Samstag den 14. Wovemöer.
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(Nachdruck verboten.)
Kn Mädchenschicksal. -
Frei nach dem Englischen von A. Wendt.
1. Kapitel. e
In einer der nördlichsten Grafschaften Englands', in öder, fast schauriger Gegend, wo kein Baum, keine Pflanzen das Auge erfreuen, nur nackte, steile Felsen dem Reisenden jeden Augenblick den Weg zu versperren scheinen, liegt das kleine Städtchen L. Die Bewohner, zum großen Teil Bergleute, sind einfache Menschen und führen, fern dem Getümmel, fremd den Sitten größerer Städte, ein ruhiges^ zufriedenes Dasein bei ihrer monotonen und wenig einträglichen Arbeit.
Bor kurzem hatte sich in vorerwähnter Stadt ein junger Arzt, Robert Gratton, niedergelassen; ein Manu von stillem, freundlichem Wesen, welches jeden angenehm und sympathisch berührte, der Gelegenheit hatte, mit ihm näher zu Verkehren. Er hatte sich in seiner bescheidenen Wohnung eine Art Laboratorium eingerichtet, das zu ebener Erde lag. Hier braute und destillierte er verschiedene Mixturen und Pulver, die später als Medizin für die Kranken dienen sollten, welche feine Hilfe in Anspruch nahmen. Außer den Besuchen, welche er seinen nicht zahlreichen und fast ausschließlich sehr armen Patienten abstattete, brachte er die meiste Zeit in diesem, seinem öeiligtume zu, cknd es war ihm nicht angenehm, wenn er bei feinen Versuchen und Experimenten gestört wurde.
Obgleich Jane Gratton, die einzige Schwester des jungen Arztes, dies wußte und im übrigen ein musterhaft ruhiges, gefetztes Wesen hatte, hinderte dies alles sie nicht, eines Nachmittags ziemlich geräuschvoll die Studien ihres Bruders zu unterbrechen, indem sie sehr erregt zu ihm ins Zimmer trat, einen Bries in ihrer Rechten hoch empov- haltend.
„Robert", riejf sie atemlos,‘„eine ganz besondere Neuigkeit! Ich werde sie Dir aber nicht eher mitteiten, als bis Tu errätst, um was es sich handelt."
„Da fange ich erst gar nicht an zu raten", entgegnete er lächelnd. Sein Gesicht hatte ein müdes Aussehen, als er zu feiner Schwester aufblickte. „Sage es, bitte, lieber gleich — mein Kopf schmerzt mi'ch heute, und das Nachdenken wird mir schwer."
„Lady Haies hat geschrieben", antwortete Jane schnell, „sie bittet miG einige Zeit zu ihr nach Yales-Hall zu kommen. Tu läßt mich gehen, Robert, nicht wahr?"
Ter junge Doktor zögerte und sah sie traurig sinnend an.
„O, schlage es mir nicht ab!" bat das Mädchen, ihre kleinen, zierlichen Hände auf seinen 9Irm legend und ihr liebliches Gesicht zu dem seinen erhebend. „Bitte, lieber Robert, laß mich gehen, ich will Dich auch noch tausendmal lieber haben, als es bereits der Fall ist, lieber als jeden andern auf der Welt!"
„Auch lieber als Willy?" fragte Robert lächelnd.
„Natürlich, das tue ich schon jetzt", entgegnete sie. „Nun aber lies den Brief, er ist so freundlich bittend abgefaßt."
Ter junge Mann nahm das Schreiben, und nachdem er gelesen, ließ er seine Augen noch einige Sekunden nachdenklich darauf ruhen. Lady Haies war eine vertraute.Freundin der verstorbenen Mutter der Geschwister gewesen und durch eine reiche Heirat in glänzende Lebensverhältnisse ein getreten, während der Vater der beiden als Arzt eine zwar sehr geachtete Stellung in Manchester einnahm, an irdischen Gütern aber wenig erübrigen konnte. Sein bescheidener, anspruchsloser Sinn, die Vorliebe für den ärztlichen Beruf und besonders seine opferfreudige Menschenliebe waren der Welt in seinem Sohn erhalten geblieben. Tie reiche, vornehme Lady hatte der einfachen Doktorsfrau bis zu deren Tode ihre Freundschaft treu bewahrt und für Jane eine besondere Vorliebe gefaßt; ja, sie hätte dieselbe nach dem Tode ihres Gatten am liebsten ganz zu sich genommen, da ihr einziger Sohn, Sir Harry, sich meist auf Reisen befand. Robert liebte int Grunde seines Herzens Lady Yates nicht; ihre Freundschaft hatte nach seiner Meinung stets etwas Gönnerhaftes; er erinnerte sich ihrer als einer sehr weltlich eigennützigen und vergnügungssüchtigen Dame, welche sich auf ihrer schönen Besitzung Yates-Hall meist sterblich langweilte und die Saison ausschließlich in London verlebte. Im Herbst besuchte sie gewöhnlich das Seebad Ramsgate, liebte überhaupt Die Veränderung und Zerstreuung so sehr, daß es nur erklärlich erschien, wenn sie Roberts ernstem, schlichten Wesen wenig sympathisch war. — Er wußte, daß der Einfluß der Lady aus Jane teilt günstiger sein würde, wenn diese auf längere Zeit bei ihr wäre, und dennoch war er nicht int stand?, der Schwester etwas zu verweigern, wenn diese ihn, wie eben jetzt, mit ihren großen, dunklen Augen bittend ansah.
„Tu sagst Ja, Robert, o gewiß, Du tust es, nicht wahr?" sagte sie schmeichelnd. „Ich möchte so gern gehen, ich erinnere mich der alten, schönen Besitzung so gut, trotzdem ich noch ein Kind war, als ich das letztemal nach Yates-Hall geschickt wurde. Ich will auch immer gut zu Dir sein, wenn ich zurückkomme; ja, ich will auch nie mehr mit Willy schmollen."
„Was wird aber Willy sagen?" warf der junge Doktor bedenklich ein.
„Aber Bester, wenn Du es erlaubst, kann er doch nichts dagegen haben!"
„Meinst Du? Wäre ich mit so einem kleinen, leichtfertigen Mädchen verlobt, ich würde es nicht gern scheu, wenn es fortginge."
„O, Willy ist nicht böse darüber!"
„In diesem Punkt bin ich denn doch nicht ganz sicher", sagte Robert, „er ist zwar ein ziemlich! phlegmatischer Ndensch, aber —"
Jane verzog den Mund und bewegte den breiten, goldenen Ring an ihrem Finger. „Mir scheint, Willy bekommt


