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Wer nennt heute den Namen K'lopstock nicht ohne ein gewisses Schaudern Unberührbarer Ehrfurcht! „Wer wird nicht einen Klopstock loben, doch wird ihn jeder lesen? Nein!" Dieses Lessing-Mort gilt natürlich heute mehr denn einst, jedoch mit Unrecht! Klopstock kann ja nie mehr einer von den Vielgenannten werden. Dazu ist seine Kunst nach Stoff und Behandlung zu exklusiv, zu tiefsinnig, zu feierlich, und zumal unsere Zeit hat, wie Fontane sehr richtig sagte, wenig Sinn für Feierlichkeit. So sehr Klopstocks Dichtungen einst mit ungestümer Lesegier verschlungen wurden, so wenig gehören sie heute zur Bildungsmode, daß man gemeiniglich nicht mehr von ihnen weiß, als daß sie in allen Bibliotheken existieren, ganz oben oder ganz unten oder ganz hinten, so wohl verwahrt, daß niemand zu ihnen dringt. Der Sohn hört's vom Vater und dieser hörte es vom Großvater usw. usw., daß er des 18. Jahrhunderts größte dichterische Kraft War, der überragende Geist seiner Zeit, daß er ein Poet war, dessen Erscheinen von größter Bedeutung war für die geistige Entwicklung der Nation und ihrer höheren Interessen. Sie hören es und glauben's kaum!
Wer es aber unternimmt, diesen durch sein Mer sanktionierten literarhistorischen Lehrsatz nachzuprüfen, wird leicht und freudig seinen Beweis führen, ob auch die Jugend von heute andere Götter kennt und ehrt, und er wird vielleicht manchen anderen noch dazu vermögen, jene alten verstaubten Lieblingsbücher aus der frühen Jugend unserer Köter beschämt hervorzusuchen, und sie alle werden verwundert sehen, daß wir in Klopstock einst einen Dichter echten Deutschtums besessen haben.
Der Dichter des „Messias" war ein Prophet, ein Prophet der Einheit und Größe unseres Vaterlandes, das er liebte mit glühender Seele. Vor 130 Jahren, Anno 1773, weissagte er, daß nach einem Jahrhundert Deutschlands Joch sinken werde! Also ein ganzes Säkulum wandelt er dem Siegeszuge der neuerstandenen Germania als ein begeisterter Seher und Barde voraus! Eindringlich warnt er vor der „Ueberschätzung des Auslandes":
Verkennt denn euer Vaterland, Undeutsche Deutsche! Steht und gafft Mit blöder Bewund'rung großem Auge Das Ausland an!
Neue Bahnen weist er der deutschen Sprache, die er als „die bildsamste von allen Sprachen" erkannte, und er haßt jeden, der sie „verbrittet" oder „gallieismet"; denn
„Sie ist, damit ich's kurz, mit ihrer Kraft es sage, An mannigfacher Uranlage
Zu immer neuer, und doch deutscher Wendling reich;
Ist, was wir selbst, in jenen grauen Jahren, Da Taeitus uns forschte, waren. Gesondert, ungemischet, nur sich selber gleich."
Er entwand unsere Sprache von der zugleich spielerischen und breiten Weichheit, in die sie durch die Poesie jener Zeit verfallen war, er gab ihr sprachschöpferisch neue lutherische Kraft, Gedrängtheit und Klangfülle. Er viertiefte die deutsche. Lyrik, die die anderen Poeten seinerzeit nur als eine angenehme Unterhaltung für Mußestunden betrachteten.
Ms Zögling von Schulpforta (1739—45) schon hatte er sich in die deutsche Geschichte und Sage versenkt und wollte es wagen, die Jahrhunderte lang verlassenen Wege zur fernen Vorzeit unseres Volkes als Poet zu wandeln.
Wie unsere heutige Zeit sich den großen deutschen Dramatiker ersehnt und scheel blickt auf die nordischen Nachbarlande, so ersehnte sich, das Deutschland jener Zeit den großen nationalen Epiker. Der Jenenser und mehr noch der spätere Leipziger Student der Gottesgelahrtheit war noch ein „Lehrling der Griechen", und so nannte er seine erste, 1747 entstandene Ode. Aber während er in der Form sich an die althellenische klassische Poesie anlehnte, wählte er seine Odenstoffe zumeist aus der Geschichte seines Vaterlandes. Er stieg hinab in die Tiefen des verrauschten Stromes deutscher Sage, und immer heißer regte sich in ihm der Trieb, poetisches Metall aus ihm hervorzuholen. Er wollte ein großes Gedicht aus einen großen Mann schaffen. Wie der Held hieß, wußte er lange selber nicht. Da stieß er auf die Geschichte Heinrichs des Voglers.
„---Schon da mein Herz
Den ersten Schlag der Ehrbegierde schlug. Erkor ich, unter den Lanzen und Harnischen Heinriche den Befreier, zu singen."
Einige seiner schönsten Oden aus dem Jahre 1743 war er vaterländische Sänge auf den ersten deutschen König.
„Allein ich sah die höhere.Bahn,
Und entflammt von mehr, beim nur Eh wcgier, Zog ich weit sie vor. Sie führet hinauf
Zu dem Vaterlande des Menschengeschlechts."
Miltons „Verlorenes Paradies" hatte er gelesen und den kühnen Plan gefaßt, den Erlöser selber zum Helden seines großen Gedichtes zu wählen — aus die Gefahr hin, Neidern und Gegnern Nahrung zuzuführen. Die größten Schwierigkeiten machte ihm zunächst die Wahl der metrischen Gewandung. Aus dem Wege, für seine epische Dichtung einen besonderen Stil zu finden, Ivar er zur Ode gelangt, die er für die Lyrik, ja später sogar geradezu mit Eigensimt für jede Aussprache, festhielt; auf dem Wege zum Erlöser der Menschheit erlöste er die deutsche Lyrik aus der engen Fessel des Reims, den er zu hassen begann. Er empfand wohl dunkel das, was später der Nibelungen-Jordan in seinen ästhetischen Schriften klar zum Ausdruck brachte, nämlich, daß der Endreim unsere gute alte Sprache mit ihren volltönenden Endsilben erst hatte verkümmern müssen, ehe er zur Herrschaft hatte gelangen können, daß er der Sprachkunst in vieler Hinsicht mehr hinderlich als förderlich ist. Das verschwimmend Duftige des Reimes paßte nicht zu der Wucht und Kraft seiner Gedanken und Vorstellungen. So band er sich denn zunächst an Versmaße, die er aus der Dichtung des Altertums in die deutsche einführte. Bald aber versuchte er sich auch in ganz freien Rhythmen und Poesiegebilden ohne strophische Gliederung, in neuen selbstgeschaffenen Strophenformen. So erhielten seine lyrischen Dichtungen in ihrer originellen Odenform etwas von dem Bibelton und zugleich, durch ihre Sprachgewalt, vom dröhnenden Orgelton. Der „immanente" Rhythmus unserer jüngsten Lyriker, der Arno Holz, Johs. Schlaf, Paul Ernst (interessant sind dessen fein gefühlte „Polymeter") usw., bauen sich auf Klopstocks freier Odenrhythmik auf. Sie find die Schüler Klopstocks, wie dieser ein Schüler war des Alkäos, des kundigen Thebaners Pindar und, nicht zuletzt, des Homer. Homers Hexameter, „der mit so vieler Würde herwandelt", den uralten Vers des Heldenliedes, wählte er zu seinem Messias, dessen erste drei Gesänge 1748 gedruckt und mit unendlicher Teilnahme ausgenommen wurden, obwohl sie die ersten dichterischen Erzeugnisse eines simplen Langensalzaer Hauslehrers waren.
Wer dieses epische Gedicht, „des neuen Bundes Gesang", mit seinen 19 757 Versen gelesen hat, wer mit dem Dichter „durchlaufen ist die furchtbare Laufbahn", dem lohnt, um mit Schiller zu reden, des Dichters „reiches Herz die schwere Müh', es zu begreifen". Eigentliche Erfindung und Ge- staltungskunst läßt der Dichter, der sich nur auf bett’ Höhen des Gedankens bewegt, vermissen. Aber es spricht doch,eine wunderbare Anmut und Erhabenheit aus dem Rn sengedickste. Des jugendlichen Dichters Wangen erglühten noch in jenem heiligen Feuer, das die glücklichsten Einfälle zu einem Geschenk der Götter macht, als er in seinen poetischen Absichten so weit ausholte. Doch als das Werk, ein Viertel) ahrhundert später, vollendet war, da zeigten die Schlußgcfünge die vorsichtigere Art des vom viel gewundenen Lebenswege ermüdeten Mannes, und die großartigen Aussichten, die sich dem Geiste des jungen Poeten einst bei Beginn der Behandlung des Themas geboten hatten, hatten ihn zu wett gelockt und ihm allmählich die Fähigkeit genommen, an Ziel und Beschränkung zu denken. So wie der Messias vorliegt, bezeichnet er jedenfalls für alle Zeiten eine schöne Blüte in dem reichen Kranze religiöser Dichtung, der unsere Literatur schmückt, schon durch seine innige Glaubenswärme. Doch leider stehen die letzten Gesänge nicht annähernd auf der Höhe der ersten, lös ist in erster Linie eine Stimmungsund 'Empfindungsdichtttng von so vornehmer Exklusivität, daß ihr eine populäre Wirkung nie beschieden sein könnte. Das hindert aber nicht, daß auch wir Heutigen gern und freudig anerkennen sollten, daß der „Messias" zahlreiche wundervolle lyrische und idyllische Stellen enthält und heb- liche Schilderungen, entstanden ans einer imposanten Einbildungskraft, Stellen, die nur deshalb unbekannt geblieben sind, weil sie in der allgemeinen Flut der langen Gesänge untergehen. Man bewundert heute Wenger die kühne Energie und Stoffwahl und achtet gar nicht des für jene Zeit ebenso kühnen Sprunges zum Versmaße der Hellenen, sondern in erster Linie bett großen Meister sprachlichen Ausdrucks. Und es ist bezeichnend und bisher kaum beachtet,


