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rieb die Hand des Toten mit seinem Aermel ab, als wäre fle ei» Stück von einer Statue.
„Sehen Sre her!" fuhr er fort. „Der Schmutz läßt sich abreiben und zeigt, daß die Hand ursprünglich eine gute Farbe hatte. Dies hier", er hielt inne und hob Steinmetz' Taschentuch in die Höhe, ließ es aber sofort wieder eilig über das entstellte Gesicht fallen. „Dieses Ding gehörte einst den besseren Ständen an."
„Sicherlich hat es bessere Tage gesehen", gab Steinmetz mit grimmigem Humor zu. „Kommen Sie, wir wollen ihn unter die Fichten dort schleppen, und dann nach Twer weiter reiten. Es nützt nichts, mein lieber Alexis, wenn wir unsere Zeit mit dem Nachgrübeln über die Anteceden- tien eines Herrn verschwenden, der seine Gründe hat, übqr die Sache zu schweigen."
Paul erhob sich. Seine Bewegungen waren die eines starken, geschmeivigen Mannes, dessen Muskeln nie Zeit hatten, steif zu werden. Während er so ausrecht dastand, sah er sehr groß aus, beinahe wie ein Riese. Petersburg war die einzige Stadt in der Welt, wo er erwarten konnte, unbemerkt $u bleiben; denn es ist die Stadt großer Männer und häßlicher Frauen."
(Fortsetzung folgt.)
Eine Geschichte des deutschen Zeitungswesens.*)
Ueber alle möglichen Gebiete der Kulturgeschichte gibt es Monographien, aber merkwürdigerweise existiert noch keine einigermaßen erschöpfende, zusammenfassende Darstellung der Geschichte unseres Zeitungswesens. Das ist doppelt merkwürdig in Anbetracht der ungeheuren Bedeutung, die di« Presse heutzutage für das ganze Kulturleben hat. Ludwig Salomon hat die vorhandene Lücke ausfüllen wollen und ein Werk verfaßt (bis jetzt sind zwei Bänd« erschienen, der dritte wird bald folgen), in dem „zum erstenmale eine vollständige Geschichte der Entwicklung des deutschen Zeitungswesens" dargeboten werden soll. Das Unternehmen, einmal die Ergebnisse mancherlei einzelner, kleinerer und größerer Schriften über die Presse und ihr Wesen zu sammeln und in einem Werke zu verarbeiten, ist mit Dank zu begrüßen. Mer eine Geschichte der Entwicklung des deutschen Zeitungswesens ist Salomons Buch nicht geworden. Es ist vielmehr nur eine kurze, zusammenfassende Darstellung der bisherigen Forschungen. Das Buch liest sich wie eine Reihe rascd hingeworfener Feuilletons, die nur unterrichten, einen allgemein orientierenden Ueber- blick geben. Eine pragmatische Geschichte der deutschen Presse gibt auch dieses Buch nicht.
Wer eine Geschichte des Zeitungswesens schreiben will, muß sich vor allen Dingen klar werden über den Begriff Zeitung, will anders er vor schiefen Modernisierungen be- wahrt bleiben. Gerade das Wort Zeitung, das ursprünglich Nur „Neuigkeit" bedeutet, aber im Laufe der Zeit die Bezeichnung für die Hauptzvermittlerin der Neuigkeiten, Mel „Zeitung", geworden ist, verleitet nur allzusehr den Erforscher der Geschichte zu solchen verkehrten Modernisierungen. Es ist bezeichnend, daß Salomon nie eine Definition des Begriffs „Zeitung" gibt. Zu diesem Begriff gehört doch wohl dreierlei bestimmt: regelmäßiges Erscheinen, Bestimmung für die Oeffentlichkeit, berufsmäßiger Nachrichtendienst.
Die ersten sogenannten „brieflichen Zeitungen" erfüllen diese Bedingungen nicht. Mll man sie und ähnliche Mit- terlungsformen mit berücksichtigen, dann ist kaum eine Grenze zu ziehen für die Anfänge des Zeitungswesens. Wertungen, die nur einigermaßen so genannt werden können, lassen fich vor dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht nach-
r!r" Überhaupt rühren die Hauptmängel des Salo- monschen Buches daher, daß der Verfasser die bunte Fülle
^>?^'s,nicht energischer durchgearbeitet. Hauptsächliches und Nebensächliches mcht klarer geschieden, ersteres nicht markanter hervorgehoben hat.
Eine Zeitung zerfällt heutzutage in den Text- ünd den
*) Ludwig Salomon: Geschichte des deut- schen Zeitungswesens von den ersten Anfängen bis zur Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches. Erster Band: das 16., 17., 18. Jahrhundert. Zweiter Band: Napoleon I. und die deutsche Presse. ODenburg und Leipzig, 1900, 1902, Schulzesche HofLuchhandlung.
Annoncenteil, die verschiedenen Preßerzeugnisse bringen Nachrichten, verfolgen Zwecke im Interesse einer Partei, einer Regierung oder bergt Wie hat sich nun die heutige Zeitung allmählich zu ihrer Form, zu ihrem Wesen entwickelt? Seit wann, auf welche Weise vereinte sich der Text den Annoncen, auf welche Weise kam zu den einfach referierenden Nachrichten ein räsonnierender Text, wie entwickelte sich die Zeitung zu einem bewußten Machtmittel im Dienste irgend einer Partei, eines Volkes, Herrschers? Kurz, wie ward die Zeitung zu dem, was sie heute ist? All dieses muß uns möglichst klar eine Geschichte des Zeitungswesens zeigen. Salomons Geschichte tut dieses keincs- wegs, sie gibt ttntner nur Fragmente, ohne pragmatischen Zusammenhang, Wichtiges oft nur kurz streifend, Nebensächliches unverhältnismäßig breit erörternd. Äne Geschichte des Zeitungswesens ist nicht eine Geschichte der einzelnen Zeitungen, sondern eine Geschichte der einzelnen Bildungsmomente der modernen Zeitung. Bei Salomon vermißt man die zusammenfassende, prinzipielle Erörterung. Daß irgend eine Zeitung auch Annoncen hatte, wird hier und da so nebenbei erwähnt. Und doch, wie wichtig ist es für die Bedeutung der Zeitung selbst geworden, daß sie zu der Mitteilung der Neuigkeiten auch die Vermittlung von Angebot und Nachfrage übernahmen. Die „Zeitung als Machtmittel", einem Zwecke dienend und darnach Nachrichten und Rässonnements einrichtend, dieses interessante Thema hätten wir z. B- auch gern näher erörtert gesehen. Daß "früh schon kluge Leute du Zeitungen für ihre Zwecke benutzten, wissen wir. So veröffentlichte z. B. schon das große Bankhaus der Fugger wichtige Neuigkeiten, die ihm von allen Seiten zugingen, und mit Auswahl und in bestimmter Absicht. Anfangs des 17. Jahrhunderts erschien in Frankfurt am Main ein Blatt, das fich ausdrücklich „Unparteiische Zeitung" nannte. Läßt das nicht aus einen gewissen Mißbrauch schließen, den vielleicht Parteien mit Zeitungen in ihrem Interesse getrieben haben? Mcht zum wenigsten interessant wäre auch eine Erörterung der ins Gebiet der Psychologie hinüberspielenden Frage: wie entstand das Bedürfnis zum Zeitungslesen, wie bildete sich das Zeitungspub liknm? Mancherlei hat sich da geändert in dem Verhältnis des Publikums zur Zeitung. Die älteren Zeitungen brachten fast nichts über Ereignisse am Erscheinungsort. Offenbar hatten die Leser damals noch kein Interesse daran, Berichte über Ereignisse zu lesen, die sie selbst miterlebt oder durch ^Erzählungen der Stadtgenossen doch erführen. In wie fast krankhaft zu nennender Weise hat sich da heute die Neugier entwickelt. Anfangs des 18. Jahrhunderts protestrerten die Frankfurter energisch gegen die Bekanntmachung von Familiennachrichten in den Zeitungen. Das kam ihnen wie eine Profanierung vor. Heute wird der Zeitgenosse geboren, verlobt, verheirat sich und stirbt, alles in „breitester Oeffentlichkeit".
Das prinzipiell Zusammenfassende, das Herausarbeiten des Wesentlichen vermißt der Leser in Salomons Darstellung. — Es wird in der Hauptsache mehr eine Geschichte der Zeitungen als des Zeitungswesens gegeben. Aber immerhin, — wenngleich das Buch auch mcht für eine Geschichte des deutschen Zeitungswesens gelten kann, so ist es doch eine schätzenswerte Sammlung von Stofs und Tatsachen, die bis jetzt nur zerstreut vorhanden waren. Der künftige Historiker der deutschen Presse wird es jedenfalls als bestes Hilfsmittel benutzen können. Bei der Lektüre des Werkes ist mir aber eins noch klar geworden. Der Leser einer Geschichte der Zeitungen kann sich kaum ein entsprechendes Bild von Wesen und Art der Zeitung auf ihren ersten Entwicklungsstufen machen an der Hand einer referierenden Schilderung. Gerade so dankenswert wie eine wirkliche eingehende Geschichte des Zeitungswesens wäre ein Quellenbuch zu seiner Geschichte, ein wortgetreuer Abdruck einiger für ihre Zeit typischer Zeitungsblätter, sodaß jeder die historische Entwicklung deutlich mit eigenem Auge verfolgen könnte. Dieser Wunsch nach einem Quellenbuche drängt sich bei der Lektüre der Salomvnschen Geschichte dem Leser auf. Aber auch noch manches andere würde man gern einmal historisch behandelt sehen, so z. B. die Aeußerungen der Zeitgenossen über das Zeitungswesen ihrer Zeit, über die Presse. Es liegt mancherlei derartiges vor, und Salomon führt einiges, wenn auch nur kurz, an. Napoleon z. B. wird öfter zitiert, merkwürdigerweise nie Goethe, trotzdem unser größter Dichter sich mehr als einmal über Zeitungen geäußert hat.


