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Viel zu sehr seine Wünsche erfüllt, viel mehr, als ihm gut ist", sagte sie.
„Wirklich? Armer Willy! ich bezweifle, daß er weniger haben könnte." Unwillkürlich mußte Robert daran denken, daß seine Schwester gewöhnlich den Freund unbarmherzig tyrannisierte.
„Wir werden sehen!" rief Jane lachend. „Gelt, ich darf -gehen, Robert, nicht?"
„Wenn Du so gern willst, Liebling", antwortete er. „Ich muß dann suchen, eine zeitlang ohne Dich fertig zu werden. Langsam, langsam!" setzte er lachend hinzu, als das Mädchen ihn stürmisch umarmte und mit ihren Küssen fast erstickte. „Greb nicht alle fort, mein Mädel, spare einige auch für Willy!"
Lachend, mit von Freude geröteten Wangen sprang Jane davon, um Lady Dates Zeilen zu beantworteu. Doch eine Stunde später, als Robert zum Tee heraufkam, fand er sie zu seinem Erstaunen vor dem Kamin sitzen, trübe und regungslos in das fast erloschene Feuer starrend.
„Was ist geschehen, was fehlt Dir?" fragte der junge Mann.
Jane sprang auf. „Ach, Du bist es, Robert; geschehen ist nichts; aber — aber ich denke, ich bleibe doch lieber zu Hause."
Die roten Lippen zitterten, und es klang ein Beben aus der jugendlichen Stimme, wie von verhaltenem Weinen.
„Warum, mein Liebling?"
„Ich! weiß es selbst nicht, ein eigentlicher Grund ist nicht vorhanden."
Robert legte die Hand leicht auf die Schulter seiner Schwester.
„Ist dies vielleicht der Grund?" fragte er, auf ihr schon vertragenes Merinokleid zeigend.
Traurig lächelnd entgegnete Jane: „Ich glaube, daß es in Dates-Hall sehr großartig und vornehm sein wird, ich werde schwerlich! in jene Kreise hineinpassen, und möchte meine Einfachheit nicht gern zur Schau tragen."
Den ernsten Ausdruck in ihres Bruders Gesicht gewahrend, fuhr sie hastig fort: „Ich mache mir gar nichts daraus, Robert, ich gebe den Plan auf und bleibe hier bei Dir."
Während des einfachen Mahles versuchte sie, um ihrer Aeußerung den Schein der Wahrheit zu leihen, so heiter und unbefangen wie sonst zu sein, und nur ein aufmerksamer Beobachter konnte das Gezwungene in ihrem Verhalten bemerken. Robert verließ nach dem Tee das Haus, und als er nach! längerer Abwesenheit wieder ins Wohnzimmer trat, saß Jane noch am Tisch-, nachdenklich den Kopf in die Hand gestützt.
„Jane", redete er seine Schwester an, freundlich zu ihr tretend, „sieh nicht so traurig aus! Hier, nimm diese Banknote und kaufe dafür Flies, was zur Kleidung einer Dame nötig ist. Dir nimmt das Geld die Sorge vom Herzen, und ich kann es sehr w-ohl entbehren; „Du weißt, meine Einnahmen haben sich verbessert."
„O, Robert, tote kann ich Dir diese Güte jemals genug danken!" ries das Mädchen, freudestrahlend den Bruder umarmend. Das ganze Entzücken über die fast schon aufgegebene Reise leuchtete aus ihreu Augen. Bilder zukünftiger Freude schwebten ihr vor, als sie sich bald danach auf ihr Zimmer zurückzog, um zu überlegen, wie sie am besten von dem gespendeten Gelbe ihren Kleid-ervorrat ergänzen könnte.
Nun begann eine sehr geschäftige Zett für Jane Gratton. Kaum daß sie für ihren Verlobten zu kurzem Geplauder Muße sand, so viel hatte sie zu schaffen, zu kaufen, zu nähen.
Willy Smith- war von der projektierten Reise durchaus nicht entzückt, er trennte sich sehr ungern von seiner Braut, zumal da er wußte, wie lebhaften, leichterregbaren Geistes Jane war, nur zu empfänglich für Abwechselung, Freuden und Genüsse, welche das Leben an der Seite ihres Bruders ihr so wenig bot. Er war einer jener Menschen, welche zu gutmütig und zu schwach in ihrer Liebe sino, um jemals der Geliebten einen Wunsch zu versagen. Smiths Vater war Besitzer einer großen Nadelrabrik in der Nähe von L. und Willy sein einziger Sohn uno Erbe. Da beide Verlobte noch sehr jung waren, überdies der Vater des Bräutigams, ein sehr rüstiger, tatkräftiger Mann in den besten Jahren, keines- tvegs geneigt schien, dem Sohn schon jetzt die Fabrik selbständig anzuvertrauen, stand es mit den Heiratsausfichten Noch sehr ungewiß. Jane machte dies wenig Kummer, sie
ließ sich die Aufmerksamkeiten und Freigebigkeit Willys gern gesallen, amüsierte sich mit ihm in den kleinen, geselligen Zusammenkünften, die mitunter in der Nachbarschaft stattfunden, zu welchen er sie führte, und tyrannisierte ihn auch gelegentlich, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen; sie wußte, daß auf kurzes Schmollen stets wieder die Versöhnung folgte.
Schnell genug verstrich die Zeit mit den Vorbereitungen, Einkäufen und Besorgungen, und an einem freundlichen Septembermorgen' fuhr Jane, von ihrem Bruder begleitet, zur Bahnstation. Dort stand schon Willy, sie erwartend und ziemlich- melancholisch dreinschauend. Es war nicht viel Zeit übrig, das Gepäck war kaum ausgegeben, als das Signal zur Abfahrt ertönte, und nach kurzem Abschied entführte der rollende Zug das junge Mädchen den beiden! jungen Männern, welche ihm noch lange nachblickten, als der weiße Dampf allein noch die Richtung bezeichnete, welche; er ein geschlagen.
Eine traumähnliche"Empfindung hatte sich Janes bemächtigt, und mit einem eigentümlichen, ihr sonst fremden Gefühl von Frohlocken und Wohlbefinden sah sie aus dem Fenster des Waggons in das freie, weite Land.
„Ist all dies nicht ein Traum?" fragte sie sich lächelnd. „Sind diese freundlichen Dörfer, der bunte Herbstschmuck der Bäume nicht eine Vorspiegelung meiner erregten Phantasie?" Sie kniff ihren runden Arm, zupfte und glättete die Falten ihres Kleides, befühlte und besah ihren kleinen Handkoffer, den sie vor sich auf dem leeren Sitz hatte — nein, sie träumte nicht, es war alles wahr, entzückende, glückselige Wirklichkeit!
Nach langer Fahrt, als schon die Sonne sich als prachtvoller, glutroter Ball zum Untergang neigte, erschien unseren! Reisenden b|e Gegend bekannter, besonders die Umgebung der kleinen, ländlichen Station, wo nun der Zug anhielt. Sie brauchte nicht den Namen zu hören, sie wußte, daß sie das Ziel ihrer Reise, Dates-Hall, erreichst hatte. Sie war die einzige, welche hier ernt Orte aus dem Zuge stieg. Ein Weilchen blieb sie zögernd, sich nach allen Seiten umblickend, stehen. Ta sie außer einigen Bahnbediensteten niemand gewahrte, umschritt sie das kleine, fast ganz von wildem Wein umrankte Stattonshäuschen und sah nun die breite Dorfstraße vor sich liegen. Ganz in ihrer Nähe hielt eine Equipage, der soeben ein großer elegant gekleideter Herr, mit einer gelben Rose im Knopfloch, entstieg. Als er Jane .bemerkte, trat er auf sie zu und richtete in freundlicher Weise an sie die Frage: „Habe ich die Ehre, Miß Gratton zu begrüßen? Ich bin beauftragt. Sie zu empfangen und nach! Dates-Hall zu geleiten, wo man Sie bereits erwartet. Mein Name ist Harry Dates; ich darf wohl kaum hoffen, daß Sie sich meiner noch erinnern."
„Sir Harry — in der Tat — ich hätte nicht geglaubt. Sie in England anzutreffen! Lady Dates schrieb mir, daß Sie sich!-meist tot Ausland aufhielten und —"
„Sie sind nun sehr enttäuscht, mich hier zu finden! Sprechen Sie es nur ruhig aus, Miß Gratton, als Kinder pflegten wir uns nnsere Meinungen. keineswegs vorzuenthalten."
„O, das wollte ich durchaus nicht sagen, wie könnte ich das?" wehrte Jane verwirrt diese Behauptung ab, sich vergeblich; bemühend, in der schlanken, männlichen Erscheinung ihres Begleiters den halberwachsenen Knaben Von damals zu erkennen. . , ,
Er half ihr aus der Verlegenheit, indem er sie einlud, in dem großen, bequemen Wagen Platz zu nehmen, in dem sich; ihre Koffer und ihr sonstiges Gepäck bereits befanden. Unter fröhlichem Geplauder legten sie die ganze, nicht allzu lange Fahrt durch! die herrliche Gegend zurück, lvährend die Schatten des Abends sich tiefer und tiefer auf die Felder senkten und dem Gehölz am Wege -entlang einen geheimnisvollen Reiz verliehen. ,
Bald hatten sie die alte Besitzung erreicht; ein düsteres- unregelmäßig gebautes, schloßartiges Gebäude, aus dessen Fenstern Heller Lichtschein strahlte, und durch dessen geofs- nete Haustür Jane in eine große Vorhalle blickte, deren glänzender Fußboden den Schein eines behaglichen Kamtn- feuers widerspiegelte.
Als die Angekommenen die Halle betraten und- -eben tot Begriff waren, die breite Treppe zum zweiten Stock hinauszugehen, trat ihnen die stattliche Ersch;einung der Lady Dates entgegen. Sie begrüßte und umarmte Jane aufs herzlichste und zog sie sogleich mit sich: in das nächste Gemach,


