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Tinge tun. Nein, um ein rechtschaffener Mensch zu bleiben, muß ich mich von der Ehe fern batten. Ich will nicht leugnen, daß ich auch vorübergehenoe Anwandlungen habe wie andere Männer, aber ich kann Euch versichern, daß sie verflogen sind, sobald ich anfangs zu malen. Dazu kommt, daß die Frau, nach der ich mich in solchen schwachen Momenten sehne, mel zu gut ist, um ein Opfer meiner Vergeßlichkeit zu werden und viel zu hübsch obendrein, schloß er mit jenem zärtlich lächelnden Blick, den er immer für Frauen und Kinder in Bereitschaft hatte. Unter seinen Freunden herrschte nur eine Stimme:Humor ist ein sonderbarer Mensch aber trotz alledem ein prächttgerBursche. Er hat das Herz auf dem rechten Flecke."

Von seiner frühesten Kindheit an, als noch seine Weiche Ettmme, sein einnehmendes Lächeln selbst den strengsten Tanten das von ihm ersehnte Stück Kuchen entlockte, das weniger hübschen Neffen verweigert war, hatte es nicht nur bei seiner nachsichtigen Familie, auch sonst in der Welt für ausgemacht gegolten, daß Hamor ein höchst vortreffliches Herz habe. Ein solcher guter Ruf hängt dem Menschen nicht weniger zähe an als ein schlechter. Wer Humors Namen nannte, erwähnte auch meist dabei seines guten Herzens, sodaß dies Organ, das wenigstens in seinen Funktionen tadellos war, fast so berühmt wurde wie seine Gemälde.

Als er eines Morgens schnellen Schrittes aus dem Atelier eines Freundes in der Via San Basilio nach Hause ging, begegnete er einer Gruppe Kärmelitermönche. In Nachdenken versunken und voll Eile zu einer fesselnden Arbeit zurückzukehren, war er schon an dem düsteren Zug vorüber, als er Plötzlich wie gebannt stehen blieb und den Mönchen nachblickte. Mitten in seinen Gedanken war seinem geübten Auge doch bei der vordersten Gestalt eine Aehnlich- keit aufgefallen, die er sich nicht zu erklären vermochte. Wo kann ich diese Züge schon gesehen haben? Unter welchen anderen Verhältnissen? Ah, da hab ich's? In der Bre­tagne les Lannions Thymert ist's und kein anderer! Kein anderer Priester auf Erden hat diese prächtigen Schul­tern und schreitet so nach Seemannsart." Er eilte dem Zuge nach, trat auf den Führer zu und rief in freudiger Erregung:Ist es möglich, Sie find's, monfieur le curs, Sie sind es wirklich?" er streckte ihm herzlich beide Hände entgegen.

Ter Priester fuhr zusammen, bebte zurück und blickte wild um sich, als wolle er suchen zu entfliehen, dann fügte er sich mit leidender, hoffnungsloser Geduld:Auch das geht vorüber", ermahnte ihn die neue Selbstzucht und er er­stickte das heiß auflodernde Feuer seines alten Menschen.

War das wirklich Thymert? Die warme bräunliche Färbung, die der Seewind seinem Gesicht an den alten Tagen der Freiheit gegeben hatte, hatte einer aschfarbenen Blässe Platz gemacht. Der Glanz in seinen dunklen Augen, die so schützend und liebevoll auf seine öden Inseln, auf seine Ser, seine Bretagne geblickt hatten, war für immer er- en. Ein unergründlicher Trübsinn lag unter den düsteren Brauen, und der einst so arglose, wohlwollende Ausdruck des Mundes war durch strenge, gramvolle Linien zerstört.

Es ist gerade, als wäre der Geist der Jugend in diesem Mann gewaltsam getötet worden, als lebe in seinem Herzen nur die Erinnerung an einen schweren Schicksals- ichlag fort", dachte Hamor tief erschüttert, als Künstler dciber sein beobachtend. Er hielt noch immer den Hut in der Hand und der Sonnenschein fiel auf sein blondes Haar und sein glückliches, sorgloses Gesicht.Monsieur le rec- teur, es macht mir die größte Freude, Sie wieder zu sehen. Hoffentlich haben Sie mich nicht ganz vergessen?"

Ich habe Sie nicht vergessen, Monsieur."

Ich versichere Sie", fuhr Hamor lebhaft fort, ohne sich durch das starre Wesen des Priesters beirren zu lassen, das ihn gleichwohl verwunderte,ich habe weder Sie noch sonst jemand aus Plouvenec vergessen. Was waren das für glückliche Tage. Wie oft habe ich Sehnsucht gehabt, einen Ausflug muh der Bretagne zu machen, um alle die lieben Freunde wiederzusehen. Aber so geht's nun einmal im Leben, es ist nicht lang genug, um alle unsere Pläne zu verwirttichen."

Lang genug", wiederholte der Priester, ohne Anteil, ohne Zustimmung, ohne Widerspruch.

Großer Gott, das klingt ja wie eine Stimine aus den Katakomben", dachte Humor im stillen; zum Priester ge­

wendet fuhr er ungestört mit gleicher Freundlichkeit fort zu fragen:Und Sie leben wirllich hier in Rom? wer hatte das in den alten Zeiten geahnt?"

Ja, ich lebe in Rom", erwiderte Thymerts tonlose Stimme. Selbst bei Humors sprichwörtlich gewordener Liebenswürdigkeit war es schwer, eine Unterhaltung fort» zusetzen, die nicht das geringste Entgegenkommen fand.

Ich möchte so gern mit Ihnen plaudern, wenn Hie frei sind, ich habe so viele liebe Erinnerungen an die Tage der Bretagne."

Ich habe keine Zeit", entgegnete der bleiche Priester und blickte unverwandt aus seinen tiefen Augenhöhlen in das freundlich besorgte Gesicht des jungen Malers.

Wirllich nicht? nun dann muß ich die Gelegenheit benutzen und gleich jetzt meine Erkundigungen einziehen. Natürlich vor allem nach Guenn? Ist sie glücklich ver­heiratet? Hat sie schon ein halbes Dutzend Kinderchen, alle so sonnverbrannt, so rosig und so reizend wie sie selbst?"

Thymerts Züge blieben unbeweglich, wie aus Granit gehauen:Guenn ist tot, Monsieur feit lange tot."

Nicht möglich! Die arme Kleine! die liebe, reizende Guenn! Es tut mir wirllich in der Seele weh, das hören zu müssen. Die Vorstellung des Todes paßt gar nicht zu Guenn Rodellec. Ich dachte, sie müsse ewig leben. Wahr­haftig, Sie haben mich förmlich erschüttert, jetzt, nach so vielen Jahren aber ich hatte sie auch ganz besonders gern. Unbegreifliche, daß ich nichts davon erfahren habe! Staunton hat mir's doch sicherlich geschrieben. Ja, ja, die Post von Plouvenec wird einmal wieder schuld sein! Armes Kind! Wann ist es denn geschehen, monfieur le recteur, das werden Sie mir doch gewiß noch sagen?" fügte er leise hinzu.

Vor zehn Jahren", erwiderte die hohle Stimme.

Was, im selben Jahre, als ich Plouvenec verließ?^ Im selben Jahre, Monsieur."

Und woran ickt sie gestorben?" fragte Hamor weich.

Ertrunken, Monsieur."

Ah, also ein Unglücksfall. Arme, liebe, schöne, kleine Guenn! Ich habe sehr oft an sie gedacht, das können Sie glauben, ich verdanke ihr so viel, und ich habe nie wieder ein Modell gefunden, das so frisch und frei, so schön und wunderlieblich war. Sie wissen vielleicht, daß mir das Bild von ihr die goldene Ehrenmedaille eingebracht hat, und das war der glücklichste Wendepunkt in meiner Künstler­laufbahn. Kurz nach meiner Ankunft in Paris schickte ich allerlei hübsche Sachen an Guenn, die ich selbst ausgewählt, meine Freunde neckten mich deswegen, aber ich wollte ihr gern beweisen, daß ich sie nicht vergessen hatte."

Ter Priester machte eine seltsam abwehrende, unver­ständliche Bewegung, dann stand er wieder regungslos vor dem Künstler.

Bei Gott", dachte Hamor,wenn Rom das verschuldet hat, so hat Rom viel zu verantworten. Dieser Mann war eines der herrlichsten Geschöpfe, die mir je vorgekommen sind, Mannes gemacht hat, der er gewesen ist." heit verloren erstorben, versteinert!"

Ter Maler blickte freundlich in Thymerts unergründ­liche Augen und sagte mit seiner wohlklingenden Stimmer Ich möchte Sie nicht länger aufhalten, monfieur le curö, ich sehe wohl, daß Sie mit anderen Dingen beschäftigt find. Darf ich Sie bitten, diese Karte zu behalten, für den Fall, daß Sie einmal die Lust anwandeln sollte, mit mir zu reden? Mir wird es immer das größte Vergnügen fein, Sie wiederzusehen. Ich werde stets die dankbarste Erinner­ung an Sie nnd an die alte Zeit in der Bretagne be­wahren."

Adieu monfieur", sprach die hohle Stimme, bann' wandte sich Thymert zum Gehen. Hoch aufgerichtet schritt er die enge römische Straße hinab, seine mächtig ragenden Schultern machten ihn hier in der großen Stadt zu einer ebenso bemerkenswerten Erscheinung, tote damals, als ihn Hamor zuerst in der alten Soutane unter seinem Fischervolk sah. Damals hatte ihn der reiche Zauber seiner Persönlich­keit, seine edle glühende Herzenswärme zum König unter seinen Landsleuten gemacht. Fetzt lag in seinen Zügen die Majestät eines unaussprechlichen Seelenschmerzes.

Hamor war aufrichtig bekümmert:Wer seine Herzens­einsalt und Güte nicht kennt, müßte glauben, daß nicht Gram allein, sondern eine Schuld ihn zu einem Schatten des Mannes gemacht hat, der er gewesen."