Nr. 103.
1903.
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Montag den 13. Kuli./x
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1001
(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. Merriman.
1. Kapitel.
Herrenlos.
Der Abend rückte heran, ein später Oktobevabendj-und! eilt kalter Wind fegte von Nordwesten her über die Ebene, die an Einsamkeit und Traurigkeit der Sahara nicht nachstand So weit das Auge reichen konnte, war keine menschliche Ansiedlung zu sehen, die den Horizont unterbrochen hätte. Ern paar verkrüppelte Fichten, die dem Norden gleichsam den Rücken kehrten, standen zerstreut auf der Ebene.
Weiter gegen Süden befand sich ein Wald-, der aus denselben verkrüppelten Fichten bestand. Ein paar Kohlenbrenner und Harzzapfer fristeten dort ihr vergessenes, einsames Leben. Auf dieser Ebene von Twer, die einen Raum von beinahe zweihundert Quadratmeilen einnimmt, befinden sich etwa zwanzig solcher Niederlassungen, solcher düsterer Wälder; das übrige ist Weideland, wo dürftig aussehendes Rindvieh, viele Schafe und zahllose Schweine pessimistisch die Nahrung suchen, die ihnen Gott spendet.
Carl Steinmetz überblickte, während er neben seinem stummen Begleiter einherritt, die trostlose Gegend mit einem Blinzeln belustigter Ergebung, als ob die Schöpfung ein Scherz sei, den er, Carl Steinmetz, nach seinem richtigen Werte zu schätzen wußte.
Der Begleiter von Carl Steinmetz war ein junger, schöner, stiller Mann. Er hieß Paul Alexis, und das Glück hatte ihn zu einem russischen Fürsten gemacht. Wenn jemand, selbst Steinmetz, ihn jedoch Fürst nannte, errötete er imi) wurde verlegen. So lange er im Auslande, zumeist in England, studiert hatte, war es ihm gelungen, für seine Freunde einfach Herr Paul Alexis zu bleiben. In Riißland jedoch, war er (bloß dem Namen nach, denn er mied die slawische Gesellschaft) als Fürst Pawel Alexis bekannt. Diese Ebene gehörte ihm; das halbe Gouvernement Twer gehörte ihm; die große Wolga wälzte sich durch seine Besitzungen; sechzig Merlen hinter ihm lag ein finsteres, steinernes Schloß, das keinen Namen trug, und ein ungeheures Stück Land war von demütigen Menschen be- wohnt, die bei dem bloßen Namen des Fürsten den Rücken krümmten.
„Es ist ein großer Unsinn", sagte er plötzlich „Ich komme mir vor Ivie ein Nihilist oder sonst eine theatralische Persorr der Art. Ich kann mir nicht denken, daß dies notwendig ist, Steinmetz!"
„Notwendig nicht", antwortete Steiirmetz mit tiefer, gutturaler Stimme, „aber vorsichtig, mein Fürst."
„O, lassen Sie das."
„Wenn wir zur Wolga kommen, will ich es mit Ver- gnügeir lassen. Lieber Gott, ich wollte, ich wäre ein Fürst.
Ich würde mir mein Wappen in meine Wäsche zeichnen! lassen und mich- im Bett aufrichten, um es auf meinem! Nachthemd zu betrachten."
„Nein, das würden Sie nicht tun", antwortete Alexis lachend, „Sie würden es gerade so hassen wie ich besonders wenn es Sie nötigte, die beste Bärenjagd in Europa auszugeben."
Steinmetz zuckte die Achseln.
„Dann hätten Sie Ihre Nächsten nicht lieben dürfen, — ich sage Ihnen, Alexis, in diesem Lande deckt die Nächstenliebe keine Sünden."
„Wer hat mich meine Nächsten lieben gelernt? Uebrigens kann hier kein anständiger Mensch etwas anderes tun. Wer hat mir von der Armenliga erzählt? Das möchste ich doch gern wissen! Wer hat mich in sie eingeführt? Wer hat mein Mitleid für diese armen Teufel rege gemacht? Wer sonst, als ein dicker, deutscher Cyniker Namens Steinmetz?"
„Sie haben recht; aber wir wollen von Ihnen sprechen. Sie müssen sich in dieser Sache auf mich verlassen. Ich kenne dieses Land, ich weiß, was die Armenliga bedeutet. Sre war etwas Größeres, als alle sich träumen lassen; sie war eine Macht in Rußland, — größer als alle, — größer als der Nihilismus. Bei Gott, fie war eine wunderbare Organisation, die sich über dieses Land breitete, wie der Sonnenschein über ein Feld. Sie würde aus unseren armen Bauern Menschen gemacht haben, sie war Gottes Werk —i bien entendu, wenn es einen Gott giebt, was heutzutage! manche junge Leute leugnen, wohl weil Gott ihre Bedeutung gicht anerkennen will. Uno jetzt ist's mit all' dem vorbei; der schimpfliche Verrat eines Abtrünnigen hat alles zerstört! Ach, hätte ich ihn nur hier draußen aus der Ebene! Erwürgen würde ich ihn! Und um Gold obendrein I Der Teufel — es muß der Teufel gewesen sein — hat das Geheimnis der Regierung verkauft."
„Ich verstehe nicht, wozu die Regierung es brauchte", brummte Alexis mißmutig.
„Sie nicht, aber ich. Der Kaiser hat damit nichts zu schaffen, der ist ein Gentleman. Nein, es ist nur ferne! Umgebung. Die Leute wollen die Bildung hemmen, fte wollen den Bauern erdrücken; sie leben in ihren großen Palästen und vergolden ihre große Namen mit dem Gelds- das sie den hungernden Bauern auspressen."
„Mas das betrifft, so tue ich ja dasselbe."
„Natürlich; und ich bin Jyr Intendant, ihr Aussauger. Wir leugnen das nicht, wir rühmen nns dessen, aber wir geben den Engeln einen Wink, — he?"
Alexis ritt ein paar Augenblicke schweigend weiter. Plötzlich drehte er sich im Sattel um und schaute seinem Begleiter scharf ins Gesicht.
„Soll ich Ihnen etwas sagen?" sprach er. „Ich glaube, Sie selbst haben die Armenliga begründet."
Steinmetz lachte in seiner behaglichen Weise.
„Sie hat sich selbst begründet", antwortete er. „Die Engel gründeten sie im Hcmmel. Ich hoffe, ein Komitee


