Ausgabe 
14.9.1903
 
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Entsetzen, hütete sich aber wohlweislich, merken zu lassen, daß Marie Brenn in irgend etwas besser unterrichtet ser, als sie selbst.

Tas weiß ja jedes Kind!" sagte sie hochmütig, ihre Gegnerin mit den Blicken messend,Du und Deine Groß­mutter, ihr werdet am Ende gar noch eine Abcschule für uns errichten? Du bist aber ein viel schlechteres Geschöpf, denn Tu sagst den Leuten hinter ihrem Rücken alles mög- liche Böse nach und schämst Dich nicht einmal, einem toten Mädchen noch im Grabe nachzulästern. Es war schon schlimm genug für die unglückliche Yvonne, sich zu er­tränken ; nun sitzt obendrein ihre arme Seele jede Nacyt auf der Woge, die an hie Klippen schlägt!"

Bei diesen Worten bekreuzten sich Guenn und dre übrigen Frauen mit einem scheuen Blick auf die hochragen­den Klippen. Selbst Marie wagte nur noch den schüchternen Einwurf:Aber Du stehst ja selber niemals Modell, Guenn Rodellec!"

Nein, weil ich nicht mag", gab Guenn trotzig zu.

Aber sie wollen Dich alle haben", rief Jeanne ecsrcg. Mr. Staunton, Mr. Douglas, die französischen Maler und die anderen alle. Aber Du willst ja nicht kommen!"

Guenn warf ihren hübschen Kohf zurück:Ich möchte wissen, warum ich mich acht langweilige Stunden mit einem Wasserkrug hinstellen sollte, ich würde höchstens den Krug nach dem Dummkopf werfen und davonlaufen! Wie oft habe ich zugesehen, wie Jeanne Mr. Douglas gestanden hat, so" sie ahmte Mr. Douglas' Haltung und gebrochenes Französisch täuschend nach:

Zieh Deinen Fuß etwas zurück, Jeanne, atme ruhiger, Kops rechts, Augen links; so ist's recht, nun wollen wir anfangen und so geht's den ganzen aTg. Glaubt ihr, daß ich das aushielte? Bin ich denn ein Stock, ein Stein oder ein dressierter Pudel? Gieb Pfötchen, Guenn, mach fchön, Guenn! Nein, nein und tausendmal nein." Und mit einer unnachahmlich übermütigen Geberde warf sie die Arme in die Luft, im Vollgenuß ihrer herrlichen Freiheit. Fröh­lich ihre Arbeit wieder aufnehmend, sang sie dazu mit Heller, munterer Stimme:Ah mon dien, que la Vie est amöre!"

Alle lachten, nur Mutter Nives bemerkte in verweisen­dem Tone:Guenn ist freilich jetzt ausgelassen genug, aber wer weiß, ob der junge Mann, der sie neulich mit ihrem offenen Haar sah, sie nicht doch zum Modellstehen bringt. Sainte Anne d'Auray! Wie sah das Mädel aus, als der Herr Maler sie betrachtete."

(Fortsetzung folgt.)

Die Unfälle in den Alpen.

Tie stetig zunehmende Zahl der schweren Unfälle in den Alpen veranlaßt einen erfahrenen Alpinisten, ihre Ursachen im Pariser Newyork-Herald eingehend darzustellen. Tas Bergsteigen, schreibt er, gehört zu den gesundesten und fesselndsten Sports und wird deshalb ständig neue Rekruten finden. Während aber die Alpinisten früher sich sorgfältig trainierten, ehe sie einen Aufstieg machten, wimmelt es jetzt an .den Hauptplätzen für Bergtouren von abenteuerlichen Touristen, welche die Fundamentalgrund­sätze des Albinismus nicht kennen und in die Schweiz reisen, um oie schwierigsten Gipfel in einer beschränkten Zeit zu ersteigen undRekords zu brechen". IM Ver­hältnis zur Zahl seiner Anhänger fordert das Bergsteigen wenig Opfer, und wenn die Unfälle in den Alpen sich in den letzten Jahren mehrten, so ist das eine Folge der absichtlicken Vernachlässigung der gewöhnlichen Vorsichts­maßregeln oder die unbewußte Verletzung der feststehenden Regeln. Tie folgende Statistik des Schweizer Alpenklubs über tödliche Unglücksfälle in den Bergen zeigt eine be­unruhigende Zunahme der jährlichen Anzahl der Opfer. Tie Zahlen für die Jahre 1895 bis 1901 sind: 19, 24, 34, 37, 47, 48, 63. In den Schweizer Alpen verloren also in dieser Zeit 276 Personen ihr Leben. Nach einer Londoner Zeitung sollen im vorigen Jahre bereits 119 Unfälle in den Bergen vorgekommen fein. Ta die Unfälle ohne töd­lichen Ausgang in der Liste nicht enthalten sind, 'ist es wohl keine Uebertreibung, wenn man sagt, daß in den letzten zehn Jahren in den Schweizer Alpen allein 500 Personen getötet und verletzt wurden.

Tie Mehrzahl der Unfälle sind zwar die Folge der Zusammenwirkung mehrerer Faktoren, aber in der Haupt­sache kann man vermeidliche und unvermeidliche Ursachen

der Unfälle anführen. Vermeidliche Ursachen sind: Aus­gleiten (auf Eis, Schnee oder Felsen), Unfähigkeit, Mangel an Trainierung, Steigen ohne Führer, Steigen bei schlech­tem, ungewissen Wetter, schlechte Führung, die gewöhnlich verantwortlich ist für Unfälle infolge von Erfrieren, fallen­den Lawinen und Firnblöcken. Unvermeidliche Ursachen sind fallende Steine und plötzliches Unwetter. Tas Aus­gleiten ist sehr leicht zu vermeiden, wenn der Neuling sich daran gewöhnt, einen Fuß fest auf den Boden zu stellen, ehe er den anderen hochhebt und auf die Stelle zu achten, auf welcher der Fuß ruhen soll. Man lernt das am besten, wenn man beobachtet, wie ein guter Führerseine Füße' setzt". Dann versuche man nie eine Besteigung, wenn man fühlt, daß sie über die Körperkräfte geht, oder daß man zur Zeit körperlich unfähig ist; denn auch der beste Alpinist hat seine schlechten Tage. Durch tollkühne Versuche ge­fährdet der Anfänger sein und seiner Gefährten Leben. Vor zwei Jahren hatte ein junger Mann aus Manchester, der nie vorher eine Bergbesteigung unternommen hatte, gewettet, er würde den Montblanc in einer bestimmten Zeit besteigen. Er war wunderbarerweise bis zu dem Grands Mulets gekommen, war aber völlig erschöpft, und eine gerade zurückkehrende Gesellschaft von Alpinisten und Führern brachte ihn dann auf einer Bahre nach Cha- mounix herunter. Solche Fälle, oft mit tödlichen: Aus­gang, sind durchaus nicht selten. Man kann während der Saison tollkühne junge Männer nnd Mädchen inchikem" Alpenkostüm treffen, die ihreZeiten" für verschiedene Aufstiege vergleichen. So sagte eine hübsche Amerikanerin einst zu einem Steife ihrer Bewunderer:Wenn ich bei einem Unfall getötet werde, will ichchic" aussehen, wenn man mich ins Hotel trägt."

Bekanntlich sind Juli, August und September die üblichen Monate zum Bergsteigen, aber da in allen dreien das Wetter nicht immer zuverlässig ist, bleibt im Durch­schnitt nur etwa ein Monat während des Sommers. Das Bergsteigen erfordert nicht nur schönes Wetter an: Tage des Aufbruchs, sondern schon einige Tage vorher, denn der Regen in den Tälern bedeutet Schnee auf den Bergen, und ein Wind unten kann sich höher oben zum Föhn ent­wickeln. Manchmal jedoch ist früher Morgennebel oder selbst Sprühregen im Tale lokaler Natur und kann einem schönen Tag vorangehen. Dann kann die Besteigung unter­nommen werden, muß aber, falls das schlechte Wetter fortdauert, aufgegeben werden. Nach heftigem Schneefall kommen die Lawinen von allen Richtungen herunter, und Berge, die wegen ihrer Lawinen berüchtigt sind, dürfen nur bestiegen werden, wenn das Wetter mehrere Tage hintereinander gut war. Wenn man von einer Lawine über­rascht wird, kann man sich nur retten, indem man an der Oberfläche der rutschenden Schneemasse bleibt, was man durch Schwimmbewegungen der Hände erreicht. Auch die Gefahren des Erfrierens oder sich im Nebel zu ver­lieren, sind eine Folge der Besteigungen bei schlechten: Wetter.

Tie Frage, ob man mit oder ohne Führer gehen soll, soll hier nicht erörtert werden. Für Anfänger aber ist eine berufsmäßige Hilfe unerläßlich.Ein Viertel der Unglücksfälle zwischen 1882 und 1892 sind gekommen, weil mehr oder weniger unerfahrene Bergsteiger ohne Führer gegangen sind", schreibt das alpine Journal, und ein Schweizer Statistiker sagt, daß 45 Prozent der Unfälle in den letzten acht Jahren diesem Umstände zuzuschreiben sind. Ter Anfänger sollte nicht vergessen, daß die Kunst des Bergsteigens von Leuten gelernt werden muß, die es erst zur Kunst gemacht haben. Einige der erfahrensten Alpi­nisten haben ihr Leben dadurch verloren, daß sie durch vor­springende Schneeleisten gefallen sind, die durch die Tätig­keit des Windes verursacht sind. Wenn man im Zweifel ist, ob irgendwo eine solche vorspringende Leiste ist, n:acht man am besten einen Umweg, da man nie- ihre Trag­fähigkeit kennt. Bei Südwind ist die Gefahr größer, auch nachnüttags ist sie größer als vormittags. Man vermeide es auch möglichst, unter einem Firnblock durchzugehen; nötigenfalls laufe man hindurch. Die großen Lawinen, die Wälder und ganze Dörfer begraben, findet mau im Sommer niemals. Gewöhnlich findet man auf dem harten Eis eine Schneeschicht, die, wenn sie sich mit der darunter­liegenden Eisschicht nicht verbindet, durch die leichteste Be­rührung ins Gleiten kommt und eine darauf befindliche Gesellschaft von Bergsteigern mit sich reißt. Wenn der