Ausgabe 
14.10.1903
 
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fchmacr Darauf Yin, nicht nur in Dem lediglich Neuen die wahre Eleganz zu erblicken, sondern ebenso in der indivi­duellen Gestaltung der neuen Formen. Dies ist auch der beste Weg, sich von der Tyrannei der Mode möglichst frei zu machen, denn was nicht ausgesprochen neueste Mode gewesen ist, kann auch nicht so ohne weiteres unmodern werden. Uebrigens kommt die Mode selbst diesem Streben auch insofern entgegen, als sie, indem sie vieles bringt, jedem etwas bietet. Dabei kann man beobachten, daß es immer nur bestimmte Grundformen sind, die in der ver­schiedensten Weise durch Farbenzusammenstellung, Stoff­wahl und Ausputz variiert werden. Betrachten wir z. B. die modernen Taillen: die leichte schmiegsame Blusensorm ist hier immer noch Trumps, doch hat dieselbe für den kom­menden Winter ganz bestimmte Formen angenommen, welche zum großen Teil von der Wahl des Stoffes ab­hängig sind. So werden z. B. ganz leichte Stoffe, wie man sie für Gesellschaftskleider verwendet, wie Chiffon, Crepe de Chine und dergleichen, zumeist in dichte Reih- falteit oder in hochstehende gebrannte Plissees geordnet. Die folgerichtige Ergänzung hierzu ist dann fast ausnahms­los die Passe, welche in diesem Winter nicht nur bis zum Armloch reicht, sondern mit über die Armkugel greift. Diese höchst kleidsame Form erfordert allerdings einen sehr guten Schnitt, was wohl auch der Grund dafür sein mag, daß man sie oft imitiert vorfindet, indem die Passe nur auf

die Taillengrundsorm aufgesetzt wird, wählend der Aermel, wie gewöhnlich, eingefügt ist und nur an der Armkugel gleich der übergreifenden Achfelpasse besetzt ist. Diese Achsel­passe tritt natürlich in den verschiedensten Variationen auf,: welche teils in der Form selbst, teils tu der verschieden­artigen Ausstattung bestehen. So kann die Achselpasse z. Bi nicht nur einfach! rund, sondern auch in spitzer Form ge­halten sein, wie sie unser Modell Nr. 284 veranschaulicht!. In diesem Falle besteht die Achselpasse aus Spitzenstoss! und ist der Ansatz durch einen Randbesatz gedeckt, welcher in der vorderen Mitte unter einer vollen Schleife endet. Eine andere, für diesen Winter sehr beliebte Ausstattung der Achselpassen besteht in der abwechselnden Zusammen­stellung von schmalem Spitzeneinsatz mit eingereihten Stoff­streifen, wozu natürlich nur leichte und duftige Stoffe ver­wendet werden können. Diese Form eignet sich aber nur für die runde Achfelpasse. Will man diese Achselpassen auch für schwerere Stoffe verwenden, so läßt mau sie einfach glatt und besetzt sie längs der Rundung mit Borten, Posa­mentenbesätzen oder dergleichen. Eine andere charakte­ristische Form für den kommenden Winter ist die vorn und hinten überhängende Blusenforin mit breitem, miederartigen Faltengürtel. Diese Blusensorm kann insofern variiert wer­den, als sie entweder eingereiht oder in schmälere oder breitere Falten abgesteppt wird. Auch die übrige Aus­stattung kann äußerst verschiedenartig gehalten sein, denn!

Modell No. 284. Modell No. 271.

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Modell No. 292.

sie wird meistens mit einem schmalen Einsatz und kragen- artiger Schultergarnitur versehen, was schon an sich die verschiedenartigste Variation in Bezug auf Stoff, Farbe und Ausstattung zuläßt. Siehe Modelt Nr. 292. Aehnlich wie die Blusen wirken die modernen Faltenjäckchen, denn auch sie werden meist mit einem breiten Faltengürtel ge­arbeitet, über den die Aalten des Jäckchens nicht zu lang herabhängen dürfen. Diese Faltenjäckchen haben gegenüber der überhängenden Bluse den Vorteil, daß sie auch für stärkere und weniger schlanke Figuren kleidsam sind. Die übrige Ausstattung dieser Faltenjäckchen besteht entweder in einem Arrangement von hängenden Posamenten in der vorderen Mitte oder in einem jener so ungemein beliebtes modernen Spitzenkragen. Diese Jäckchenformen sind aller­dings nur in mittelstarken Stoffen ausführbar, während man für starke Stoffe wieder andere Jäckchen erfunden hat. Dieselben sind im Gegensatz zur allgemeinen Mode meist ganz glatt gehalten. Ihre charakteristische Neuheit besteht darin, daß sie nicht wie früher mit einem Umlegekragen oder breitem Schulterkragen ausgestattet sind, sondern mit einem in der vorderen Mitte schießenden Stehkragen. Da­durch verändert sich vor allem die Form des vorderen Ein­satzes, welcher nur als ganz schmaler oben spitz verlausen­der Streifen sichtbar wird. Diese Jäckchen werden selbst­verständlich ebenfalls durch einen hohen Faltengürtel er­gänzt, wie es auch unser beigefügtes Modell Nr. 271 ver­anschaulicht. Dem ganzen Charakter dieses Jäckchens ent­

sprechend ist auch der Aermel ziemlich glatt gehalten und zeigt entweder Melouenform oder die einfache nach unten weiter werdende Fa?on. Für die anderen Taillen- und Blusenformen ist der Aermel auch stark von der Mode beeinflußt worden. Derselbe hat zumeist eine reichliche Weite, welche jedoch an der Achselkugel vollständig ver­schwinden muß, um die natürliche Form der Schulter nicht zu beeinflussen. Zu diesem Zwecke wird der Aermel an der Achsel meist ganz glatt besetzt, wenn er nicht, wie anfangs beschrieben, im Zusammenhang mit einer über die Achsel greifenden Passe gearbeitet wird. , ,,

Allgemein willkommen wird die untere hohe Manschette des Aermels sein, welche eine freiere Bewegung des Armes gestattet, ohne daß der Aermel so leicht tote bisher be­schmutzt wird. _

Zum Schluß noch einige Worte über die modernen Röcke. Hier gibt es zwar eine Menge Neuheiten, die aber bis jetzt alle noch wenig Anklang beim Publikum gefunden haben, denn die am meisten gesehene Rockform ist immer noch die einfache Schnittform mit geschweiften Nähten, aber in reicher Ausstattung, wie z. B. mit Blenden-, Borten- und 'Pos am en tenb e tz e n, Steppereien und dergleichen. Ats Neuheiten dagegen werden Hüftpassenröcke, Faltenrocke, Röcke mit eingerethten oder in Falten geordneten Volants und hauptsächlich eingereihte Röcke empfohlen. Inwieweit dieselben Anklang beim Publikum finden werden, muß uns jedoch erst die Zukunft lehren.

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und B erlag der Brütl'schen UniversttKts-Buch« und Steindruckcrei. R. Lange. Gießen.