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behalten und verhört worden war, freigelassen. Die sorgsam überbrachten Krokts dienten dem Kommandanten Karth zur Fertigstellung eines großen Planes von Verona, an dem der letzte Federstrich im November 1858, als der Hof in Cvmpiegne war, getan wurde. Ter Kaiser, durch den Marschall Vaillant von der Vollendung des Planes von Verona in Kenntnis gesetzt, läßt auf der Stelle den Kommandanten Karth zu sich rufen, der gerade zur Stunde des Diners im Schlosse emtrifst. Tie Zeit kümmert den Kaiser wenigs er ist voll Ungeduld, den Plan zu sehen und den Kommandanten auszufragen; er läßt ihn in sein Gemach kommen, wo er eben seine weiße Krawatte umbindet. „Setzen Sie sich mir gegenüber und breiten Sie Ihre Karten aus", sagt er sogleich zu ihm. In demselben Augenblick tut sich eine der Türen des Zimmers auf und die Kaiserin erscheint in einer weißen, ausgeschnittenen Prachttoilette, strahlend von Tiamanten und Schönheit. Der Kaiser stellt ihr den Offizier vor und fügt hinzu: „Verlieren wir keine Zeit." Die Kaiserin setzt sich ihrem Gemahl gegenüber aus den Stuhl, den unmittelbar vorher der Kommandant Karth eingenommen hatte, und dieser bleibt etwas weiter zurück stehen. Ter Kommandant Karth war ein hervorragender Geodät, sehr bescheiden, einzig mit seinen Arbeiten beschäftigt. Seinem Aussehen nach, das dem eines protestantischen Geistlichen glich, würde ihn niemand für einen Militär gehalten haben, und dadurch wurde es ihm auch ermöglicht, die Pläne aller europäischen Festungen aufzu- nehmen, ohne jemals verdächtig zu werden. Zehn Jahre seines Lebens, die er unter den Arabern in der Wüste Sahel damit zugebracht hatte, die Karte dieser noch unbekannten Gegend zu zeichnen, hatten ihn den Gewohnheitestr der großen Welt ein wenig entfremdet, und als er nach Com- pitzgne kam, war er noch linkischer und schüchterner als gewöhnlich. Tas Erscheinen der Kaiserin hat ihm gleichsam einen elektrischen Schlag versetzt und er bleibt regungslos stehen, hypnotisiert durch den Anblick des blonden, mit Tiamanten geschmückten Haares, der Schultern und der Büste mit den perlmutternen Reflexen, aus denen sein Blick ruht; dem Kaiser, der ihn fortwährend ausfragt, antwortet er stotternd und ohne seine auf den Ausschnitt der Kaiserin gerichteten Augen zu erheben. Nach einer Audienz von zwanzig Minuten dankt der Kaiser, dem gemeldet worden ist, daß man ihn zum Tiner erwarte, dem Offizier und verabschiedet ihn.
Benn Verlassen des Gemaches trifft der noch immer »ertöirrte Kommandant auf den Marschall Vaillant.
„Mm?"
„Ich weiß nicht, was ich dem Kaiser vorgestammelt habe: ich war weit von Verona entfernt, ich sah nur die Kaiserin. Wie schön ist sie! Wie schön ist sie!"
Ter Marschall lachte sich halb tot und schüttelte seinem jungen Kameraden die Hand.
Einen Monat nachher, ehe noch von einem Bündnisvertrag die Rede war, ließ Napoleon HL eine Militärkonvention unterzeichnen, die ihn bis zu einem gewissen Grade zum Verbündeten Piemonts machte. . . .
* Abgefertigt. Von Prof. Jhering, dem berühmten Ottinger Rechtslehrer, erzählt die „Tägl. Rundschau" eine heitere Anekdote. Prof. Jhering hatte die Gewohnheit, in jedem Semester ein öffentliches Kolleg abzuhalten, in welchem vor allen Dingen kleine Rechtsfragen aus dem täglichen Leben zur Besprechung kamen. Ein jeder Teilnehmer des Kollegs hatte das Recht, über den zur Behandlung stehenden Gegenstand seine Meinung zu äußern, und es kam dabei manchmal zu recht heiteren Diskussionen. Jhering wanderte gewöhnlich, die Hände aus dem Rücken, durch den Gang, der die Bankreihen trennte, und oft genug kam es vor, daß er seine großen dunkle,; Augen auf einen Hörer richtete, und in seinem gemütlichen ostfriesischen Dialekt in freundlich-ermunterndem Tone fragte: „Nun, was denken Sie denn von der Sache?'", worauf dann gewöhnlich mit mehr Fixigkeit als Richtigkeit die Antwort erfolgte. Eines Tages saß auf einer der ersten Bänke des Auditoriums der Träger eines sehr hohen Namens und folgte mit sichtlichem Interesse der Besprechung über die Frage, ob es juristisch einwands- fret fei, wenn ein Gast in einer Mrtschaft den Zucker, der ihm zu seinem Kaffee gereicht werde, einstecke und untnehm» oder seinem Hunde gebe. Die Ansichten über
diese Frage waren sehr verschieden und daher wurde aucy die Besprechung sehr lebendig. Mötzlich wandte sich Jhering an den genannten Hörer auf einer der ersten Bänke, der sich durch fein Aeußeres erheblich von den andern Studenten unterschied, mit der unerwarteten Frage: „Nun, wie stellen Sie sich denn zu der Frage?" Verletzt über den derben Ton, welcher Jhering eigen war, und verstimmt über das Fortlassen jeglichen Titels, auf den der Gefragte Anspruch hatte, entgegnete er mit einer innerlichen Gereiztheit, die sicb nicht ganz verbergen ließ: „Ich bin der Graf N. N." Schlagfertig erwiderte Jhering, in-' dem ein feines Lächeln über seine derben Züge flog: „So, so, na, dann können Sie es freilich nicht wissen!"
Literarisches.
Albert Ritter, „Christus d er Er lö ser". (Umschlagzeichnung von A. D. Goltz) Preis geh. 7.20 Mk. — Ritters Werk versucht die gänzliche Verquickung aller Elemente unseres geistigen Lebens mit der Lehre Jesu zur weltewigen Wahrheit des echten Christentums; er legt dar, daß Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kunst nur in dieser Lehre eine haltbare Grundlage und 'einen gemeinsamen Sinn gewinnen können. Sv bringt er uns die christliche Lehre im Rahmen klärender Erläuterung, in menschlich-wahrer Auffassung und mit Beziehung zu den Menschen und Geschehnissen der Welt. — Besonders erwähnt sei die Umschlagzeichnung von A. D. Goltz, die in wunderbarer Ueberemstimmung mit dem Inhalte des Buches erhebend wirkt. Eine lichte, alles besiegende Jugendgestalt schreitet frei über Dornen hin, von Rosen umrankt. In beiden Händen hält sie kraftvoll emporgeschwungen die Friedenspalmen; ihr zur Seite schlagen lohend die Flammen gegen Himmel.
Bunte Bühne, Fröhliche Tonkunst, gesammelt von Richard Batka, herausgegeben vom Kunstwart. 6. Folge, 1 Mk. (München, Kunstwart-Berlag Georg D. W. Callwey.) Die „Wiener Zeit" schrieb vor kurzem u. a.: „Von Batka's berühmter Sammlung heiterer Gesänge aus alter und neuer Zeit ist vor kurzem die fünfte Folge erschienen. Mit feinem Verständnis für den künstlerischen Wert des humoristischen Ausdrucks hat der verdienstvolle Prager Aesthetiker wieder einige Perlen der heiteren Muse der Oeffentlichkeit übergeben und bei aller Freiheit der Wahl das Gebiet der Banalität glücklich gemieden. Batka's kurze Charakterisierung der Gesänge, seine wertvollen Andeutungen für den Vortrag derselben, dürften den Sängern K erwünscht sein, und ich kann mich nicht genug wun- l, daß noch keiner die Gelegenheit benützt und die schönsten Lieder der Sammlung zum öffentlichen Vortrag gebracht hat." — Die 6. Folge enthält nebst den Begleit- Worten zu jedem einzelnen Notenwerke folgende neun Stücke: 1. Schubert, Franz, Der Hochzeitbraten. 2. Weber, C. M. von, Kanon zu dritt. 3. Mendelssohn-B., F., Maiglöckchen und die Blümelein. 4. Schulz, I. A. P., Das Blumenmädchen. 5. Wolf, Hugo, Abschied. 6. Weber, C. M. von, Zigeunerchor aus Preziosa. 7. Tafellied „Modi- cum, ein wenig". 8. Scandellus, Anton, Tanzone. 9. Mozart, W. A., Warnung. Der Preis ist wiederum nur Mk. 1 und der Band ist durch alle Buch- und Musikalienhandlungen zu beziehen.
Bilderrätsel.
(Nachbildung verboten.)
(Auflösung in nächster Nummer.)
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn UniverfltätS-Buch- und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


