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An diesem Spätseptembermorgen waren die Fischer- boote alle weit draußen hinter den Lannois „au large", wie die Fischer zu sagen pflegten. Die warme Sonne suchte die frische Herbstluft zu erwärmen und sandte ihre Strahlen auf ganze Strecken purpurroter Heide uud blühenden Ginsters, auf wogende Buchweizenfelder, auf die granitenen Felsen, die reich mit Moos, Farnkräutern, Epheu und wildem Wein bewachsen waren und die alten Eichstämme auf der Mauer, die ihrer Kronen und kräftigen Aeste beraubt, doch ihr spärliches Laubwerk gen Himmel streckten. Uno der Sonnenschein fand auch den Weg in Guenn Ro- dellecs düsteres, seltsames, kleines Bretagner Heim, aus uralten, dunklen Felsblöckeu errichtet. Ein einziges schmales Fensterchen ließ nur spärliche Strahlen des goldenen Him- melslrchtes eindringen, sodaß nian den Lehmboden, den geräumigen Herd, unb fast verborgen in der Ecke die große, ehrwürdige Walnußbettstatt mit ihren hochaufgetürmten Betten entdecken konnte, in der Hervs Rodellec soeben seinen Rausch ausschlief. — In der einen Ecke sah man einen alten eichenen Schrank mit silbernen Beschlägen rind Verzierungen, in der anderen stand- der schwere Eichentisch Mit einer Bank auf jeder Seite. Auch neben dem Bett befaiid fta) die rn jedem Hause der Bretagiie übliche Bank, mit der ein so wesentlicher Teil der einfachen Vorgänge des Bretagner Familienlebens verknüpft ist. Die Gediegenheit dieser wenigen schweren Holzgerätschaften mit den einfachen aber- guten Schnitzereien stach auffällig von der sonstigen ärm-' lichen Einrichtung des ungastlichen Raumes ab. So öde das Haus aber auch war, doch boten seine dicken, festen Mauern mit den winzigen Gucklöchern, Schutz gegen jeden Feind von außen, gegen Hitze, Kälte oder menschlichen Angriff. In demselben Land, in dem einst Druidenpriester dem Sonnengott opferten, wurden später zur Zeit der Seigneurs die Abgaben der Bauern nach der Zahl und Größe ihrer Fenster bemessen — eine rechte Ironie des Schicksals.
. Nachdem Guenn an diesem Morgen einen kleinen Topf piit Grütze näher ans Feuer geschobeu, beendete sie ihren Anzug durch Anlegen ihres verschossenen roten Halstuchs, ihrer blauen Schürze und der schneeigen Kopfbinde mit dem Unterbau von kleinen Mützchen, zwischen welche sie geschickt dre Flechten ihres reichen Haares zu verteilen wußte, ohne jede Hilfe einer Haarnadel oder des Spiegels, die Guenn weder besaß noch brauchte. Den Refrain eines leichtfertigen, verliebten Liedchens trällernd, dessen Bedeutung sie ebenso wenig kümmerte als die Trunkenheit ihres Vaters, nahm sie ihren Korb mit Wäsche auf den Kopf und sprang leichtfüßig hinaus in den Sonnenschein.
Mit flüchtigen Schritten eilte sie über den holperigen Weg, auf verborgenen Waldpfaden ihrem Ziele, dem Flusse, zu. Während des ganzen Weges erscholl ihre helle, unschuldige Stimme, das gottlose Liedchen singend.
Schon waren Guenns Gefährtinnen eifrig bei der Arbeit; auf kleinen Flößen, die auf flachen Steinen im Wasser ruhten, knieten fte und klopften ihr Weißzeug mit schweren hölzernen Schlägeln; ebenso eifrig rührten sie ihre Zungen, ohne deren Hilfe die Arbeit schwerlich befriedigend ausgefallen wäre. Neben dem Ufer breiteten sich grüne Wiesen aus, die von steilen Felskämmen begrenzt wurden. Es war ein schön gelegener Platz, den frische Seelüfte frei umspielten.
Guenn kam fröhlich dahergesprungen und sah mit Vergnügen, daß die alte Mutter Nives und andere Veteraninnen des Dorfes anwesend waren, was ihr einen genußreichen Morgen versprach; auch Jeanne Ronan, Guenns Busenfreundin, war zugegen.
„Da kommt Guenn!" riefen einige der jüngeren Mädchen.
„Ihr seid eine nette Gesellschaft, das muß ich sagen!" war Mademoiselle Guenns nicht sehr höflicher Morgengruß. Dre Hände in die Hüften gestemmt, ein siegesgewisses Lächeln auf den Lippen, betrat sie mit der Miene eines Gladiators die Arena.
„Könnt Ihr nicht noch etwas mehr Platz wegnehmen? Mach Dich nicht so breit, Marie, ich komme hier neben Jeanne."
Trotz Maries widerwilligem Gebrumm verschaffte sich Guenn ohne weitere Umstände den gewünschten Platz, breitete ihre Wäsche aus, machte sich an die Arbeit und fragte dann halblaut: „Woher weht der Wind heute? Was aibts neues?"
„Mutter Nives' Rheumatismus ist fort, sie muß ftck letzt den Zorn von fünf Wochen von der Leber weg reden "
„Mir war's doch gleich, als ob ich Feuer und Schwefel röche!" lacyte Guenn.
„Schwätzt Ihr beDen jungen Grasaffen etwa von mir?" kullrrte ein ackes häßliches Weib in dunkelrotem Unterrock von der anderen Seite des Waschplatzes herüber.
„O bewahre, Madame Nives", erwiderte Jeanne mit heuw^so^faul'^seE^"^ fra9*e ®uctnt nur, warum sie r, „Mutter Nives, warf einen mißtrauischen Blick auf die schelmischen Gesichter ihr gegenüber.
. ^eu, qne la vie est amere!" sang Guenn
und bückte ihrer Gegnerin dreist in die Augen 9
?^mmte Mutter Nives; „Dein Leben wird voraussichtlich bttter (genug werden, mach nur so weiter und ich 'onn -vir sagen, wohin Dich Deine durchtriebenen Streiche noch bringen werden."
„Der Dorfrichter ist ein Herz und eine Seele mit den dummen fremden Malern, sie sind alle querköpfig und lassen ftch von ihm ilber den Löffel barbieren", begann Mutter Quaper, eine andere gewichtige Persönlichkeit, die Verhandlungen; zum Beispiel hier, der arme, liebe kleine Monsieur Staunton , dabei hielt sie ein Hemd zur allgemeinen Besichtigung in die Hohe, als sei es das auserwählte Schlachtopfer selbst, „er ist reich wie ein Fürst, gab erst gestern meinem Kadoc zehn sous. Ja, was ich sagen wollte- dem haben _ meine Nachbarsleute neulich ein paar alte Segel für sern Studio aufgeschwatzt - der Himmel mag wissen, wozu er fte haben will, er kann doch unmöglich mit seinem Atefter auf der Bucht herumsegeln —"
--Zu Vorhängen und dergleichen", belehrte Jeanne uiu nun.
„Meinetwegen — sie ließen sich zweimal so hoch bezahlen, als fnr die schönsten neuen. Nein, wie ich gelacht L-?/' wenn's nicht alte Freunde voii mir gewesen wären, r kwhl einen Wink geben mögen. Er ist ein
so hübscher, braver Junge, ce cher Petit Staunton." Und klatsch! tauchte Mr. Stauntons Hemd ins Wasser hinab.
. --W- was wisset denn ihr von den Herren Malern"' neß sich Jetzt die kleine Jeanne in wegwerfendem Tone vernehmen. Sie war ein gesuchtes Modell und wußte wovon sie sprach. „Er hat sich gewiß nicht betrügen lassen denn je älter und wüster die Segel aussehen, um so besser gefallen sie ihm. Er zahlt mehr dafür als für neue. Da seht mein Halstuch, ach es war eine wahre Pracht, wie es neu war, weißt Du noch Guepn? Die Punkte waren hellblau, die Streifen schön rot, von gelben und grünen durchkreuzt, aber glaubt Ihr wohl, Mr. Staunton habe es auch Nur angesehen? ich muß allemal mein ganz altes gntun, wenn ich ihm sitze. Die kleine Helene hatte ein ausgewaschenes gelbwollenes Kinderdeckchen, in das waren alle Maler verliebt und nannten es einen Glorienschein; sie sehen eben alles mit ganz anderen Augen an als wir übrigen."
„Weil sie Narren sind", war Mutter Quapers Schlußbemerkung.
,-LH kann nur so viel sagen", ließ sich eine plumpe, bäuerisch anssehende Dirne vernehmen, „daß es für kein Mädchen gut ist, wem: ihr die Maler den Kopf verdrehen. Seht nur Nona Hsbin an, seitdem sie Modell steht, kommt kern vernünfttges Wort aus ihrem Munde. Denkt an Yvonne wie's der erging, das ivar doch auch nur die Schuld eines Malers. Und Nona, die jetzt so vornehm tut, wer weiß, was aus der werden wird!"
Jeanne, warf unwillig den Kopf zurück, aber Guenn sprang heftig aus und begann mit zornsprühender Miene: „Warum hast Dudas rricht alles gesagt, als Nona noch hier war? Weil Tu es nicht gewagt hättest. Was weißt denn Tu von Malern und Modellen? höchstens soviel, daß keiner Jemals Tein wüstes Froschgesicht malen will, und deshalb sagst Tu allen hübschen Mädchen Böses nach. Nona ist ein so gutes Ding, wie mau nur eins in Plouvenee finden kann, ist die beste von uns allen. Sprich nicht mehr von Modellen, Du verstehst doch nichts davon!"
„Tie heilige Jungfrau verhüte, daß ich je eins werde", beharrte Marie mit frommem Augenaufschlag, „meine Groß- mutter sagt, daß die Modelle tu Paris keine Kleider tragen — so, da hast Tu's, Guenn Rodellec!"
Ausrufe des maßlosesten Schreckens und Erstaunens folgten dre; er Behauptung; auch Guenn teilte das allgemeine


