und schob jetzi seinen Teller energisch zurück, als sei es ihm unmöglich geworden, noch einen Bissen zu genießen. Die anderen

aber waren, da derUebermensch", mit Essen beschäftigt, verstummt war, tvieder plötzlich still geworden, und für ein paar Sekunden tönte nur das silberne Gehämmer von Messern und Gabeln auf den weißen Tellern durchs den Saal.

Tie Generalin hatte sich bisher kaum am Gespräch beteiligt, sondern ihr Essen mit Eifer und einem gewissen künstlerischen Behagen verzehrt, das sich auch in einem! zierlichen Ginteilen und Zerlegen der einzelnen Speisen geäußert batte. Jetzt war sie fertig, lehnte sich zurück und ließ die Blicke langsam einmal im Saale die Runde machen. Dann wandte sie ihr Gesicht, dessen Linien trotz aller Fülle noch so fein und freundlich geblieben waren, zu der alten Jungfer an ihrer Seite und fragte: Werden Sie auch hier unten bleiben zum Konzert?"

Ein Konzert?" Nicht die Angeredete hatte es gefragt! Es war Rauchmann, als hätte er selbst unwillkürlich die Morte gerufen. Ebenso unwillkürlich fielen dabei feine. Blicke auf Edith und begegneten abermals ihren Augen, die mit dem Ausdruck unverhohlener Heiterkeit auf seinem erschrockenen Antlitz ruhten. Sie versuchte zwar sogleich^ die nun schon gewohnte, feindlich-ernsthafte Miene an­zunehmen, doch mißlang es kläglich. Aus ihrem Lächeln wurde ein herzliches, kaum zu unterdrückendes Lachen; denn in diesem Moment vernahm sie die Antwort der schwerhörigen Dame auf ihrer Mutter Frage.

Ach. nce, bis zum Herbst, nee, so lange bleibe ich denn doch nicht hier. Tas wäre mir zu warm."

Tie Generalin hatte sia./ besser in der Gewalt als ihre , Tochter; sie verzog kaum die Mundwinkel, als sie sich jetzt zu ihrer Nachbarin hinnberbeugte und langsam mit icharfer Accentuierung sagte:Pardon, ich fragte nach dem Konzert heute abend. Wir werden nämlich ein Kon­zert haben nach Tisch, die Kellnerin hat es mir erzählt. Tie anderen Gäste haben sich schon heute mittag bereit erklärt, dazubleiben und zuzuhören, und man hofft von uns neuen dasselbe."

Ja, wirklich? Gibt es denu Sänger hier?" fragte die Zitronendame, die jetzt verstanden hatte und auf die Nachricht hin ein Gesicht machte, als hätte sie diesmal eine ausnahmsweise süße Frucht erwischt.

Ein mutwilliges Blitzen aus Ediths Augen zu dem berühmten Sänger hinüber sie konnte es mit dem besten Willen in diesem Augenblick nicht unterlassen, ihn anzu- iajnuen, ein bewußteres, freieres Lächeln um die Lippen der auf ihn blickenden Generalin und dann deren Antwort auf die Frage ihrer Nachbarin:Darüber kann ich Ihnen teilte Auskunft geben. Es handelt sich um eine reisende Sängerin, die scheinbar die Kurorte hier abgrast. Vermut­lich ist es nur eine besondere Form der landesüblichen Bettelei; aber schließlich doch eine anständigere Forrch als die hier an der Landstraße geübte. Und Du liebep Gott! solch eine arme Person will doch auch essen; da wäre es wohl grausam, sie hungrig wieder fvrtgehett