Ausgabe 
14.10.1903
 
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an zunehm en und die Abwesenden zu verteidigen Züge, die man in jedem Rang und Stand so selten bei dem weib­lichen Geschlecht antrifft, und die doch wahrlich für die höhere Bildung des Weibes wichtiger sind als Keramik und Sanskrit.

Guenn hatte ihr Leben lang etwas zu schützen und zu pflegen gehabt, ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war, ein krankes oder gequältes Tier, das sie in der zer­lumpten Schürze nach Hause trug. Seit ihrem sechsten Jahr hatte man sie in Plouvenec so gesehen, und das zornige kleine rosige Ding wußte dabei tapfer die geballte Fanst gegen die sie verfolgenden bösen Buben zu brauchen. Später sorgte sie wie ein ängstliches Mütterchen für Nannte, der noch jetzt, obgleich er so klug geworden, seiner Lahm­heit halber ihre Pflege nicht entbehren konnte. Auch Jeanne stand unter ihrer Obhut; sie selbst plagte sie zwar zu Zeiten aufs unverantwortlichste, aber wehe demjenigen, der es außer ihr gewagt haben würde, Jeanne zu nahe zu treten! Kurzum, Guenn liebteihre Leute", und be­schützte alle, die ihrer Hilfe bedurften.

Und nun widmete sie ihre liebe Fürsorge, diesen mächtigsten aller Triebe, Humors Bilde, Hamors Inter­essen, und vor allem Hamor selbst. Sie brachte sein Atelier in Ordnung, stellte Blumen in seine Vase, wusch seine Pinsel, und als sie ihn eines Tages schlafend'fand, legte sie sorglich einen Shawl über seine Kniee, wofür sie nur ein rauhes:Nimm die Decke weg, ich lasse mich nicht verhätscheln!" als Dank erhielt. Solche Kleinigkeiten konn­ten sie jetzt nicht mebr berühren. Selbst wenn Monsieur Hamor Jeanne auf die Wange klopfte, fühlte sie keine Eifersucht mehr. Jeanne war ja ein Kind und stand nicht in so ernstem Bündnis mit Monsieur wie sie selbst. Sogar Staunton entging die Veränderung im Aeußern und Innern des Mädchens nicht, obgleich er gerade in eine neue, große Strandlandschaft vertieft war und zudem sterblich ver­liebt in eine junge Dänin drüben in Nevin. Trotz eigener Arbeit, Hoffnung und Liebeslust ließ er eines Tages, als Guenn freundlich grüßend an ihm vorüberschritt, die Bemerkung fallen:Das hübsche Kind wird ja alle Tage größer und schöner!"

Unterdessen hatte sich in Guenns Kopf eine andere Idee festgesetzt; ihr kam plötzlich die unbestimmte Empfind­ung, als fehlten ihr verschiedene äußere Zutaten um Hamors ganzen Beifall zu erringen. Bisher hatte sie sich ihrem Anzug gegenüber vollständig gleichgiltig verhalten. Wenn nur die Coiffe in fleckenloser, schneeiger Weiße schimmerte, ob dann die übrige Kleidung abgetragen und schadhaft erschien, das machte den braven, bretagnischen Mädchen wenig Kummer. Sie tanzten lustig an Markt- und Festtagen, ohne auch nur einen Gedanken an diese Mängel zu verschwenden. Guenn sah freilich auch die reichen Bauerntöchter aus Quimper und Nevin in den alten Sckb erstickereien, den breiten bretonischen Spitzen an den Hauben und den funkelnagelneuen Wollröcken, aber sie bemerkte zu gleicher Zeit, was ja jeder sehen mußte, der Augen im Kopfe hatte, daß sie selbst stets von den besten Tänzern und den bravsten Schiffern umdrängt war. Die Martosen des Herrn Kommandanten, Leute, die mit allen hübschen Mädchen in den großen Hafenstädten der ganzen Welt getanzt hatten, Wetterhafte Männer, auf deren blauen Kappen mit den lustig flatternden BändernMerle" in wechen Buchstaben stand sie alle würdigten die schwer­fälligen, aufgetakelten Mädchen von Quimper keines Blickes, sondern trachteten nur mit gierigem Verlangen ein Lächeln oder em launiges Wort von der kleinen reizenden Schönen zu erhaschen, die sich mit so sorgloser Anmut in den endlos verschlungenen Jrrgängen der Gavotte bewegte. Wer achtete wohl auf ihre Flicken oder ihre verschossene Kleidung?

So hatte denn Guenn bisher weder Tand noch Mode- tram bedurft. Jetzt aber ging all ihr Dichten und Trachten danach. Monsieur sprach immer so viel von Farben und vPFPr' da lag es doch auf der Hand, daß sie ihm eine viel beßere Hilfe bei seinem großen Werk sein konnte, wenn sre ein neues, farbiges Kleid von gutem Schnitt und ein paar bunte Bänder obendrein besäße.

Eines Tages fand sie Hamor vor dem Spiegel in der ' » des Ateliers in ernster Betrachtung ihres Bildes ver- lunken. Er beobachtete sie lächelnd und dachte:Die Weiber ind doch alle gleich!" eine Lieblingsbehauptung sehr jugendlicher Männer, die sich! auf ihre Menschenkenntnis

etwas zu Gute tun. Er wurde jedoch einigermaßen irre an seiner Weisheit, als sie ihm ohne die geringste Verlegen­heit freundlich zulächelte und ruhig in ihrer Prüftmg fort­fahrend, bemerkte:Ich möchte doch gern herausbekommen, was Ihnen an meinem Gesicht so gut gefällt was kann es nur sein? Wissen Sie" sie brach in ein lustiges Lachen ausich sehe nur Guenn Rodellec und nichts werter!" Daber blickte sie forschend in ihre großen, blauen Augen und ordnete die weiße Coiffe, ohne eine Spur von Eitelkeit.

Trotzdem war ihres Herzens sehnlichster Wunsch -auf neue Kleider gerichtet. Das Guadenfest zu Revin rückte näher, dort versammelte sich alle Welt, und Hamor würde sre tanzen sehen. Dies war zwar schon der Fall gewesen, ab und zu bei kleineren Anlässen, aber noch nie als glück- lrche.Bewerberin bei dem großen Preistanz, wo die jungen Mädchen aus sieben Ortschaften um den Sieg rangen Guenn kannte ihre Kräfte; häufig hatte sie das Feld groß­mütig den anderen überlassen, aber diesmal wollte sie sich in ihrem Glanze zeigen urrd die Preise gewinnen, welche für die beste und ausdauerndste Tänzerin bestimmt waren. Er sollte staunen! Im Hinblick darauf begann sie auch, arglos berechnet, ihrem vernachlässigten Liebhaber Alain wieder einige Beachtung zu schenken. Er war von jeher ihr Lester Tänzer gewesen, und sie hatte ihn jetzt seit Wochen aufs grausamste übersehen.

Für ein Plouvenecer Dorfmädchen war es keine leichte Sache, sich ein neues Gewand zu verschaffen, da die Eltern jeden Pfennig des regelmäßigen Verdienstes beanspruchten. Nur hier und da gab es einen extra Franken für Botengänge und andere kleine Nebendienste, der sie auf kurze Zeit reich machte.

Hamor und Staunton hatten schon mehr als einmal mit Rührung und- Verwunderung beobachtet, wie Guenn und Jeanne für ihre paar überschüssigen Sous von einem Gärtner Herbstblumen erstanden, mit denen sie spielten und sich ver­gnügten, als hätten sie ein Anrecht nicht nur auf die Not­durft, sondern auch auf den Schmuck des Lebens.Man sollte es wirklich kaum glauben", sagte Hamor entzückt, als er von seinem Fenster aus die beiden Mädchen mit ihren Blumenschätzen im Hofe sitzen sah,wer so etwas in einer Beschreibung der Bretagne zu lesen bekäme, würde es jeden­falls für erfunden halten."

Die armen Dinger, ihnen scheint's ganz natürlich!" bemerkte Staunton gutmütig.

Guenn hatte also offenbar keine Sparpfennige zur Ber- fügung und keinen Anspruch auf ihren Verdienst. Sie mußte auf andere Mittel sinnen, sich das erforderliche Geld zu verschaffen, wollte sie ihre Pläne für das Reviner Gnaden­fest zur Ausführung bringen. Es war ja nicht nur das neue Kleid, das sie ersehnte einmal angeregt, verflieg sich ihr Ehrgeiz noch weiter bis zu einem Kopfputz mit breiten, schönen Spitzen die Monsieur sicher gefallen würden und zu einem neuen Brusttuch. Und noch eins war der Gegenstand ihres heißen Verlangens ein Etlvas, dessen Besitz den schroffen Gegensatz aufheben mußte, der zwischen ihrem Leben und dem ihres Abgottes bestand, und den sie trotz aller Glückseligkeit mit jedem Tage klarer zu sehen begann, es war ein Stückchen weiße, wohl­riechende Seife.

(Fortsetzung folgt.)

Gin Haunnsspaziergang.

Frankfurt a. M, im Sept.

Einen der schönen Spätsommertage benutzten wir, um eine Partie in den Taunus zu unternehmen, die das An­genehme mit dem Nützlichen verbinden sollte. Wir wollten uns wieder einmal an der herrlichen Natur erfreuen und erfrischen und zugleich die beiden, diesen Sommer eröff­neten Anstalten: das Lehrerinnenheim auf Hohemark und das Kinderheim bei Schönberg besichtigen.

Mit dem Schnellzug erreicht man in 20 Minuten Ob erurs el, Station der Frankfurt-Homburger Bahn, das aufblühende Städtchen, das am Fuße des Taunus gelegen, sich zu einer wahren Villenvorstadt Frankfurts herauswächst. Weniger bekannt als Cronberg i. T., das mit dem Witwen­sitze der unvergeßlichen Kaiserin Friedrich, Schloß Fried- richshof, einen Weltruf erlangt hat, das eine berühmte Künstlerkolonie besitzt, und wohin die Frankfurter Millio­näre mit Vorliebe ihre fchloßartigen Billen bauen, bietet

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