Ausgabe 
14.10.1903
 
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1903.

Witlivoch den 14. Hktoöer.

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(Nachdruck verboten.)

Das WemWeil m der Bretagne.

-Von B. W. Howard.

(Fortsetzung.)

Diese Kohlenzeichnung wird Sie kaum interessieren", sagte Hamor zuversichtlich;wir wollen lieber die Farben- skizze vornehmen. Posez Guenn mit dem Wasserkrug."

Sogleich", erwiderte Guenn mit fröhlicher Bereit­willigkeit.^

Kopf links, rechten Fuß vor, die linke Schulter etwas herunter!"

Kanu ich ertragen, das mit anzusehen?" seufzte der Priester innerlich.

Die Skizze ist beinahe vollendet", erklärte Hamor freundlich;aufrichtig gesagt", setzte er lachend hinzu, habe ich schon bessere Bilder gemalt, was das Technische betrifft, aber Guenn sieht in dieser Stellung ganz be­sonders hübsch aus, cknd die meisten Leute fragen ja nach nichts anderem."

Großer Gott!" dachte der schweigsame Priester,ist es dahin gekommen! Ein freies, bretagnisches Mädchen, die sich dazu hergibt! Ist das die kühne, furchtlose Guenn Nodellec gefangen, gezähmt, abgerichtet dem Wunsch und Willen eines fremden Mannes gehorsam!" Thymert versagte der Atem, er zog krampfhaft an seiner Soutane, ihm war, als müsse ihm die B-rivst vor bitterem Weh zerspringen. Guenn fühlte sich stolz und glücklich bei rhrem Tun, bas ließ sich nicht verkennen, ihre ganze Seele war willenlos hingegeben unter des Malers sorg­loser Hand. Ein wildes Verlangen ergriff ihn, weit hinaus- zusegeln mit seinem Boote, hinaus in die zornige, stürmische See.

Ich muß fort", stieß er hastig hervor.Ich habe- toetttg Zeit."

Aber wir haben ja noch gar nichts ausgemacht", klagte Guenn mit einem bedauernden Blick auf Hamor.

Das hat keine Eile," sagte der Maler höflich,wenn monsieur le recteur heute zu-cheschäftigt ist. Wir wollten nämlich für ein paar Tage um Gastfreundschaft auf den Lanmons bitten. Das Vorurteil der Welt, monsieur le recteur macht auch uns Künstlern das Leben schwer. Man läßt uns nicht ruhig gewähre,! - sogar in der kleinen Welt von Plouvenec nicht", setzte er lachend hinzu.Da ich Sre, aber als großen Geist kennen gelernt habe, werde M e Not nicht zögern, Ihre Hilfe für meine künstlerischen Plane rn Anspruch zu nehmen."

»Sehr wohl, Monsieur, sehr wohl", versetzte Thymert, srch steif vernergend; er fühlte sich durchaus nicht aufgelegt, der Kunst blindlings zu dienen, und ahnte nicht im ent­ferntesten, was Monsieur Hamor eigentliche von ihm wolle.

Guenns schmeichelnde Stimme machte ihm jedoch bald klar,- um was es sich handelte.

Sehen Sie, monsieur le eure", begann sie glühend vor Eifer,es ist unser großes Mld. Ich stehe in dem Fähr­boot; Monsieur sagt, ich sei so hübsch mit dem großen Ruder. Aber natürlich würden alle Buben kommen, um mich anzusehen und uns bei der Arbeit stören. Deshalb möchten wir zu Ihnen herüber kommen, wo sich niemand darum kümmert, was wir tun. Es war meine Idee, ich sagte Monsieur Hamor gleich, daß Sie uns beistehen wür­den. Es trifft sich glücklich, daß Sie heute gekommen sind, denn wir haben nicht viel Zeit zu verlieren. Das Wetter ist gerade jetzt noch günstig und die Beleuchtung ist gut", erklärte sie voll neuerworbener Weisheit;das Biw ist für ,Salon' bestimmt", fügte sie noch mit ehrfurchtsvoller Scheu im Flüsterton hinzu.

Mas kümmerte sich Thymert um Beleuchtung, Malerei und Kunstausstellung doch den, innigen Verlangen, das aus Guenns Worten sprach, konnte er nicht widerstehen. Kind, liebes Kind", rief er aus, alles um sich her ver­gessend;fordere von mir, was Du willst, Thymert und die Lannions sind immer bereit, Dich zu empfangen, wenn Du ihrer bedarfst."

Er reichte Hamor flüchtig die Hand und schritt bereits' im nächsten Augenblick über den Hof. Das Fratzengesicht hinter ihm lachte lange und unhörbar.

14. Kapitel.

Du bist schön, Guenn, bleibe schön für mich", diü Worte wirkten wie ein Zauber auf das junge Mädchen. Sie schien mit jedem Tage liebreizender zu werden. Eine Flut neuer Gedanken, das innere Glück, das ihr Hamors ständige Gegenwart bereitete, das stolze, beseligende Ge­fühl, daß er ihrer bedurfte, ihr eifriges Streben, allen seinen Wünschen gerecht zu werden durchgeistigte ihr ganzes Wesen wie nie zuvor. Keine glückliche Braut, seng im Bewußtsein von ihm, dem Herrlichsten von allen, aus­erkoren zu sein, konnte sich sicherer, wonnetrunkener fühlen, als Guenn in diesen schönen Tagen. Kein tapferer junger bretagnischer Edelmann, der an der Spitze der Chouans zwischen den mächtigen Granitmauern seiner eigenen blühen­den Besitztümer gegen die Republikaner marschierte, hatte je von reinerer Hingabe für seine heilige Sache geglüht, als dieses feurige, treue Herz für das, was es als seinen hohen Beruf empfand. Sie gab ihr Herz dem neuen Ge­fühle hin, wie sich die Rose deni warmen Strahl der Sommersonne erschließt, alle weiblichen Triebe in ihr er­wachten, die kleinen Rauheiten und Schroffheiten ihres Wesens verschwanden und nur selten noch zeigte sich der alte trotzige Zug um ihre jungen Lippen. Dabef verlor sie nichts von ihrer Eigenart, die sie so vorteilhaft vor den andern Mädchen auszeichnete sie bewahrte ihren Abscheu vor jeder Falschheit und Hinterlist, ihre Gerechtig- keitsliebe, die sie trieb, sich der Schwachen und Wehrlosen