Ausgabe 
13.6.1903
 
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itnb daß sie die Prinzessinnen schöner fand, als sie geglaubt, und besonders die Prinzeß Wilhelmine hübscher, als es ihr Bildnis annehmen ließ, und man erkannte leicht, daß diese ihr am besten gefiel". Auf dem Wege nach Zarskoje-Selo, den,man gemeinschaftlich in einer sechsspännigen Berline sortsetzte, hatte sie der Großfürst-Thronfolger, von seinem Hofstaat begleitet, eingeholt.Und nun war ich in.der Tat verlegener als meine Töchter", erzählt die Fürstin, man stieg aus und nahm in einem Phaeton zu achten Platz.' Ter Großfürst mit der» Grafen Panin und die Kai­serin saßen mit uns zusammen. Der Fürst ist sehr liebens­würdig, höflich und gesprächig und scheint heiteren Tempe­raments zu sein. Er ist nicht groß, sieht aber nicht zart aus. Um sieben Uhr kam man hier an, ich beinahe tot, und meine Töchter dnnkelrot von der Hitze".

Eine Natur wie die der Landgräfin, die sich mit innerer Freiheit in allen Verhältnissen unbefangen zu geben wußte, mußte dem lebhaften und klaren Geist Katharinens zu­sagen, wie sie selbst bald eine warme Verehrung für die Kaiserin äußerte, deren Natürlichkeit ihr neben anderen Vorzügen besonders ansprechend war. Auch die Besorgnis der Fürstin wegen einer endgiltigen Entscheidung sollte schon nach wenigen Tagen eine glückliche Lösung finden. Es scheint, daß, wie die Kaiserin vom ersten Augenblick an die Prinzessin Wilhelmine auserlesen hatte, so auch der Groß­fürst sich zu dieser besonders hingezogen fühlte. Am 29. Juni forderte die Kaiserin für den Großfürsten ihre Hand. Tie Landgräfin teilt ihrer Mutter hocherfreut dies Ereignis mit und schließt mit den Worten:Gott gebe dazu seinen Segen; möge es sein Wille sein, daß das Bündnis zu seiner Ehre, zum Glück von 23 Millionen Menschen, des Prinzen, der Kaiserin und meiner Tochter sich vollziehe. Ihre Schwestern beneiden sie nicht um ihr Geschick. . . . Mehrere Herren haben zu Riedesel geäußert, es tue ihnen leid, daß es nicht drei Großfürsten gäbe, um alle meine Töchter hier behalten zu können." Noch konnte bis zur eingetroffenen Einwilligung des Landgrafen die Verlobung nicht öffentlich begangen werden. Unterdes entspann sich auf den Lustschlössern von Zarskoje-Selo und Peterhof, wo die Kaiserin ohne den ganzen Zwang der Etikette ein freieres Landleben führte, ein ebenso heiteres wie glänzen­des Treiben. Tie Kaiserin erwies sich den junggn Prin­zessinnen, die sie selbst mit dem Katharinenorden schmückte, sehr gnädig. Bälle und Empfänge wechselten mit Garten­festen, mit Illumination und anderen Lustbarkeiten. Nur das Klima machte sich, mitunter nachteilig für Mutter und Töchter geltend.

Endlich traf die Einwilligung des Landgrafen zu der zu schließender! Ehe ein, allerdings an höchst" eigentümliche Wünsche und Bedingungen seinerseits geknüpft. Eine schwere Sorge bildete für die Landgräfin der von der Kaiserin geforderte Uebertritt ihrer Tochter zur griechischen Kirche; fie sah voraus, wie dieser Schritt den Landgrafen erzürnen und ihre bekenntnistreue Mutter tief betrüben mußte, wenn ihr auch die Kaiserin und die junge Prinzeß selbst, welche man bereits in dem neuen Glauben zu unterrichten be­gonnen hatte, versicherten, daß der Haupluuterschied ledig- luch in dem äußeren Fprmenwesen bestehe. Noch, ehe die

K^Eigung des Landgrafen eingetroffen, war Prinzeß 7-ckhelinine zur griechischen Kirche übergetreteu und hatte bei dieser ltzelegenheit auf den Wunsch der Kaiserin den Namen Natalie erhalten. Nun ivnrde am 29. August unter großen Feierlichkeiten die öffentliche Verlobung voll­zöge,!. teilt wenig satirisch bemerkt die Landqräfin in Be­zug auf d e Anschaffung des Trousseaus, daß^sie sich niM W'_ denn um ihn zu bezahlen, müsse sie sich am Ende selbst verpfänden, und da bleibe es immer noch fraglich, ob sie der Landgraf auslösen würde. Tie Kaiserin die Verlobte ihres Sohnes, die sich ihres vollen Bei­falls erfreute, schnell liebgewonnen und erwies sich, über­aus gütig gegen sie. Auch die Laudgräfiu und die Prin- erhielten reiche Geschenke an Diamanten und ^ijdgren Gewändern. Außerdem wurden für die Land-

./'O'IOO, für jede der Prinzessinnen 50 000 und für die Reise-Ausgaben 20 000 Rubel aus der kaiserlichen Scha­tulle angewiesen. Die Hochzeit des jungen Paares ivurde mit großem Gepränge am 10. Oktober gefeiert, auch der Erbprinz Loms war dazu nach Petersburg gekommen. So wh die Landgrafrn ihre blühenden Kinder in aller Pracht weltlichen Glanzes um sich versammelt, und ihr mütter­liches Herz sand seine Befriedigilng in dem Glück der Toch­

ter, die sie, die kurz bemessene Dauer desselben nicht ahnend, von ihrem Gemahl zärtltch geliebt, von der Kai­serin verwöhnt und vorgezogen sah. Feste reihten sich cm Feste zu Ehren der Neuvermählten. Von einem derselben erzählt die Landgräfin ein so schalkhaftes Abenteuer, daß es zur Charakteristik ihres eigenen Humors wie des gs- haltenen Wesens ihrer jüngsten Tochter hier nicht fehlen darf:Vorgestern war ein Maskenball von 3200 Personen; 21 Säle und Gemächer waren geöffnet und von Menschen gefüllt. Gegen Mitternacht verkleidete ich mich und machte mir das Vergnügen, Luise zu necken, indem ich ein Menuett mit ihr tanzte. Sie hielt micy für den Baron Tzerkassow, fand ihn sehr imperttnent, und als der Tanz begann, sagte sie:Was für ein linkisches Benehmen!" Mitunter ver­mutete sie, daß ich es wäre; aber als ich ihr meinen Arm bot, hatte sie nicht den Mut, die Gräfin Bruce zu verlassen, um mir zu folgen. Diese hatte mich jedoch nach kurzer Zeit erkannt,da sie überzeugt war, daß sich sonst niemand in Petersburg solche Vertraulichkeit mit einer meiner Töchter herausneymen werde." (K. Z.)

Der Nutzen der Seebäder.

Von Tr. P. Meißner.

Tie Reisesaison rückt heran, und man beginnt, Pläne für die Badereisen zu machen. Wohin soll man reisen? Ins Gebirge oder an die See? Ich spreche hier nicht von Badereisen im engeren Sinne. Diese werden vom Arzt in bestimmter Weise empfohlen und vom Patienten dann auch so ausgeführt oder auch nicht so ansgeführt; ich mein« hier die Badereisen, welche sich die Menschen selbst ver­ordnen und die mehr den Charakter von Erholungsreisen tragen. Mit Recht spielen bei den obigen Ueberlegungen die Seebäder eine große Rolle. Im allgemeinen müssen wir zwei Hauptgruppen von Seebädern unterscheiden: Küstenbäder und Jnselbäder. Beide haben ihren spezifischen Charakter und ihre Vorteile, beide sind nicht gleichwertig. Das Küstenbad verbindet die Wirkung der Seeluft und des Meeres mit denen der Landwinde und der Formation des Festlandes. Tie Küstenbäder sind sozusagen nur fakul­tative Seebäder und ermöglichen durch mehr oder weniger weites Zurückgehen in das Land eine Abschwächung der spezifischen Faktoren der Seebäder. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß die Lage an der Küste gewisse Nachteile mit sich bringt: erstens die Gefahr unangenehmer, mit Staub geschwängerter Landwinde, ferner ein geringerer Salzgehalt des Meeres und schließlich eine nicht immer gleichgültige Verunreinigung durch die oft nahe gelegenen Flußmündungen. Auf der anderen Seite muß die Möglich­keit, ein solches Seebad zu Lande erreichen zu können, als ein entschiedener Vorteil bezeichnet werden, da eine große Anzahl von Menschen die Ueberfahrt per Schiff wegen der Seekrankheit scheuen. Die Jnselbäder andererseits haben ein rein nrarittmes Klima ohne jede Staubverunreinigung der Luft, sind aber natürlich den Seewinden viel schutzloser ausgesetzt, als dies bei Küstenbädern der Fall zu sein pflegt. Tas Meerwasser ist bekanntermaßen salzig, es enthält aber nicht allein Kochsalz, sondern auch andere Salze und Stoffe, wie z. B. Jod. Seebäder find somit den Soolbädern gleich zu erachten.

Ta die Auswahl von Soolbädern auch sehr auf die Konstitution, den Gesundheitszustand des einzelnen Rück- sicht nehmen muß, so ist nach dem Gesagten klar, daß auch die Seebäder eine sorgfältige Auswahl erfordern und es keineswegs gleichgültig ist, wo man Seebäder nimmt. Wenn wir auch eben gesehen haben, daß das Meerwasser quali­tativ einer mehr oder weniger starken Soole gleich zu setzen ist, so besteht doch eine erhebliche Differenz insofern, als beim Meer die dauernde und nie aussetzqnde Bewegung des Wassers in Betracht kommt. Ter Wellenschlag, sei er stark oder schwach, bewirkt eine ganz bedeutende und für gewisse Fälle recht wohltuende Massage, wie sie gleich­wertig sonst kaum erreicht werden kann.

Wie man nun auf die zweckmäßigste Weise Seebäder nehmen soll, wollen wir weiter unten besprechen, hier muß nur noch ein ungemein wichtiger Faktor aller Seebäder erörtert werden, nämlich die Seeluft. Tie Seeluft, ganz abgesehen von dem Meerwasser, übt allein schon eine Reihe oft sehr wohltuender Wirkungen aus. Sie ist so verschieden von der Landluft, daß man unwillkürlich auf eine eigen-