Ausgabe 
14.9.1903
 
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et 1903. Rk. 137.

Monksg den 14. September. /

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(Nachdruck verboten.)

N NHemüße» m her Bretape.

Von B. W. Howard.

(Fortsetzung.)

Nach zwei Bildungsjahren in Paris war er jedoch noch Nicht ganz so berühmt und bekannt, als er erwartet hatte, und hielt es für angemessen, sich einige Zeit , nach dem kleinen Fischerdorf in der Bretagne zurückzuziehen, um hier in ungestörter Ruhe Farben- und Landschaftsstudien zu machen.

Wie die meisten wirklichen und mutmaßlichen Genies, besaß auch Hamor ein gntes Teil innerer Widersprüche. Gute spießbürgerliche Reminiscenzen aus der Heimat und leichtlebige Künstlerauschauungen suchten sich in ihm aufs seltsamste zu vereinigen. Bald war er rauh- und unsreund- lich, bald heiter und liebenswürdig, abwechselnd ein gebildet und bescheiden, .hartherzig-und weich mutig; zu Zeiten selbst­süchtig und leichtlebig, dann wieder tief und groß denkend. Jedenfalls zog er es stets vor, die Dinge nur vom male­rischen Standpunkt aus zu betrachten und jeder Anspruch aus seine Teilnahme war ihm unbequem. So entsprang auch seine wirklich große Leutseligkeit den ärmeren'Klassen gegenüber weniger seiner Güte als dem Wunsche, sich diesen Menschen, die ihm irr künstlerischer Beziehung zu so reichen Fundgruben wurden, auf irgend welche Art erkenntlich zu erweisen. Den Anschauungen und Liebhabereien seiner Freunde gegenüber zeigte Hamor nicht allzuviel Rücksicht. Er war ein schlechter Zuhörer, da es ihn meist sehr wenig interessierte, was andere Leute zu sageu hatten; jede irgend­wie ernsthafte Verhandlung langweilte ihn und er hatte nicht immer genug guten Willen, sich zu freundlichem In­teresse zu zwinge«.

Auch besaß er die etwas phantastische Schwäche, seine eigene Persönlichkeit von verschiedenartigem Hintergrund in den möglichst malerischen Stellungen abzuheben; es war dies ein kleiner Kunstgriff, den er allerdings nur sehr jungen Mädchen gegenüber ausführte und dessen er sich in den freilich seltenen Momenten von Selbstbeschauung aufrichtig schämte.

Im großen und ganzen hatte er viele Eigentümlich­keiten , die ihm alsgenial" verziehen werden mochten, falls es ihm gelang, ein berühmter Mann zu werden, die aber, im Falle ihm dies nicht glückte, mit einem weniger schmeichelhaften Namen belehnt worden wären. War aber Hamor in Nebendingen leichtsinnig und oberflächlich, so war er doch auch ein Mann von Grundsätzen, sobald es sich um wirklich ernste Lebensführung handelte. Seine Taten waren fast immer besser als seine Worte.

Sein Aeußeres machte ihn zu einer anziehenden Er- schernung. Die überschlanke, echt amerikanische Figur schien ihm bei seiner Gewandtheit und Meisterschaft in allen

körperlichen Uebungen niemals hinderlich zu sein. Ein« gewisse künstlerische Nachlässigkeit im Tragen seiner Kleid­ungsstücke fiel nicht unangenehm auf. Sein stolzer Kopf und selten reines Profil erregten allein schon Bewunderung und sein charaktervoller Mund, um dessen Winkel es oftmals spöttisch zuckte, verstand "ein so sonniges, warmes Lächeln hervorzuzaubern, daß die wilden kleinen Bretagnerinnen gar bald ihre Scheu vor dem Fremdling verloren und ihm unter ihren weißen Häubchen freundlich zulächelten. Sehr eng zusammenstehende Augen von eigentümlich veränder­licher Farbe schauten unter einer schmalen feierlichen Pre­digerstirn hervor, sodaß er einem reizenden Faun hinter der Maske eines ernsten Puritaners glich.

Hamors Wesen war vieldeutig und schwankend-, nie­mand wußte so recht, wie er mit ihm daran war,

3. Kapitel.

Einige Tage nach den: großen Sardinenfang ging Guenn Rodellec zum Fluß hinab. Die Wäsche am Fluß war ein Ereignis, das sich, drei- bis viermal wöchentlich in Plouvenec abspielte, aber das verminderte nicht den Reiz, den es für Guenn hatte. Wie hätte sie es aber auch nicht genießen sollen? Alle Frauen beisammen am Ufer mit dem Waschen ihrer Linnen beschäftigt nut dazu die allerspannendsten Berichte über sämtliche Vorkommnisse der verflossenen Woche! Guenn war früher als andere Mädchen mit hinab an den Fluß gegangen, sie war auch sehr stolz, so jung schon ein Mitglied der großen Schwesternschaft zu sein, die dort eifrig ihre Wäsche säuberte, aber noch weit eifriger den guten Ruf ihrer Mitmenschen befleckte. Mäd­chen, die noch eine Mütter besaßen, wurden selten so jung mitgenommen, denn hier, wo man gewiß kein allzu wach­sames Auge auf die Jugend hatte, herrschte doch die An­sicht, daß es ein entscheidender Wendepunkt im Leben eines Mädchens sei, wenn sie zuerst mit an den Fluß ging, ein ebenso wichtiges Ereignis, wie der erste Ball einer jungen Weltdame.

Guenn aber, die keine Mutter mehr hatte, begann schon in ihrem neunten Jahre ihre Familie bei den großen Waschfesten zu vertreten. Sie war jetzt imstande, ihren Part im allgemeinen Gespräch tapfer zu sichren, ja es darin mit dem boshaftesten alten Fischweibe aufzunehmen. Zu Hause war es jedenfalls trüber und langweiliger. Nanuic, ihr kleiner verkrüppelter Bruder, war fast nie daheim, sondern lungerte auf den Werften umher, den Erzählungen der Seeleute zu lauschen, oder in den Wirtshäusern, um von den Fremden Sous und Zuckerstückchen zu erbetteln.

Wenn ihr Vater die Folgen einer durchtrunkenen Nacht ausschlief, hütete sich Guenn, ihm beim Erwachen in den Weg zu kommen, wozu sie ihre guten Gründe hatte. Sie sowohl als Rodellec und der kleine Rannic betrachteten ihr Heim nur als Schlasstätte. Auch war sie häufig in Louis Morots Fischversandgeschäft zu finden, wo sie zu den besten Arbeiterinnen zählte und durch ihre Gewandtheit und Klugheit oftmals die vorteilhaftesten Einkäufe vermittelte.