Ur. 86
1903.
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S«inst«g den 13. Juni.
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Eine sirrflliche Brautfahrt im 18. Jahrhundert.
In dem interessanten Werke von Eleonore v.Bojanowski über die Großherzogin Luise von Sachsen-Weimar (I. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin) findet sich eine sehr anziehende Schilderung der Reise, die die Landgräfin Karoline von Hessen mit ihren -drei jüngsten Töchtern Amalie, Wilhelmine und Sinje nach Petersburg unternahm, damit sich der Großfürst-Thron- solger Paul aus ihnen eine Frau aussuchen möchte. Tie Vorverhandlungen für diese Brautschau hatte im Auftrage der Kaiserin Katharina der Geheimrat v. Asseburg geführt; er hatte verschiedene deutsche Höfe besucht und eingehende Berichte, teils von Bildnissen der in Betracht kommenden Prinzessinnen begleitet, an seine Herriu gesandt, die ihrerseits alles mit scharfem Auge und Verstand prüfte. Im ganzen verlangte man in Petersburg, wie Friedrich der Große, der sich für die Angelegenheit interessierte, au die Landgräfin Karoline schrieb: „de la douceur, un maintien honnete et de la fecondite. Quant au dernier point, il faut s’en rapporter aux probabilites, les ex- periencesne seraientpas admissibles sur un sujet si delicat.“ Friedrich der Große wünschte selbst aus politischen Gründen, daß die Wahl des russischen Hofes auf eine der darmstädtischen Prinzessinnen fallen möchte, da der preußische Thronfolger mit der Zweitältesten Tochter des Landgrafen vermählt war, und in Petersburg neigte man auch dazu, sich für eine T ar m st äd t erin zu entscheiden; nur hatte Asseburg das Bedenken, ob diese Prinzessinnen zu dem er- sorderlicheu Religionswechsel bereit sein würden. Ter Unterhändler meinte jedoch, sie würden über die Glaubensfrage milder denken, wenn sie einmal aus eigener Anschauung von dem Glanz der ihnen gebotenen Stellung in Petersburg sich einen Begriff gemacht hätten. Landgrüfin Karoline hielt e) für ihre Pflicht, die Aussicht aus eine so glänzende Verbindung für eine ihrer Töchter nicht abzu- weisen, und nahm die Leitung der Angelegenheit selbst in die Hand. Als die diplomatischen Verhandlungen soweit gediehen waren, daß die Kaiserin, wenn auch ohne ein bestimmtes Versprechen abzugeben, die Landgrüfin auffordern ließ, mit ihren Töchtern nach Rußland zu kommen, so eröffnete diese nun ihrem Gemahl die sich darbietenden BermählungSaussichten, um seine Genehmigung zu dieser Reise zu erhalten. Nur mit Widerstreben willigte der Fürst ein. „Tie Bildnisse sind nun fast schon ein Jahr in Petersburg", schreibt er unwillig, auch hier militärisch gefaßt, „und nun verlangt man, daß Sie mit Armee und Bagage Marschieren, d. h. mit unseren drei Töchtern. Meine Gedanken hierüber will ich nicht ausjprechen, ich glaube aber, fte sind sehr richtig." Indes kam es doch zu der Reise. Mr Fürstin trat Anfang Mai 1773 mit ihren drei Töchtern
die weite und beschwerliche Fahrt an. In ihrem Gefolge! befand sich als Rechnungsführer auch Merck. Damals hat auf der Zeil in Frankfurt der jugendliche Goethe Prinzessin Luise zum ersten Male erblickt. „Schlank und leicht", erzählt er in ihren letzten Lebenstagen dem Kanzler v. Müller, „sah ich sie dort in den Wagen steigen, der sie nach Rußland brachte." Damals bereits muß ihre Erscheinung einen tiefer» Eindruck auf Goethe gemacht haben, denn er fährt fort: „seit jener Zeit blieb ich ihr treu ergeben; nie hat der geringste Mißklang stattgefunden."
Ten ersten längeren Aufenthalt machte die Landgräfirk bei ihrer Tochter in Potsdam. Der König, die Prinzeß von Preußen und ihr Gemahl tote die andern Mitglieder des Königshauses ließen es nicht an Aufmerksamkeiten für sie fehlen. Ter König sah sie des öfteren in Sanssouci, auch die jungen Prinzessinnen erfreuten sich seines Wohlwollens. Er betrachtete sie aufs aufmerksamste, um sich, wie er sagte, ihre Physiognomien einzuprägen, da doch eine von ihnen in Rußland zurückbleiben werde. Tie jüngste, Prinzessin Luise, meinte er zuerst, passe am besten im Alter; nach dem Tiner aber entschied er, daß es wohl die zweite sein werde, deren Stirn dazu bestimmt erscheine, eine Krone zu tragen. Auch einer der großen Paraden wohnten die Reisenden bei. Erfreut berichtet die Fürstin ihrer Mutter, daß man bei Hofe ebenso befriedigt von ihren Töchtern zu sein scheine, wie sie es sei. Am 8. Juni schiffte sich die! Fürstin mit ihren Töchtern und einem Teile ihres Gefolges in Travemünde auf der prachtvoll ausgestatteten! Fregatte ein, die ihr die Kaiserin entgegengesandt hatte; die Seereise selbst wurde durch eingetretene Windstille auf zehn Tage ausgedehnt. In Reval wurden die Reisenden von den esthländischen Ständen aufs glänzendste empfangen, von dort begab man sich mit kaiserlicher Extrapost direkt nach Petersburg. In Gatschina, einem Lustschloß des Grafen Orlow, wo die Laudgräfin, seiner Einladung Send, das Tiner einnehmen sollte, erwartete sie zu ihrer
erraschung die Kaiserin selbst, welche ihr hierher ent- gegengekommen war, um die Verlegenheit des ersten Zusammentreffens zu mildern. Von einem Fenster aus drei Prinzessinnen in dem Moment beobachtend, als sie aus dem Reisewagen stiegen, sagte die Kaiserin von der ersten, die herauskam, der nachherigen Markgräfin. von Baden, „e'est un mouton", von der zweiten, der Prinzeß Louise, „e'est une tcte", von der dritten, der nachmaligen Großfürstin, „e'est ce qu'il nous faut".
Ten Moment selbst beschreibt der die Fürstin begleitende Kammerherr v. Schrautenbach: „Tie Kaiserin empfing uns mit der großen Güte, welche ihr alle Herzen gewinnt. Die Frau Landgräfin selbst bestand diese erste Begegnung sehr gut, aber die Prinzessinnen, ermüdet und abgespannt durch die große Hitze, gerieten in ungeheure Verlegenheit, sodaß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochten. Indes bemerkte man doch leicht, daß Ihre Majestät zufrieden war.


