150
paar Jahren geraten war. Ich habe ihn durchgerissen, und Sir Lernard hat mi-ch anständig dafür vezahck. Seitdem habe ich von beiden nichts wieder gehört ooer gesehen, dis vorige Woche."
Der Anwalt rückte seinen Stutzt den unseren näher, dengle sich vor und fuhr mit aus die Knie gestützten Hünoen fori:
„Am Dienstag der vorigen Woche erhielt ich ein Telegramm von Sir Lernard, bas mich sofort zu ihm rief. Lei meiner Ankunft erwartete er mich auf dem Fahrwege, führte mich, ohne ein Wort zu sprechen, in die Bilder- gallerie, die verschlossen und verdunkelt war, zog ein Ronleaux in die Höhe und wies stumm auf einen leeren Rahmen. Es dauerte geraume Zeit, bis ich ein Wort aus ihm herausbringen konnte. Dann aber sagte er mir endlich- der Rahmen habe eins der seltensten und wertvollsten Ge- mälde in England — in der ganzen Welt — enthalten, einen echten Velasquez. Ich habe nachgesorscht", sagte der Anwalt, „und es scheint buchstäblich ivahr zu sein. Das Bild war ein Porträt der Jnfanta Maria Teresa, das für eins der größten Werke des spanischen Malers gilt und nur von einem anderen Porträt übertroffen iuirb, das einen der Päpste darstellt. Das wurde mir in der Nationalgallerie gesagt, wo die Leute die Geschichte des Bildes auswendig kennen. Es habe tatsächlich einen unschätzbaren Wert, behaupteten sie. Und der junge Debenham hat es für fünftausend Pfund verkauft!"
„Den Teufel auch!" rief Rasfles, während ich mich nach dem Käufer erkundigte.
„Ein Gesetzgeber von Queensland, Namens Craggs — der ehrenwerte John Montagu Craggs, Mitglied der gesetzgebenden Versammlung, um ihm seinen vollen Titel zu geben. Nicht, daß wir am Dienstagabend etwas über ihn gewußt hätten; wir waren nicht sicher, ob wirklich der junge Debenham das Bild gestohlen habe. Allein er tvar am Montag gekommen, um Geld zu verlangen, war auf eine Weigerung gestoßen, und es lag ziemlich klar am Tage, daß er sich auf diese Weise geholfen hatte. Schon früher hatte er mit Rache gedroht, und dies war sie. Als ich ihn Dienstagabend in der Stadt auffuchte, gestand er auch alles in der unverfrorensten Weise ein, die man sich denken kann; den Käufer wollte er mir jedoch nicht nennen, und ihn zu ermitteln, nahm den Rest der Woche in Anspruch, aber ich habe ihn schließlich herausgefunden, und seitdem habe ich mich schön abgehetzt! Immer zwischen Esher und dem Hotel Metropole, wo der Queensländer wohnt, hin und her, zuweilen zweimal an einem Tage, Drohungen, Anerbietungen, Bitten, Beschwörungen — nichts hat auch nur das geringste genützt!"
„Aber", entgegnete Rasfles, „der Fall liegt ja doch sehr einfach. Der Verkauf ist ungesetzlich; Sie können ihm den Kaufpreis zurückzahlen und ihn zur Herausgabe des Bildes zwingen."
„Sehr richtig, aber nicht ohne vorausgegangene Klage, die zu einem öffentlichen Skandal führen würde; und davor schreckt mein Klient zurück. Verstoßen hat er seinen Sohn, aber er will ihn nicht entehren, und doch möchte er das Bild auf geradem, oder auf krummem Wege wiederhaben, und da liegt der Has int Pfeffer ! Ich soll es ihm wieder h-erbeifchaffen, mit Güte oder Gewalt; er läßt mir vollständig freie Hand, und ich glaube wahrhaftig, er würde mir einen Blanko-Scheck geben, wenn ich es verlangte. Dem Queensländer hat er schon einen angeboten, aber der hat ihn einfach durchgerissen. Der eine von den beiden alten Knaben ist so gut ein Charakter, als der andere, und ich bin mit meinem Verstand zu Ende."
„Deshalb haben Sie die Anzeige in die Zeitung rücken lassen?" fragte Raffles in dem trockenen Tone, den er während der ganzen Verhandlung angenommen hatte.
„Ja, als letzten Versuch."
„Und Sie wünschen, daß wir das Wld stehlen sollen?" Das wurde ganz großartig gesprochen, und der Sachwalter errötete von den Haarwurzeln bis an den Kragen.
^Jch habe es ja gleich gesagt, daß Sie nicht die richtigen wären", stöhnte er. „Niemals habe ich an Leute Eures Schlages gedacht. Aber stehlen kann man es doch nicht nennen", fuhr er hitzig fort, „es handelt sich um die Wiedererlangung gestohlenen Eigentums. Außerdem will Sir Dernard ihm feine fünftausend Pfund erstatten, sowie das Bild wieder in der Gallerie hängt. Sie werden sehen, daß der alte Craggs es ebenso gern
vermeiden möchte, die Geschichte in die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen, als Sir Bernard selbst. Nein, nein, es ist eine Unternehmung, ein Abenteuer, wenn Sie wollen — aber Diebstahl ist es nicht."
„Sie selbst haben doch vom Gesetz gesprochen", murmelte Raffles.
„Und von der Gefahr", fügte ich hinzu.
„Dafür bezahlen wir ja auch", sagte er noch einmal.
„Aber nicht genug", meinte Raffles kopfschüttelnd. „Mein guter Herr, bedenken Sie doch einmal, was für uns auf dem Spiele steht. Sie selbst sprachen von den Klubs; aus denen würden wir nicht nur hinausgeworfen, sondern obendrein wie gemeine Verbrecher ins Gefängnis gesteckt werden! Allerdings sind wir in großer Verlegenheit, aber der Preis ist denn doch zu niedrig. Verdoppeln Sie Ihren Einsatz, dann bin ich für meine Person Ihr Manu!"
Addenbrooke schwankte.
„Glauben Sie, daß Sie es durchführen können?" „Wir könnten es wenigstens versuchen." „Aber Sie haben keine ..."
„Erfahrung? Die haben wir allerdings nicht/' „Und Sie würden für viertausend Pfund wirklich bte Gefahr übernehmen?"
Rasfles sah mich an, und ich nickte.
„Ja, das werden wir tun, und hol' der Henker die Gefahr!" '
„Es ist aber mehr, als zu bezahlen ich meutern Klienten raten kann", sagte Addenbrooke, plötzlich hartnäckig werdend.
„Dann ist es auch mehr, als aufs Spiel zu setzen, Sie von uns erwarten können."
„Sprechen Sie im Ernst?"
„Das weiß der liebe Gott."
„Sagen Sie dreitausend, wenn es gelingt."
„Vier ist unser letztes Gebot."
„Dann sollte aber im Falle des Mißlingens tede Zahlung fortfallen." . .
„Doppelt, oder quitt?" rief Raffles. „Gilt, oas ist sportmäßig abgemacht!"
Addenbrooke öffnete die Lippen, erhob sich halb,,fetzte sich aber wieder auf einen Stuhl und schaute Rasfles lange und verschmitzt an — mich aber würdigte er keines Mtckes.
,ckkch weiß, was Sie zu schlagen verstehen, sagte er nachdenklich, „Wenn ich eine Stunde wirklicher Ruhe suche, gehe ich nach Lords Spielplatz, und da habe ich Sie oft genug schlagen — ja, und die bestell Wickels i« England machen sehen. Den letzten Wettkampf zwischen Herrn-- und Berufsspielern werde ich sobald ntcht vev- aessen; ich war dort. Sie sind mit allen Salben ge- rieben — 'mit allen. Wenn's einen Menschen auf der Welt giebt, der diesen altem Australier hineinlegen kann, so sind Sie es, sollte ich denken. — Hol' mich der Satan, ich glaube. Sie sind der richtige Mann für mich!"
Das Geschäft wurde im Cafö Royal abgeschlossen, wo uns Remiet Addenbrooke mit einem üppigen Frühstück bewirtete. Ich entsinne mich, daß er seinen Champagner mit der nervösen Hast eines Mannes trank, der in der höchsten Spannung ist, und ich zweifele nicht daran, daß tch mck gleicher Zwanglosigkeit mit ihm Schritt ytelt, aber Raffles« der sich bei solchen Anlässen immer tnusterhaft benahm, war noch enthaltsamer als gewöhnlich, und ein recht schlechter Gesellschafter obendrein. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er, die Blicke auf den Teller gerichtet, in tteses Nachdenken versunken, da saß. Auch den Sachwalter sehe ich noch, wie er von Zeit zu Zeit mit dem Ausdruck einer Besorgnis nach mir hinschaute, die durch beruhigende Blicke zu beschwichtigen ich mich bemühte. Am Schlüsse des Mahles entschuldigte sich Raffles wegen seiner Zerstreutheit, ließ sich einen Fahrplan kommen und teilte uns mit, er wolle mit dem Nachmittagszuge nm 3 Uhr nach Esher fahren.
„Sie müssen verzeihen, Mr. Addenbrooke", sagte er, „aber ich habe meine eigenen Pläne, die ich für den Augenblick für mich zu behalten vorziehe. Sie sichren vielleicht zu nichts, und deshalb rede ich nicht gern darüber, aber mit Sir Bernard muß ich sprechen. Wollen Sie so gut sein, mir eine Ihrer Karten mitzugeben und ein paar erklärende Worte daraus zu schreiben? Wenn Sie darauf bestehen, können Sie mich begleiten und hören, was ich sage, aber ich sehe wirklich keinen Nutzen darin.


