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eine Art von Empfangs- oder Speisezimmer mit schön geschnitzten Eichenmöbeln, in welchem eine kleine Gesellschaft von vier Damen und eben so vielen Herren um den Theetisch versammelt war. Tie Lady selbst half Jane beim Ablegen ihrer Sachen und stellte sie sogleich den Versammelten vor, welche die Neuangekommene in dem einfachen, dunklen Reisekleide mit den, von der etwas scharfen Lust und von Befangenheit geröteten Wangen kritisierend von der Seite musterten. Jane fühlte, daß ihr schlichtes Kleid nicht recht zu den eleganten, duftigen Toiletten der Damen paßte; sie ärgerte sich im füllen über die Handlungsweise der Lady, welche sie, in der Freude über ihr Eintreffen, sofort wie sie ging und stand in die Gesellschaft führte.- Doch bald vergaß sie all ihre Skrup!el über die Liebenswürdigkeiten der jungen Herren ihr gegenüber, für welche diese ungekünstelte, Prunklose Schönheit in ihrer ersten Fugend jedenfalls einen großen Reiz haben mußte; denn sie sammelten sich eifrig um sie, ihr jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit erweisend. Lady Iates' zufriedenes Lächeln zeigte, wie sehr sie sich über den Erfolg freute, der ihrem Schützling zu teil wurde. Bald nachher war auch Sir Harry eingetreten, und mit ihm kam neues Leben in die Unterhaltung, neues Scherzen, neues Lachen. Jane sand, daß der Sohn des Hauses bei weiten! der stattlichste der anwesenden Herren war. In seiner Erscheinung erinnerte er an die stolze Gestalt der Lady, sein Wesen war gewinnend, doch zugleich auch! ernst und männlich, während die Liebenswürdigkeit der anderen dem jungen Mädchen angelernt, leer und phrasenhaft erschien. Es war Jane sehr erwünscht, als nach einer Stunde die Gesellschaft sich verabschiedete und es ihr möglich wurde, ftch! für heute auf ihr Zimmer zurückzuziehen, um sich von den Strapazen der Reise und allem Ungewohnten auszu- ruhen. Ein seltsames Gefühl überkam sie, als ihr Blick beim Entkleiden auf den breiten, goldenen Ring fiel, den sie an ihrer linken Hand trug. Sie konnte sich über dies Gefühl keine Rechenschaft geben und plötzliche wie wenn der Reif fte drückte, zog sie dies Zeichen ihres Verlöbnisses mit Willy eilig vom Finger und barg es in ein Kästchen, das sie tief rn die Schublade ihrer Kommode versteckte. Das Gesicht Janes, welches der darüberhängende Spiegel bei dieser Handlung zeigte, war von einer tiefen Röte überzogen. War sie d er Reflex einer Gewissensregung über die eben vollzogene, wenn vielleicht auch kaum bewußte Treulosigkeit gegen ihren Bräutigam? Bald darauf hatte ein fester Schlaf das junge Mädchen umfangen und sie aller Skrupel und Bedenken enthoben.
Fortsetzung folgt.
Maudereien aus der Kaiferstadt.
(Nachdruck verboten.)
Symphonie im Opernhause. — Das Dreimännerdenkmal am Goldfischteich. — Sohnrey's Dorsmusikanten. — Cavaretklänge Tie künstlerisch am höchsten stehenden Konzerte, die in der Reichshauptstadt geboten werden, sind die Sym- Phonie-Abende der Königlichen Kapelle unter der Leitung des genialen Felix Weingartner. Aber nur einem ganz geringen Bruchteil des millionenköpfigen Publikums ist es vergönnt, diese musikalischem Höhenabende mitgenießend zu erleben, nicht etwa der Eintrittspreise wegen; denn bas Stück Geld dafür möchte nianch em Enthusiast mit dem größten Vergnügen opfern; nein, es ist fast niemals ein Billet zu haben. Der alte Stamm
-5 Abonnenten ist so groß, daß für die Fremden und Nicht Abonnierten so gut wie nichts an Plätzen übrig bleibt. Fch> kenne eine alte Dame, der es im vorigen Winter trotz allen heißen Bemühens nicht ein einziges Mal ae- lungen ist, ein Billet zu erlangen. Es sind eben immer wieder dieselben erwartungsfrohen Gesichter, die das
und d)/ Runge alle bis auf den letzten Platz füllen, leidenschaftliche Kunstfreunde, echte Verehrer der absoluten Musik, treue Anhänger des Meisters Beethoven, der hier
ZU Worte kommt. Dazwischen die blasierten Physiognomien jener unglaublichen Leute, die überall da- ^>u müssen, wenn ihnen auch Beethoven
PirX^hn«,8 sagen hat, deren heimlichen Götze
^ollo-Theater oder Julius Einödshofer, der
Komponist des „Kleinen Köhn", zu fein pflegt. Während ?PCrpff?tCTn I)fltozen stunde heucheln sie fabelhaftes Interesse, aber nach! und nach schleicht sich! jene blöde Müdig
keit rn ihre Züge, die ihre am Schlüsse begeistert applaudierenden Hände Lügen straft. Mitten in einem zarten; Pianissimo überwältigt sie das Gähnen und nur mit dem Gedanken an Uhl, Hiller oder Dressel, wo sie nachher soupieren wollen, vermögen sie sich einigermaßen in Fassung, zu erhalten. Freilich, ist es auch eine schwere Kost, die Weingartner in seinen ersten Teilen zu bieten pflegt. So brachte er das letztemal geben List's gewaltiger Dante-Symphonie mit ihrer geradezu erschütternden Höllen-Malerei zwei Vorspiele Hans Pfützners, des immer mehr in den Vordergrund tretenden Berliner Komponisten, die für Ibsens „Fest auf Solhaug" komponiert sind und in ihrem stimmungsreichen Feingehalt die schöpferischen Kräfte dieses Talentes oft überraschend eigenartig, zu tage treten lassen. Beethoves D-Dur-Symphonie, die den zweiten Teil füllte, nimmt man in einem solchen Konzert schon als eine Art Erholung, natürlich im edelsten Sinne gemeint. Denn die Tiefe und der Gedankenreichtum seiner symphonischen Werke ist trotz aller Modernen immer noch, einzig, wenn man auch an dem Denkmal am Goldfischteich im Tiergarten, das nun erst im nächsten Frühling eingeweiht werden soll, beinah zu anderen Vorstellungen kommen könnte. Schon daß man ihn mit Heyden und Mozart zusammen auf ein S'am ent gestellt hat, will vielen nicht gerade glücklich gerecht erscheinen, nachdem sie kurz zuvor das Wagner-Monument, aus dem der Bayreuther Meister sehr bequem als Alleinherrscher thront, passiert haben. Daß aber Beetoven auf dem Dreimännerdenkmal den unglücklichsten Platz erhalten hat und fein Antlitz dem melancholischen Gewässer zukehrt, als habe man ihn an diesem versteckten Platze noch extra verstecken wollen, berührt wirklich seltsam. Ueberhaupt unsere Denkmäler! Das gäbe ein langes Kapitel mit wenig Behagen. Lassen wir die marmorne Pracht, die unter den halbentlaubten, herbstlich gefärbten Wipfeln des Tiergartens doppelt kalt erscheint, und gehn wir auf ein paar Stunden zu Kroll, ivo auf den Brettern, pie seit ein paar Jahren „Neues Königliches Theater" heißen, von eifrigen Dilettanten ein Stück Thüringer Dorsleben lebendig gemacht wird. Man spielt dort Heinrich Sohnr eh's „Dorfmusikanten", einen Trompeter von Säckingen. Geschichte, ins! Thüringisch- bäuerliche transponiert. Sohnrey, der durch seine Dorfnovellen sowohl als auch, durch seine journalistische Tätigkeit im Interesse des Bauernstandes eine ernste Beachtung verdient, zeigt in diesem Stücke nicht gerade, daß er dramatische Gestaltungskraft besitzt. Trotzdem finden die Vorstellungen, die zu einem wohltätigen Zwecke erfolgen und Protektion in hohen Kreisen genießen, ein großes und dankbares Publikum, das sich natürlich zur Hälfte schon aus den lieben Angehörigen rekrutiert, die das üntwielende Töchterlein auf der Bühne bewundern wollen. Eine Er- schemung, die bei lokalen Festspielen allerorten zu tage tritt und zum mindesten kein Unheil anrichtet! Und man kommt wahrhaftig bei diesen harmlosen Dilettantenleistungen, die durch die Siegte eines Fachmannes von der Hofoper immerhin aus einer gewissen annehmbare!: Höhe stehn, noch viel eher auf feine Rechnung, als wem: man das Unglück hat, von irgend einem großstädtischen Nachtvogel in eines jener Kabarets verschleppt zu werden, die als giftige Nachblüte Wolzogenscher Ueberkunst sich in diesem Herbste noch zahlreicher aufgetan haben, als das Jahr zuvor. Natürlich handelt es sich hier erst recht um ein Geschäft. Man bewirbt sich entweder um eilte Einladung, die zwischen 50 Pfennig und 3 Mark Entgelt „mit Wonne" zu haben ist, oder aber man zahlt vor dem verdächtigen Saal 1 Mark für Garderobe und genießt auf diese Weise „freien Eintritt". Drinnen aber bestellt inan sich auf die liebenswürdige Nötigung eines anhänglichen Ganymedes hin eine Flascne fehr mäßigen aber stolz im Preise gehaltenen Weines; denn Bier ist aus Stimmungs-' gründen — und weil der Wirt sonst Saalmiete beansprucht — streng verpönt. Alsdann ist man fertig zum Genuß, Man trtnkt den Wein gewöhnlich nicht aus, auch wenn man Hilfe dabei findet; aber trotzdem schmeckt er uns schließlich doch besser als das groteske Gemengsel voN übergeschnappter Poesie verkannter Halbgenies, brutaler Zoten perverser „Dichterinnen" und schlecht gesungener), grazieloser Chansons gesunkener Opernsterne. Der Grobgehalt schwankt. Hier und da ist man etwas manierlicher; an anderen Orten geberdet man sich dafür um fo cyni-


